Braunschweig. Vor der JHV äußerten sich Nicole Kumpis, Jens-Uwe Freitag, Benjamin Kessel und Wolfram Benz – mit unterschiedlichem Ergebnis.

Am Freitag steht Eintracht Braunschweig mal wieder ein wegweisender Abend bevor. Bei der Mitgliederversammlung im Business-Bereich des Stadions an der Hamburger Straße stellt sich Präsidentin Nicole Kumpis erneut mit einem leicht veränderten Team zur Wahl. Aufgrund der sportlich prekären Lage der Zweitliga-Fußballer werden kontroverse Diskussionen während der Sitzung des Gesamtvereins förmlich erwartet.

Mit einem Fan-Talk eine Woche vor der Mitgliederversammlung hatte der Klub versucht, schon die Brisanz aus einigen Themenfeldern zu nehmen. Kumpis äußerte sich ebenso wie Noch-Präsidiumsmitglied und Sportdirektor Benjamin Kessel. Jens-Uwe Freitag, Aufsichtsratschef der ausgegliederten Kapitalgesellschaft, und KGaA-Geschäftsführer Wolfram Benz stellten sich ebenfalls den Fragen, die von Fans vorab eingereicht werden konnten. Das Ergebnis der einzelnen Podiumsteilnehmer vor rund 700 Stream-Zuschauern in der Spitze fiel recht unterschiedlich aus.

Das sagte Benjamin Kessel

Die überzeugendsten und konkretesten Beiträge lieferte Kessel. Er hat nach Peter Vollmanns Freistellung die sportliche Leitung übernommen. Der 36-Jährige wolle anhand einer Sportstrategie eine nachhaltige Kaderstruktur entwickeln. Mittel- bis langfristig soll demnach das Aufgebot der Profis statt wie bisher 31 Spieler nur noch 22 bis 24 umfassen. Zwei Plätze sind dabei Akteuren aus dem Nachwuchsleistungszentrum beziehungsweise der U23 vorbehalten, die auch Spielzeit erhalten sollen. Ein weiteres Ziel, dass der Sportchef formulierte, hätte auch finanzielle Auswirkungen. Die Deutsche-Fußball-Liga schüttet jährlich Geld aus einem Topf an die Vereine aus, die deutschen Talenten Einsatzzeit gewähren. Auch in der Vertragsgestaltung soll künftig mehr darauf geachtet werden, dass die Eintracht Transfererlöse erzielen kann.

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Kessel plant außerdem, das Scouting weiter auszubauen. Im Nachwuchsleistungszentrum werde aufgrund fehlender Internatsplätze vornehmlich regional gescoutet. Bei den Profis arbeite Kessel „mit zwei Topleuten, die datenbasiertes Scouting voranbringen“. Damit meinte der Ex-Profi Sportkoordinator Dennis Kruppke und Philipp Schmidt, den Leiter der Scouting-Abteilung. Im Südwesten habe der Klub einen weiteren Scout für diesen Bereich gefunden. Vermutlich handelt es sich dabei um Raul Villacampa Cano. Für andere Regionen suche die Eintracht nach „weiteren Satelliten“. Das hauptsächliche Suchgebiet bleibe laut Kessel Deutschland und die angrenzenden Nachbarländer.

Kessel bestätigte überdies eine bei den Fans weitverbreitete Meinung, als er sagte, dass die Planungen der Eintracht „sehr, sehr viel auf Kurzfristigkeit, auf den kurzfristigen Erfolg“ ausgelegt waren. Das ist etwas, das viele Anhänger seit Jahren anprangern: Die Nachhaltigkeit fehlt ihnen. „Letztendlich hat die langfristige Strategie ein Stück weit gefehlt“, sagte der Sportdirektor. Die gelte es nun „zu implementieren“.

Nicht viele Spieler von Eintracht Braunschweig haben einen Vertrag für die 3. Liga

Dem aktuellen Kader, so der Sportdirektor weiter, fehle es „in der Spitze des Kaders ein Stück weit Qualität, auch in Sachen Leadership“. Mit Ermin Bicakcic wurde dieses Problem schon angegangen. Junge Spieler wie Youssef Amyn, Sidi Sané, Rayan Philippe oder Johan Gómez müssten „geführt werden“. „Aktuell sind zu viele Spieler mit sich selbst beschäftigt“, sagte Kessel. Eine klare Ansage an die Routiniers des Teams.

