Braunschweig. Eine Kino-Doku erzählt die Geschichte der spektakulären Schau in Amsterdam. Und lässt das Herzog-Anton-Ulrich-Museum nicht gut aussehen.

Es war das wohl aufsehenerregendste Kunstereignis des Jahres und die bislang größte Ausstellung über Jan Vermeer (1632-1675) überhaupt, einen der bedeutendsten und faszinierendsten Barockmaler. Von Februar bis Juni präsentierte das Amsterdamer Rijksmuseum 28 der nur 37 erhaltenen Werke Vermeers. Die Schau war bereits kurz nach Eröffnung ausverkauft, mit insgesamt rund 650.000 Besuchern wurde sie die erfolgreichste in der Geschichte des Rijksmuseums. Ausstellungshäuser und Sammler in aller Welt hatten dafür ihre Vermeers nach Amsterdam ausgeliehen.

Eines seiner bekanntesten Gemälde allerdings fehlte in der Ausstellung: „Das Mädchen mit dem Weinglas“ aus dem Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum (HAUM). Direktor Dr. Thomas Richter hatte sich trotz mehrfachen Bittens und Drängens der Ausstellungsmacher dagegen entschieden, dem Rijksmuseum das vielleicht bedeutendste Gemälde seines Hauses zur Verfügung zu stellen (wir berichteten). Das hat nun ein Nachspiel. In den Kinos, auch im Braunschweiger „Universum“, ist vor kurzem eine Doku über das spektakuläre Ausstellungsprojekt angelaufen: „Vermeer - Reise ins Licht“. In dem knapp 80-minütigen Film der niederländischen Regisseurin Suzanne Raes kommt das HAUM nicht gut weg.

Das Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum wollte sein berühmtes Vermeer-Gemälde „Das Mädchen mit dem Weinglas“ nicht nach Amsterdam ausleihen.
Das Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum wollte sein berühmtes Vermeer-Gemälde „Das Mädchen mit dem Weinglas“ nicht nach Amsterdam ausleihen. © Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braun

Jan Vermeer - was seine Kunst so außergewöhnlich macht

Es ist nur ein Aspekt in dem ruhigen, konzentrierten Film über die Geschichte der Großausstellung und das Phänomen Vermeer, der „Sphinx von Delft“, dessen Faszination und unvergleichlicher Malkunst Raes nachspürt. Aber die Episode hat doch Gewicht, weil das Braunschweiger Museum als einziges der Häuser, die dem Rijksmuseum eine Absage erteilten, aufs Korn genommen wird. Gleich eingangs sagt der Amsterdamer Kurator Gregor Weber, neben Vermeer gewissermaßen die Hauptperson der Doku, er könne sich kaum vorstellen, dass andere Museen sich dem Ansinnen auf Ausleihe verweigern würden: „Diese Ausstellung ist so wichtig, dass sie echt etwas verpassen, wenn sie ihr Baby nicht auf die Reise lassen.“

Raes Doku setzt bereits im Vorfeld der Amsterdamer Schau ein. Sie zeigt, wie einige ikonische Gemälde erneut unter die Lupe genommen werden, um Vermeers Kunst auf den Grund zu gehen. Etwa seiner herausragenden Könnerschaft in der Wiedergabe von Licht und Schatten in den für ihn typischen stillen Interieurs (Kurator Weber: „Seine Schatten haben sogar Farbwerte; er wusste, dass warmes Licht kalte, bläuliche Schatten wirft“). Der Film widmet sich Webers Überlegungen, ob und wie der geheimnisvolle Maler eine Camera obscura nutzte, um sich seine Motive zu vergegenwärtigen. Und er zeigt Besuche bei Museen und Sammlern, die ihre Vermeers bereitwillig nach Amsterdam verliehen, die Frick Collection in New York etwa und die National Gallery in Washington.

Gregor Weber, Kurator der großen Vermeer-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum, in einer Szene der Doku
Gregor Weber, Kurator der großen Vermeer-Ausstellung im Amsterdamer Rijksmuseum, in einer Szene der Doku "Vermeer - Reise ins Licht". © Neue Visionen | Suzanne Raes

Wie das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in der Vermeer-Doku dargestellt wird

Schließlich besuchen Weber und eine Mitarbeiterin auch das HAUM. „Sie haben die Italiener und die Niederländer durcheinandergehängt“, bemerkt der Amsterdamer Kurator beim Durchschreiten eines zentralen Saales der Gemäldegalerie etwas spitz (und nicht ganz fair, weil die Hängung im HAUM thematisch gegliedert ist). „So eine Sammlung! Und niemand da“, seufzt Weber mit Blick auf die menschenleeren Räume. Dann kommt Dr. Silke Gatenbröcker, Leiterin der Gemäldegalerie, ins Bild. Man kennt sich und tauscht etwas bemüht Freundlichkeiten aus. „Wir haben mittlerweile 24 Vermeers beisammen“, schwärmt Weber. „Das ist noch nie dagewesen. Und wir haben fast alle aus Deutschland, zwei aus Berlin, zwei aus Dresden, einen aus Frankfurt.“ Nur Braunschweig fehle noch.

