Braunschweig. Der Kapitän von Eintracht Braunschweig hat defensiv nachgelassen. In einer Statistik aber gehört er sogar zur Liga-Spitze.

Die Bilanz von Eintracht Braunschweig in der laufenden Saison ist verheerend. Nur ein Sieg gelang in elf Duellen in der 2. Fußball-Bundesliga. Mit nur fünf Pünktchen kleben die Blau-Gelben am Tabellenende. Sieben erzielte Tore sind der mieseste Wert des Unterhauses – mit Abstand. Diese Liste der Unzulänglichkeiten ließe sich sogar noch fortführen. Gerade in solchen Momenten braucht es im Sport Akteure, die vorangehen. Vor dem Derby bei Hannover 96 am Sonntag (13.30 Uhr) lechzen die Fans nach einem Hoffnungsschimmer. Der Augentest liefert dazu aktuell wenig Anlass. Aber was geben die Daten der Leit-Löwen her? Bei Jannis Nikolaou zu Beispiel.

In der abgelaufenen Saison sorgte der Mittelfeldspieler für das emotionale Highlight der Punktrunde. Beim 1:0-Heimsieg über Hannover erzielte er kurz vor dem Abpfiff den Siegtreffer. Mittlerweile ist der 30-Jährige Kapitän des Teams. Er ist einer der zentralen Spieler. Er muss Impulse setzen. Gelingt das? Oder steckt der Sechser im Formloch? Unsere Partner vom Datenscouting-Unternehmen Ballorientiert haben Nikolaous Leistungen einer Analyse unterzogen. Grundlage dafür sind Daten der Anbieter Wyscout und Soccerment aus der aktuellen sowie aus der abgelaufenen Saison.

Jannis Nikolaou ist in Zweikämpfen nicht mehr so präsent

Demnach hat sich gerade der defensive Einfluss des Deutsch-Griechen im Vergleich zur Vorsaison stark verringert. In Zweikämpfen ist Nikolaou nicht mehr so präsent. Sowohl am Boden als auch in der Luft führt der Eintracht-Kapitän pro Partie je gut zwei Duelle weniger. Seine Erfolgsquote bei Defensiv-Duellen sank um fünf Prozent auf nunmehr 54. Zudem fängt er pro Spiel mehr als einen Pass weniger ab – woraus sich schließen ließe, dass er den Raum vor der Abwehrkette nicht mehr so ordentlich schließt.

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Allerdings braucht es an dieser Stelle auch eine Einordnung. Denn kaum zu glauben, aber wahr: Eintrachts Ballbesitzquote hat sich im ersten Saisondrittel im Vergleich zur Spielzeit zuvor gesteigert. Weniger Defensiv-Aktionen gehen damit automatisch einher. Dennoch stehen Nikolaous um fast ein Viertel verschlechterten Werte dazu nicht in einem gesunden Verhältnis.

Schwächere Quoten als Robin Krauße und Sebastian Griesbeck

Verglichen mit seinen Positions-Kollegen Robin Krauße und Sebastian Griesbeck weist Nikolaou die mit Abstand schwächste Erfolgsquote auf, wenn es um erfolgreiche Defensiv-Duelle geht. Zudem produziert er die meisten Ballverluste (9,5 pro Spiel), sucht aber auch schneller den Pass in die Offensive als seine beiden Mitspieler.

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Was bei Nikolaou besonders heraussticht: Er zeigt zwei verschieden Gesichter. Es ist so etwas wie ein Jekyll-und-Hyde-Paradoxon – oder so ähnlich. Vor dem Pausenpfiff verhält sich der 30-Jährige deutlich passiver in der Defensive, meidet den direkten Zweikampf und verteidigt eher den Raum. Dementsprechend fängt er mehr Bälle ab. In den zweiten 45 Minuten ändert sich sein Verhalten komplett. Nikolaou verteidigt dann mehr mann- als raumorientiert, geht konsequenter in die Defensiv-Duelle – und entscheidet sie mit klar gesteigerter Quote für sich (in der 1. Hälfte 43 Prozent, in der 2. Hälfte 63 Prozent). Somit erobert er den Ball öfter – und verliert ihn gleichzeitig seltener.

Eintracht Braunschweigs Kapitän ist im Gegenpressing Liga-Spitze

Wie kann dieser Gegensatz erklärt werden? Vermutlich durch einen regelmäßigen Blick auf die Anzeigetafel. Die zeigte nämlich in dieser Spielzeit schon siebenmal einen Pausen-Rückstand der Eintracht an. Das würde den Ansatz, aktiver im Anschluss zu verteidigen, erklären.

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Ist nun alles schlecht, was Nikolaou da Woche für Woche abliefert? Nein. In einigen statistischen Werten hat der Mittelfeld-Mann sich auch gesteigert. In einem gehört er gar zu Ligaspitze. Im Gegenpressing nämlich ist er aktuell einer der aktivsten Spielern der 2. Bundesliga. Mit 18 Gegenpressing-Aktionen gehört Nikolaou zur Top-10 des Unterhauses. Zum Vergleich: Den Spitzenwert liefert Holstein Kiels Philipp Sander mit 22. Eintrachts Konter-Absicherung hat sich allgemein verbessert, was auch auf diesen Wert des Kapitäns zurückzuführen ist. Doch auch hier gibt es ein dickes Aber: Denn die wenigen guten Konterchancen nutzen die Gegner eben häufig zu Toren. Die Blau-Gelben kassierten bereits fünf Gegentoren mehr im Umschaltspiel als statistisch zu erwarten war.

Mehr Verantwortung für Nikolaou in Ballbesitz

Doch zurück zu Nikolaou. Neben gutem Pressing übernimmt er auch mehr Verantwortung mit dem Ball als in der Vorsaison. Das liegt am gesteigerten Ballbesitz des Teams, aber auch daran, dass sich das Personal um ihn herum verändert hat. Ein Immanuel Pherai ist schließlich nicht mehr da. Nikolaou verteilt den Ball vermehrt – vor allem in die Offensivreihe. 9,6 Pässe spielt er ins Angriffsdrittel. In der Vorsaison waren es noch 8,2. Zudem hat Nikolaou seine Passquoten in allen Belangen leicht steigern können.

Eintrachts gegenwärtige Misere ist freilich nicht allein an Nikolaou festzumachen. Als Kapitän und Sechser aber kommt ihm gesteigerte Verantwortung zu. Bislang ist er nicht der erhoffte Balleroberer im Braunschweiger Mittelfeld. Sein defensiver Einfluss ist gesunken. Dafür hat er sich immerhin im Gegenpressing gesteigert. Das zumindest verraten die Zahlen. Was der Augentest verrät, muss jeder selbst beurteilen.