Moskau. Prigoschin war an Bord des in Russland abgestürzten Privatjets. Kann man ausschließen, dass er noch lebt? Viele Fragen sind offen.

Jewgeni Prigoschin stand an der Spitze der Gruppe Wagner, er galt einst als einer der engsten Vertrauten Wladimir Putins. Bis zu seinem Putschversuch Ende Juni. Seither war sein Status unklar – mal sollte er sich in Belarus aufhalten, zu Wochenbeginn meldete er sich offenbar noch aus einem afrikanischen Land.

Bis sich am Mittwochabend die Meldung von seinem Flugzeugabsturz verbreitete. Hochrangige Wagner-Köpfe sollen mit Prigoschin an Bord gewesen sein. Der Vorfall wirft etliche Fragen auf – jedoch bestätigte Russlands Präsident Wladimir Putin am Abend dessen Tod indirekt und sprach Prigoschins Familie sein Beileid aus.

Ist es ausgeschlossen, dass Prigoschin noch lebt?

Das ist es nicht. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Jewgeni Prigoschin bei dem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Das russische Staatsfernsehen bestätigte inzwischen, dass Prigoschin auf der Passagierliste war. Nach vorläufigen Angaben des Ministeriums für Notsituationen kamen zehn Menschen ums Leben: sieben Passagiere und drei Besatzungsmitglieder. Auch Kreml-Chef Putin bestätigte seinen Tod und kondolierte Prigoschins' Familie.

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Laut dem Online-Portal Baza hätten fast alle Toten schwere Verbrennungen erlitten. Zur Feststellung ihrer Identität werden höchstwahrscheinlich DNA-Tests erforderlich sein. Auf dem mit der Wagner-Gruppe verbundenen Telegram-Kanal ‚Grey Zone‘ hieß es, Prigoschin sei tot. Der "Held Russlands" und "wahre Patriot" sei "infolge der Handlungen von Verrätern an Russland" ums Leben gekommen. "Aber selbst in der Hölle wird er der Beste sein!" Lesen Sie auch: Hinweise verdichten sich: Jewgeni Prigoschin wohl tot

Laut ‚Grey Zone‘ seien zwei Flugzeuge der Wagner-Gruppe in der Luft gewesen. Das zweite habe auf dem Flug nach Sankt Petersburg kehrt gemacht und sei am Flughafen Ostafjewo südlich von Moskau gelandet. Möglich, dass Prigoschin in der zweiten Maschine war, sich aber auf die Passagierliste der ersten gesetzt hat. Schon mehrfach vermeldete man den Tod Prigoschins. Als im Oktober 2019 in der Demokratischen Republik Kongo ein Frachtflugzeug abstürzte, wurde berichtet, Prigoschin sei an Bord gewesen. Das stellte sich als unwahr heraus. Ebenso auch Berichte 2022, der Wagner-Chef sei in der Region Luhansk gestorben.

Prigoschin blickt aus einem Militärfahrzeug in Rostow am Don. Mit seinem Putschversuch im Juni 2023 schaffte es der Söldner-Chef ganz nach oben auf der Liste von Putins Feinden.
Prigoschin blickt aus einem Militärfahrzeug in Rostow am Don. Mit seinem Putschversuch im Juni 2023 schaffte es der Söldner-Chef ganz nach oben auf der Liste von Putins Feinden. © -/AP/dpa

Was ist bekannt über den Todesflug?

Der Privatjet vom Typ Embraer Legacy 600 mit der Registrierungsnummer RA-02795 stürzte in der Nähe des Dorfes Kuschenkino, 16 km von der Stadt Bologoje und 170 km von Gebietshauptstadt Twer, ab. Das Flugzeug gehörte laut Medienberichten der MNT-Aero LLC, die auf Geschäftstransporte spezialisiert ist. Das Flugzeug flog von Moskau nach Sankt Petersburg, wo Jewgeni Prigoschin seinen Firmensitz hat.

Über die Ursache des Absturzes ist bislang nichts bekannt. ‚Grey Zone‘ behauptet, dass Prigoschins Flugzeug von der Luftverteidigung abgeschossen wurde. Es gibt keine offizielle Bestätigung dieser Information. Diese Variante ist eher unwahrscheinlich. Augenzeugen hatten vor dem Absturz zwei laute Knallgeräusche gehört. Das deutet auf eine Explosion hin.

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Laut der Nachrichtenagentur Interfax ist die Suchaktion vor Ort abgeschlossen. Alle Toten seien geborgen. Eine Sonderkommission würde den Absturz untersuchen. Den Flugdaten zufolge zeigte die Maschine bis zu ihrem abrupten Absturz in den letzten 30 Sekunden keine Anzeichen eines Problems.

Steckt Putin dahinter?

"Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Aber ich bin nicht überrascht. Es gibt nicht viel, was in Russland passiert, hinter dem nicht Putin steckt, aber ich weiß nicht genug, um die Antwort zu kennen", sagt US-Präsident Joe Biden. Doch dass Kremlchef Wladimir Putin hinter einem möglichen Attentat auf Prigoschin steckt, dafür gibt es keinerlei Beweise. Am Donnerstagabend bezeichnete Putin den mutmaßlich bei einem Flugzeugabsturz getöteten Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin in einer Fernsehansprache als einen „fähigen“ Mann, der „schwere Fehler“ begangen habe.

Als die Nachricht vom Absturz des Flugzeugs kam, meinten manche Kommentatoren in Moskau, es könne sich um Rache des Militärs gehandelt haben. Auch dies ist Spekulation.

Prigoschin hatte sich über Monate hinweg wegen des chaotischen Kriegsverlaufs in der Ukraine mit der Militärführung in Moskau angelegt. Immer wieder warf er dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, Präsident Putin zu belügen. Es gehe ihm darum, dass die Armee mit Würde und Stolz ihre Aufgaben erfüllen könne – und nicht in einem System von "Speichelleckerei, Kriecherei und Verantwortungslosigkeit", sagte Prigoschin einmal.

Worte, für die Normalbürger in Russland für Jahre im Straflager landen würden. Prigoschin hingegen forderte Ende Juni mit seinem Marsch auf Moskau Putin heraus. Dieser warf Prigoschin nach dem offenen Aufstand im Fernsehen Verrat vor und kündigte an, jeder, der die Waffen gegen die Armee erhebe, werde bestraft. Der Machtkampf zwischen Prigoschin und Putin wurde unter Vermittlung des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko beendet. Mehr zum Thema: Wagner-Chef tot: So wurde Prigoschin zum Staatsfeind Nummer 1

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Was wird aus der Wagner-Gruppe?

Der offizielle Wagner-Kommandant ist der ehemalige Geheimdienstler Dmitri Utkin. Auch er stand auf der Passagierliste der abgestürzten Maschine. Ihm wird eine Vorliebe für den deutschen Komponisten Richard Wagner nachgesagt – daher der Name der Truppe. Wenn nun Prigoschin und Utkin bei dem Absturz starben, ist die Wagner-Truppe, die sich nach dem Aufstand nach Belarus zurückgezogen hatte, zunächst führungslos.

Vor wenigen Tagen noch hatte sich Prigoschin in einem 40 Sekunden langen Videoclip, verbreitet von ‚Grey Zone‘ zu Wort gemeldet. Zu sehen war er in Tarnkleidung, mit Gewehr in der Hand, im Hintergrund Bewaffnete und ein Pickup-Truck. Laut ‚Grey Zone‘ wurde das Video in einem afrikanischen Land aufgenommen. Wann allerdings, das ist unklar.

Die von Prigoschin und Utkin nach eigenen Angaben 2014 gegründete Söldner-Gruppe ermöglichte es Russland, sich indirekt an zahlreichen Konflikten wie denen in Syrien, Mali, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik zu beteiligen. Nach der Invasion in der Ukraine im Februar 2022 führte Wagner den russischen Angriff auf die Stadt Bachmut an. Unter den Kämpfern waren Tausende von Häftlingen, die Prigoschin aus Gefängnissen rekrutierte.

Wie stabil ist Russland?

Auch wenn Ultrapatrioten und Militärblogger von einer chaotischen Lage sprechen und einen baldigen "Machtwechsel" prognostizieren: Russlands Präsident Wladimir Putin sitzt nach wie vor fest im Sattel.

Zumal mit der jüngst erfolgten Entlassung Sergej Surowikin, des Chefs der russischen Luft- und Raumfahrttruppen, der Machtkampf in der Armee entschieden sein dürfte. Surowikin galt als Vertrauter Prigoschin und unterstützte diesen bei Kampfeinsätze der Wagner-Truppe in der Ukraine, etwa bei der Eroberung von Bachmut. Surowikin sei klug, erfahren und stehe für ein hohes Maß an Effektivität und Erfolg, so Prigoschin damals in einer Erklärung.

Die Gegenspieler von Surowikin und Prigoschin waren Verteidigungsminister Sergej Schoigu und sein Generalstabschef Waleri Gerassimow. Schon vor seinem Marsch auf Moskau bekämpfte Jewgeni Prigoschin die beiden mit zum Teil harten verbalen Bandagen.

„Die meisten Kommandanten des Verteidigungsministeriums werden mir zustimmen, dass die Führung des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation eine Gemeinschaft von Laien ist“, durfte einer seiner Wagner-Kommandeure, ausgezeichnet als „Held Russlands“, auf Telegram schreiben. Nun haben sich Schoigu und Gerassimow wohl durchgesetzt.

Mehr zu Prigoschin und den Wagner-Söldnern lesen Sie hier