Die Planungen laufen bei den Verantwortlichen zweigleisig. Aufgrund der prekären sportlichen Lage wäre es auch fahrlässig, das Szenario Abstieg auszublenden. Nicht viele Spieler des aktuellen Kaders hätten Verträge für die 3. Liga. Mit dem aktuellen Personal sollen im Winter Gespräche geführt werden. Dann wird erörtert, wer – im Fall der Fälle – auch in die niedrigere Spielkasse gehen würde. Und auch für potenzielle Neuzugänge gilt: „Du kannst jetzt keinen Spieler mehr nur für die 2. Liga holen. Wir müssen zweigleisig planen. Aber immer mit dem Hintergrund, dass wir alles dafür tun werden, um in dieser Liga zu bleiben.“ Bemerkenswert war auch, was Kessel zur Kommunikation sagte. Die Eintracht müsse Themen wieder mehr „proaktiv nach außen tragen“, um sich Vertrauen bei Fans und Partnern zu erarbeiten. Kessels Darbietungen waren mutig, ehrlich und unmittelbar zu verstehen.

Das sagte Jens-Uwe Freitag

Der Auftritt von Freitag blieb hingegen diffus. Auf die Fragen, die Vereinsmanager Sven Rosenbaum verlas, ging der Aufsichtsratschef nur bedingt ein. Anstatt auf die Gründe für die Freistellung von Ex-Trainer Michael Schiele einzugehen, sprach Freitag über den zeitlichen Ablauf – und äußerte er sich zu Schiele und dessen Berater. Die Vertragsverlängerung habe sich wegen der beiden hingezogen, behauptete Freitag.

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    Auch zur Freistellung Vollmanns wirkten Freitags Ausführungen unkonkret. Der Trennungsprozess habe mit Wertschätzung und Respekt stattgefunden, der Verein habe während der Interims-Amtszeit von Marc Pfitzner als Trainer Stabilität gebraucht, Vollmann habe seine Qualitäten eingebracht und stützend gewirkt, so der AR-Chef. Nach außen war von Wertschätzung und Respekt wenig zu spüren. Vollmann stützte vielleicht intern, ihn selbst ließen die Klub-Oberen aber teilweise im Regen stehen.

    Freitag sagte außerdem über Vollmann: „Er wusste um die Situation.“ Da Moderator Rosenbaum in dem abgeschlossenen Format ohne Publikum jedoch so gut wie nie Nachfragen stellte, blieb im Unklaren, was Freitag meinte. War Vollmann als Geschäftsführer Sport schon vorher kaltgestellt? Dagegen würde sprechen, dass er – wie im Fantalk erwähnt – in die Trainersuche mit eingebunden war. Freitag betonte, Peter Vollmann habe Recht gehabt, als er sagte, der Klub sei finanziell „sehr eng aufgestellt“. Eintracht sei bei der Investition in Spieler „sehr mutig nach vorn gegangen“. Allerdings sei die Arbeit „nicht optimal“ gelaufen. Der Kader ist mit mehr als 30 Profis reichlich aufgebläht – und das sei „eine viel zu hohe Belastung für das Budget“. Wenn der Klub im Winter also noch investieren möchte, muss er Teile des Aufgebots veräußern. So hatte es auch Kessel bereits erwähnt.

    Zudem nahm Freitag Stellung zur Verpflichtung Jens Härtels. Der habe die Entscheider mit „seiner Klarheit“ und „seiner Leistungsorientierung“ überzeugt. Zudem hätte Härtel strategisch und taktisch die Dinge auf den Punkt bringen und aufzeigen können, wo die Entwicklungspotenziale liegen. Der Klub wollte die nächsten Schritte machen, sich weiterentwickeln. Das hatte er Schiele nicht mehr zugetraut. Die kurze Amtszeit Härtels aber offenbarte, dass der Ex-Coach zwar unheimlich fleißig war, die vom Aufsichtsrats-Chef hervorgehobene Klarheit allerdings nicht im Umgang mit seinem Kader an den Tag legte. Die Kommunikation mit seinen Spielern soll dem Vernehmen nach stark ausbaufähig gewesen sein. Viele Akteure in dem viel zu großen Aufgebot wussten nicht richtig, woran sie waren, pendelten teilweise zwischen Tribüne und Startelf. Die sportliche Entwicklung des Teams sei „bergauf“ gegangen und es hätte nur noch „der Knoten platzen“ müssen. Nach der Elversberg-Pleite sei dann klar gewesen, dass etwas Grundlegendes nicht stimme. „Es hat nicht gematcht“ zwischen Team und Trainer. Was jedoch überhaupt nicht zu spüren war, war Verantwortungsbewusstsein für die prekäre sportliche Lage aus dem Aufsichtsrat heraus.

