Braunschweig. Daniel Scherning hat bei Eintracht Braunschweig Führungsspieler auserkoren. Die Herausnahme des Kapitäns will er nicht zu hoch hängen.

Wenn ein Kapitän nicht mehr unumstritten ist, dann erzeugt das ganz automatisch Aufmerksamkeit. Das war Anno 2010 bei der Nationalmannschaft und Michael Ballack der Fall und das ist auch ganz aktuell 35 Kilometer weiter den Mittellandkanal herunter beim VfL Wolfsburg und Maximilian Arnold so. Bei Fußball-Zweitligist Eintracht Braunschweig gibt der Kapitän ebenfalls ein paar Rätsel auf.

Jannis Nikolaou übernahm im Sommer die Binde von Urgestein Jasmin Fejzic. Der Torwart hatte seine Karriere beendet. Der Derby-Held schien nach drei Jahren in Blau-Gelb die einzig logische Wahl. Der damalige Trainer Jens Härtel rechnete mit großen Spielanteilen des Mittelfeldspielers. Doch weder für die Mannschaft noch für den 30-Jährigen lief die Saison gut an. Nikolaous positiver Einfluss auf das Spiel des Tabellenvorletzten ist noch gering. Er musste wegen Sperren in drei Spielen zuschauen, fehlte zudem einmal erkrankt. Ohne ihn gewann die Mannschaft mit dem neuen Trainer Daniel Scherning mit 3:2 gegen Osnabrück. Beim 1:2 beim Hamburger SV nahm der Coach den Sechser zur Pause vom Feld, das Team steigerte sich nach den Wechseln.

Kapitänsgeschichte für Eintracht Braunschweigs Trainer unwichtig

Doch Scherning stellt klar: „Gehen wir weg von der Kapitänsgeschichte. Ich glaube, das kann auch mal passieren, dass man eine Saison hat, die nicht so läuft, wie man sich das vorstellt – als Mannschaft, aber auch individuell.“ In Hamburg habe der Trainer Entscheidungen getroffen, um Dinge im Spiel zu optimieren. Die Herausnahme des Spielführers sei nicht auf eine Aktion zurückzuführen, es gebe keine Schuldzuweisung.

Nikolaou war unmittelbar vor dem 0:2 von Robert Ivanov in einem Raum angespielt worden, in dem er umzingelt von Gegenspielern war. Er verlor den Ball, Sekunden später traf Immanuel Pherai. „Klar ist das ein Fehler, der in diesem Raum nicht passieren darf, aber wir haben auch danach noch die Möglichkeit, das Ding zu verhindern“, bekräftigte Scherning.

Der 40-Jährige befindet sich nach eigener Aussage noch in der Kennenlernphase. Erste Merkmale seiner Arbeit sind aber schon deutlich zu spüren. Eine zuvor verunsicherte Mannschaft wirkt nun gefestigter, womöglich weil der Trainer seiner Mannschaft klare Strukturen und Zuständigkeiten verpasst hat. „Mir ist wichtig, dass die Führungsspieler wissen, dass sie Führungsspieler sind. Dabei geht es nicht um die Bunde, die ist nur ein Symbol auf dem Platz“, verdeutlichte der gebürtige Paderborner. Jene Führungsspieler hat das Trainerteam klar definiert. Sie sollen Verantwortung in der Kabine und auf dem Platz übernehmen. Die klare Hierarchie mache es einfacher für alle anderen Spieler sich einzuordnen.

Scherning will bei Eintracht Braunschweig weiter genau hinschauen

In Stein gemeißelt scheint diese aber noch nicht. Scherning will die Zeit bis zum Winter nutzen. „Wer verhält sich in welchen Momenten wie? Wer räumt was weg? Wer sorgt für Ordnung in der Kabine? Wer sorgt für Struktur im Training oder im Spiel?“, zählt der Coach Kriterien auf. „Im Winter werden wir schauen, was wir vielleicht noch tun müssen, oder ob es in Ordnung ist, wie wir aufgestellt sind.“

Mit der Frage, was ihn bei Eintracht Braunschweig überrascht hat, hat Scherning nicht gerechnet. Aber er betont nach kurzem Nachdenken: „Dass die Jungs eine Mannschaft sind und dass sie das auch jeden Tag leben. Das hat mich schon ein Stück weit überrascht, weil ich mit was anderem gerechnet habe. Ich wusste vorher nicht, was intern so los ist.“ Er habe sich natürlich vorher die Spiele angeschaut, sich über den Klub informiert, „aber das wirkliche Innenleben war mir nicht so klar“, erklärt Scherning.

In Bielefeld übernahm er einst eine Mannschaft, der man nachsagte, sie sei nicht bereit für den Abstiegskampf gewesen. Was er aber bislang mit dem Eintracht-Kader im Training erlebe, sei absolut in Ordnung, auch wenn es in dieser Woche wetterbedingt einen Ausreißer nach unten gab. Er finde den Umgang in der Kabine gut und auch, dass Zug auf dem Platz drin ist. „So wie du trainierst, so spielst du auch. Da wird die Basis gelegt. Das ist wichtig für all das, was jetzt kommt.“

Und womöglich ist das auch eine Chance für den Kapitän. In einem gefestigteren Konstrukt kann auch Jannis Nikolaou sich an der Seite anderer Führungsspieler aus dem Tief kämpfen.