Braunschweig. Eintracht Braunschweigs Interimstrainer muss den Spielern das Derby-Gefühl vermitteln. Das ist nicht leicht bei einem kriselnden Klub.

Zum zweiten Mal wird Interims-Trainer Marc Pfitzner am Sonntag (13.30 Uhr) als verantwortlicher Trainer Eintracht Braunschweigs an der Seitenlinie stehen. Und das freilich nicht in irgendeinem Spiel. Schließlich geht‘s zum Derby bei Hannover 96. Ein besonderes Spiel – immer. Für die Fans ist es das wichtigste des Jahres. Obwohl die sportliche und die Gesamtlage beim Fußball-Zweitligisten aktuell eigentlich ausreichend Baustellen hergibt, die von höherer Relevanz sind als ein einziges Spiel.

Marc Pfitzner schaute das Derby früher in der Kruve

Aber es ist eben keine x-beliebige Partie. Wer könnte das besser wissen als Pfitzner? Als Spieler hat er zwar nur ein Derby selbst miterlebt. Beim 0:0 am 8. November 2013 in der Landeshauptstadt durfte er fünf Minuten mitwirken. Allerdings ist dem 39-Jährigen als Klub-Ikone die Tragweite dieser Paarung für die Anhänger natürlich ohnehin gewahr. Er ist gebürtiger Braunschweiger. Und hat die Duelle gegen Hannover auch vor seiner Profi-Laufbahn im Stadion verfolgt. „Das ist kein Geheimnis“, sagt Pfitzner, „ich war früher in der Kurve, habe Derbys erlebt – auch Derbys, die gut ausgegangen sind für uns. Es ist was Besonderes, ein anderes Spiel. Die ganze Region verfolgt das Ding.“

Braucht es für die Spieler da überhaupt einer speziellen Einstimmung? Durchaus. Dazu haben sich Pfitzner und die anderen Eintracht-Verantwortlichen etwas einfallen lassen. Nein, ein Bild von Sportdirektor Benjamin Kessel, wie er mit kämpferischer Miene und einem Urschrei auf den Lippen im Oktober 2020 mit Hannovers Marvin Ducksch auf Tuchfühlung geht, haben sie nicht an die Kabinentür gehängt.

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Kein Anlass zur Euphorie bei Eintracht Braunschweig

Dafür wurden Videos in Whatsapp-Gruppen geteilt. Clips, die die Stimmung zeigen, das Derby-Gefühl rüberbringen. Zumindest im Ansatz. „Mit vielen Kleinigkeiten haben wir das Gefühl vermittelt, was uns da erwartet. Ich glaube aber, der eine oder andere wird trotzdem Augen machen, wenn wir uns auf den Weg machen“, sagt Pfitzner. Zum Beispiel dann, wenn die Fanmassen zum Stadion pilgern. Oder von Brücken gegrüßt wird. Das passiert bei anderen Duellen schließlich nicht in dieser Form.

Großen Anlass zur Euphorie gibt‘s in Braunschweig dagegen aktuell nicht. Die Tabellensituation spricht für sich. Fünf Punkte, nur sieben Tore erzielt, Tabellenschlusslicht – die Zahlen lügen nicht. Hinzu kommt eine unsichere Gesamtlage. Sportgeschäftsführer Peter Vollmann steht mal wieder in der Kritik. Wahrscheinlich aber stärker als je zuvor. Vielen Anhängern fehlt die Perspektive, die Nachhaltigkeit in der Gestaltung ihres Herzensklubs und die offene Kommunikation. Wer nach Pfitzner den Trainerposten übernimmt? Noch ungewiss.

Kulisse beim Derby zwischen Eintracht und Hannover 96 wird beeindruckend

Und die Hannoveraner sind den Braunschweigern aktuell sportlich weit voraus. 96 liegt in der 2. Bundesliga auf Rang fünf. Der große Erzrivale hat nach elf Spieltagen bereits 13 Punkte Vorsprung auf die Blau-Gelben. „Wenn man so ein bisschen horcht, wenn Ergebnisse getippt werden. Da stehen wir nicht oft als Sieger in den Tipps“, sagt Pfitzner und ergänzt: „Es muss wirklich fast alles passen, damit wir solche Spiele gewinnen. Trotzdem rechnen wir uns was aus.“ Der Druck liege klar bei Hannover. „Wir sind eher nicht die, die etwas verlieren können.“

Die Mannschaft werde „das Herz auf dem Platz lassen“. Das muss sie auch. Das erwarten die Fans. Das ist das Mindeste. Und das ist die einzige Chance, in Hannover einen Ausblick auf Zählbares zu haben. Die Kulisse jedenfalls wird außergewöhnlich. So viel ist klar. Mehr als 40.000 Menschen werden im Niedersachsenstadion singen, brüllen und pöbeln. Der Einsatz von Pyrotechnik: äußerst wahrscheinlich.

Einfluss von außen wird schwierig für Pfitzner

Damit müssen auch die Spieler erst einmal zurechtkommen. Vor allem jene, die solch ein Derby bislang nur vom Hörensagen kennen. Und auch für Pfitzner wird‘s nicht einfach, während der Partie seine Kommandos zu schnauzen. „So viel Einfluss nehmen kann man nicht bei so vielen Zuschauern. Das wird ein Brett, da kann man vielleicht nur individuell was weitergeben. Das ist nicht wie in der U19 und der U23.“

Zu letzterer wird Pfitzner nach dem Derby als Trainer wieder zurückkehren. Dann endet seine Interimsphase. Bei Eintrachts Profis rückt er wieder ins zweite Glied. Erst einmal aber steht dieses besondere Spiel an – in einer schwierigen Gemengelage.