    Das sagte Wolfram Benz

    Wolfram Benz nahm Stellung zum abgelaufenen Geschäftsjahr der Profifußball-Gesellschaft. Das abgelaufene Geschäftsjahr werde nach langen Jahren „des defizitären Wirtschaftens“ mit einem leichten sechsstelligen Jahresüberschuss abgeschlossen. Die Ablösesumme für Immanuel Pherai ist ebenso im Jahresergebnis enthalten wie Rückstellungen für die Freistellung Schieles. Beides decke sich aus, sagte Benz. In Summe arbeite die Eintracht mit 29 Millionen Euro. „Damit ist man durchaus konkurrenzfähig in dem Wettbewerbscluster, in dem wir uns bewegen. Das sind die letzten sechs, sieben Mannschaften“, so Benz. Das schlage sich auch im Sport-Etat nieder. „Mit dem Budget sind wir sicher nicht Platz 18, aber auch nicht Platz 9 oder 10, sondern irgendwas zwischen 18 und 12, 13 können wir mit dem Sport-Etat sicherlich belegen.“

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    Benz betonte, der Klub liege heute „im Vergleich zu den guten Zweitliga-Saisons vor Corona“ im Bereich Sponsoring „gar nicht so weit weg“. Das Investment von Trikotsponsor Kosatec etwa liege im Liga-Vergleich in einem vergleichbaren Umfang. In dem „Cluster im Wettbewerb, in dem wir uns bewegen – Paderborn, Rostock, Magdeburg, Greuther Fürth – sind wir sehr, sehr gut aufgestellt und absolut vergleichbar.“ Sponsoring in Liga zwei sei zudem „ein regionales Thema“. Zumindest etwas fraglich erscheint daher, warum Eintracht nach wie vor ein externes Unternehmen beauftragt hat, um Sponsoren zu finden.

    Das sagte Nicole Kumpis

    Nicole Kumpis hatte eine Woche vor der Mitgliederversammlung zwar viel Redebedarf, aber kaum konkrete Botschaften. Die Vereinspräsidentin Eintracht Braunschweigs sprach davon, dass ein „umfassender Strategieprozess“ bereits im vergangenen Jahr begonnen habe, mit dem Eintracht „stabilisiert“ und „in die Zukunft geführt“ werden solle. Gemeinsam mit einem externen Partner sei dieser Prozess gestartet worden, an dessen Gestaltung unter anderem Mitglieder des Vereins, Mitarbeiter der Geschäftsstelle, Beteiligte aus den Gremien, Stakeholder und Sponsoren teilnehmen. „Wir haben bei der Eintracht acht Teilbereiche herausgearbeitet, an denen es zu arbeiten galt.“ Herausgekommen sei „ein sehr umfangreiches Strategiepapier, das wir noch nicht kommuniziert haben.“ In diesem Bereich müsse die Eintracht besser werden, da „dieses Strategiepapier elementar wichtig ist“. Unter anderem sei an einer Sport- und einer Nachhaltigkeitsstrategie zum Thema Personal und Finanzen gearbeitet worden. Während des Talk-Formats erläuterte Kumpis die Strategie allerdings nicht. Dies solle anschließend „sukzessive und zeitnah“ geschehen.

    Sie tritt am Freitag ohne Gegenkandidaten an und schlug im Fantalk keinerlei inhaltliche Schwerpunkte bezüglich ihrer erneuten Kandidatur an. Sie lud zur Mitgliederversammlung ein und appellierte an die Mitglieder, dass sie den Verein aktiv mitgestalten sollen. Zu weiteren Dialogformaten sagte sie, dass es noch so viele Themen gebe, „über die wir noch sprechen können“. Daher war es verwunderlich, dass sie die Chance dazu am vergangenen Freitag in den 90 Minuten plus Nachspielzeit kaum nutzte.

    Ein Lob muss man den Fans aussprechen, die ihre Fragen eingereicht haben. Es war zu spüren, dass die Menschen, die es mit der Eintracht halten, in Sorge über die Entwicklung ihres Herzensklubs sind. Es wurden durchaus kritische Einwürfe vom Verein zugelassen.