Braunschweig. Das neue Winterheater-Musical von Eitner und Schanz lässt ein spießiges Weihnachtsfest im „entfesselten Jahrzehnt“ lustvoll eskalieren.

Ob den guten Walter Siedentopf sein Überschwang zu vorgerückter Stunde des Heiligen Abends reuen wird am nächsten Weihnachtsmorgen? Da steht er, befeuert von Mariacron und Eierlikör, auf dem Sessel und redet der freien Partnerwahl das Wort. Selbst wenn seine Tochter Carola Frauen liebe, sei das schon recht. Er liebe sie ja auch.

Da hat die „Stille Nacht in Gliesmarode“ ihren Siedepunkt erreicht. Christian Eitner und Peter Schanz haben ihr neues vorweihnachtliches Braunschweig-Musical in frisch hochgezogenen Neubaublocks der 70er verortet. „Es lebt sich so modern in Gliesmarode“, schwärmt Ehepaar Siedentopf zur Melodie von Michael Holms Smash-Hit „Mendocino“. In seiner Mietwohnung findet sich alles in vorbildlicher Ordnung getaktet: der Weihnachtsbaum mit dem Zollstock ausgerichtet, das Flötenspiel von Tochter Carola wenn auch widerwillig absolviert, Hausfrau Doris in der Küche fertig. Und der Weihnachtsmann klingelt pünktlich.

Braunschweiger Wintertheater - Walther Siedentopf schwillt der Kamm

Dummerweise hat er den falschen Geschenkesack mitgebracht. Den für die Pasulkes, eine Etage tiefer. Walter Siedentopf, von Ronald Schober köstlich kantig kleinbürgerlich gespielt, schwillt der Kamm. Gelegenheit für den langhaarigen Langzeitstudenten im roten Mantel alias Markus Schultze nochmal sein „Merry Christmas“ zu schmettern. Neuer Sack aus dem Kofferraum gefischt, wieder falsch. Nochmal, Running Gag, „Merry Christmas“. Siedentopf fährt aus dem gestärkten Hemd. Er ist eh gereizt, weil der großspurige, auf Ami machende Vetter (Louie Bottmer) ein kaum 18-jähriges „Flittchen“ (Maike Jacobs) mit zur Familienfeier gebracht hat.

So bauen sich Spannungen in der Biedermeierkulisse auf, in Loriotscher Manier, allerdings angefacht oder aufgelockert, manchmal auch unterbrochen, von reihenweise 70er-Jahre-Hits. Die werden, wo immer sie passen, in die Handlung montiert, von Juliane Werdings „Conny Kramer“ bis zu Abbas „Dancing Queen“.

Es geht nicht nur besinnlich zu in der „Stillen Nacht in Gliesmarode“: Szene mit (von links) Kathrin Reinhardt, Klaus Lembke, Markus Schultze, Louie Bottmer, Julia Wunderlich, Maike Jacobs und Ronald Schober.
Es geht nicht nur besinnlich zu in der „Stillen Nacht in Gliesmarode“: Szene mit (von links) Kathrin Reinhardt, Klaus Lembke, Markus Schultze, Louie Bottmer, Julia Wunderlich, Maike Jacobs und Ronald Schober. © Rüdiger Knuth | Rüdiger Knuth

Die entfesselten 1970er

Ständige Bezugsgröße ist der Zeitgeist des „entfesselten Jahrzehnts“, wie es in einer der ironisch geschliffenen Moderationen von Peter Schanz heißt. Matthias Schamberger trägt sie auf Bildschirm-Zuspielungen als „Tagesschau“-Sprecher vor. Dass die bunte Schlaghosen-, braune Lederjacken- und handtellerbreite Krawatten-Ära sofort präsent ist, liegt augenscheinlich an den bis ins Kunstfell-verliebte Detail geschneiderten Kostümen von Eva Huke.

Aber auch an der Schauspielkunst insbesondere von Ronald Schober und Kathrin Reinhardt. Er ein bisschen terrierhaft, zwischen grimmiger Kleinkariertheit und neuer Freizügigkeit schwankend, sie pudelgelockt sich in die gelockerte Hausfrauenhaft fügend, unterschwellig Sehnsucht nach Ausbruch verströmend. Julia Wunderlich gibt die zart aufmüpfige Tochter Carola, Klaus Lembke den dösigen Großvater mit „Iwan“-Phobie. Maike Jakobs, Louie und Markus Schultze performen und glänzen vor allem als Sänger.

Softpornos und Klosterfrau Melissengeist

Es ist interessant, wie blümchentapetenhaft verklärt die 70er heute erscheinen. Dabei waren sie durchaus angespannt. Der Terror der RAF, unterstützt von palästinensischen Gruppen, brachte das Land an den Rand des Notstands, Pop, Disco und Softporno florierten, alte Nazis lebten noch. Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen waren scharf. Auch damals wurde der Untergang des Abendlands beschworen. Schanz streift solche Themen in seinen Moderationen, ansatzweise auch in Auseinandersetzungen der Protagonisten.

Aber Eitners und Schanz‘ Fest bleibt eines der Liebe. Dem in wunderbarem Satzgesang intonierten „Stille Nacht“ folgt nach der Pause ein furioser Liebesreigen der mittlerweile von Klosterfrau Melissengeist und anderen geistigen Getränken enthemmten Siedentopfs. Mutter Doris umwirbt den Studenten, der aber umgarnt die Tochter, die indes das Flittchen anschmachtet, das sich entschuldigend abwendet und Walter Siedentopf abblitzen lässt, beobachtet von dessen empörter Gattin, der sich sogleich der machöse Vetter nähert - bis tatsächlich die Polizei kommt. Es ist ja doch „ein ehrenwertes Haus“, wie die Nachbarn meinen.

Gibt es noch Karten für die „Stille Nacht in Gliesmarode“?

Insbesondere der zweite Teil des Abends zündet wirklich. In „Stille Nacht in Gliesmarode“ vereinen Eitner und Schanz mal wieder Volkstümlichkeit und Groteske, verschmitzte Komik mit Spuren von Tiefsinn. Und das musikgetrieben, wenn diesmal auch manches vom Band kommt. Allerdings nicht Keyboards und Schlagzeug, die Burkhard Bauche und Lutz Sauerbier versiert bedienen. Die rund 600 Premieren-Zuschauer im großen und doch gemütlichen Wintertheater-Zelt gehen enthusiasmiert mit. Und nehmen einen Ohrwurm mit nach Hause: „Es lebt sich so modern in Gliesmarode“.

Die weiteren Vorstellungen der „Stillen Nacht“ sind bereits ausverkauft. Karten gibt es noch für „Ölper 12 Pöints“, „Winterklater“ und „Die Braunschweiger Weihnachtsgeschichte“, die sich ab dem 22. November anschließen: www.wintertheater.de