Doch Dr. Gatenbröcker bleibt hart. Im Film begründet sie die Entscheidung gegen die Ausleihe damit, dass Vermeer 2023 Abiturthema sei. „Alle Abiturienten in Braunschweig müssen, wenn sie im Fach Kunst Abitur machen, über Vermeer schreiben.“ Wie viele Schüler seien das denn, fragt Weber? Sie wisse es nicht, sagt Gatenbröcker. Nun, dann bleibe ihm wohl nichts übrig, als enttäuscht in die Oker zu springen, meint Weber. Das mache keinen Sinn. Die führe derzeit zu wenig Wasser, bemerkt Gatenbröcker.

Dr. Thomas Richter leitet seit 2019 das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig.
Dr. Thomas Richter leitet seit 2019 das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig. © Herzog Anton Ulrich Museum | Peter Sierigk

Warum der Braunschweiger Vermeer nicht nach Amsterdam ging - aber nach Dresden

Er finde die Darstellung seines Hauses in der Vermeer-Doku ziemlich „unfreundlich“, äußert HAUM-Direktor Dr. Richter darauf angesprochen. „Die öffentliche Meinung wird in eine bestimmte Richtung gedrückt.“ Gegenüber unserer Zeitung hatte er die Absage an das Rijksmuseum im März mit konservatorischen Bedenken begründet. Und auch jetzt bleibt er dabei: Das sei der entscheidende Grund gewesen. „Ich habe dafür viel beißende Kritik aus allen Richtungen erfahren“, sagt der studierte Kunsthistoriker. Das sei ungewöhnlich. Eigentlich arbeite man in der Fachwelt vertrauensvoll zusammen, und Entscheidungen würden akzeptiert. Dreimal hätten die Niederländer angefragt, dreimal habe er abgesagt. Auch weil eine Restauratorin des HAUM, die sich seit 40 Jahren mit dem „Mädchen mit dem Weinglas“ befasse, dazu geraten habe. „Jede Ausleihe stellt ein Risiko dar.“

Allerdings hatte Richter nur etwa ein Jahr vor der Amsterdamer Superlative-Schau zugestimmt, das Gemälde für eine Vermeer-Ausstellung an die Dresdener Gemäldegalerie auszuleihen. Das begründet der Braunschweiger Direktor auch auf neuerliche Nachfrage mit der hohen kunstwissenschaftlichen Bedeutung der Dresdener Schau. Im Vorfeld war bei Untersuchungen des Dresdener Vermeers „Das brieflesende Mädchen“ festgestellt worden, dass eine Cupido-Figur, die der Künstler ursprünglich an einer Wand der dargestellten Kammer platziert hatte, später von anderer Hand übermalt worden war. Weil „Das Mädchen mit dem Weinglas“ zeitlich und motivisch in engem Zusammenhang mit dem Dresdener Vermeer stehe, habe die Ausleihe gleichsam „eine Tür in Vermeers Werkstatt eröffnet“.

Dr. Thomas Richter: Ich bin nicht der oberste Marketing-Leiter

Im Gespräch mit Richter meint man herauszuhören, dass er der Amsterdamer Großausstellung dagegen keinen vergleichbaren kunstwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn beimisst. „Es geht nur darum, hier ist ein Event, warum bist du nicht dabei?“ Sicher hätte eine erneute Ausleihe der Außenwirkung des HAUM gut getan. „Aber ich bin nicht der oberste Marketing-Leiter.“ Seine wichtigste Aufgabe sei, die ihm anvertrauten Kulturgüter zu schützen, „die konservatorische Betreuung“ der Bestände. „Ich hätte es mir leicht machen können“, sagt Richter. Aber nach genauer Abwägung mit den Fachleuten seines Hauses habe er sich eben dagegen entschieden. Dazu stehe er.

Lesen Sie zum Braunschweig-Amsterdamer-Vermeer-Konflikt auch unseren Kommentar

Wir haben uns in der Pressestelle des HAUM schließlich noch einmal nach der Zahl der Abiturienten erkundigt, die das Braunschweiger „Mädchen mit dem Weinglas“ in diesem Jahr besucht haben. Als Antwort wurde uns allerdings nur die Zahl der Schulklassen genannt, die nach den Sommerferien kamen, als die Amsterdamer Schau bereits Geschichte war. Die allerdings ist beachtlich: Insgesamt 81 Klassen seien es seitdem gewesen, davon drei im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit dem Sponsor Volkswagen Financial Services, der einen Shuttle-Service anbietet. „Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es bei allgemein hoher Nachfrage noch freie Kapazitäten für das Artmobil-Shuttle“, hieß es. Kontakt unter buchung.haum@3landesmuseen.de.

Die Doku „Vermeer - Reise ins Licht“ wird bis zum 29. November täglich um 14.30 Uhr im Braunschweiger Universum-Kino gezeigt.