Braunschweig. Die GDP Niedersachsen reagierte auf unseren Kommentar: Im Interview spricht Kevin Komolka über Provokation, Gewalt und eine Lösung.

Die Gewerkschaft der Polizei Niedersachsen reagierte am späten Montagabend auf einen Kommentar unserer Zeitung. „Entsetzt“ zeigte sich die Gewerkschaft über einige Inhalte. Am Dienstagmittag sprachen Leonard Hartmann, Lars Rücker und Tobias Feuerhahn mit Kevin Komolka, dem Landesvorstand.

Warum kam es zum emotionalen Ausbruch in der Stellungnahme? Hatte sich da etwas aufgestaut?

Ich würde es nicht als emotionalen Ausbruch bezeichnen, denn unsere Argumente sind sachlicher Natur. Es ist die Darstellung der Entwicklung der letzten Wochen. Wir nehmen seit drei oder vier Spieltagen eine permanente Steigerung der Provokation in Richtung der Polizei wahr. Das passiert bundesweit. Ob das zwischen den Fangruppierungen der Vereine abgesprochen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. In diese Situation kam der Kommentar Ihrer Zeitung, der der Polizei pauschal eine Mitschuld an der Eskalation unterstellt, die definitiv nicht vorhanden ist. Es musste an dieser Stelle einfach mal gesagt werden, dass man nicht einfach nur auf die Polizei schimpfen darf. Das war von der Seele geschrieben.

Trifft die Fans die alleinige Schuld an den Folgen der Ausschreitungen?

Unsererseits müsste die Polizei Fußballspiele eigentlich überhaupt nicht begleiten, sondern sie so behandeln wie andere Veranstaltungen auch: zum Beispiel Schützenfeste oder ähnliches. Lasst die Fans das Spiel sehen und die Vereine im Stadion für Sicherheit sorgen. Aber die Zeit zeigt, dass rivalisierende Fan-Gruppen immer wieder zu neuen Methoden greifen, um in Konflikt miteinander zu kommen. Und das schon weit im Vorfeld der Begegnungen, wenn man an die Derbys zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig denkt. Wieso muss so viel Polizei vor Ort sein? Wir haben das bei keiner anderen Sportart außer beim Fußball. Da stellt sich automatisch die Frage, ob die Ursache nicht eher bei den Fangruppierungen liegt.

Warum ist das Verhältnis zwischen den Fans und der Polizei grundsätzlich so angespannt?

Die Grundanspannung liegt immer dann vor, wenn die andere Seite das Gefühl hat, sich nicht frei und kreativ entfalten zu können, weil Stadionordnungen und Sicherheitsgesetze der Länder das nicht vorsehen. Wir erleben es regelmäßig bei den Fanmärschen, dass wir Grenzen ziehen müssen, wenn es zu Sachbeschädigungen und Körperverletzungen kommt. Dann ist polizeiliches Handeln gefordert.

Lesen Sie hier zum Thema die Einordnung eines Fan-Anwalts und der Blau-Gelben Hilfe zu Polizeieinsätzen:

Warum ist das aus Ihrer Sicht schlimmer geworden?

Wir könnten von einem Spiegel der Gesellschaft sprechen. Es gibt viel Frust, der sich in den vergangenen Jahren angestaut hat. Vielleicht mag der Fußball und auch die Ultraszene ein Kanal sein, sich diesen Frust von der Seele zu blasen. Wir reden bei Ultras nicht vom Rand der Gesellschaft, sondern von einem bunten Querschnitt. Mir sind Ärzte und Anwälte bekannt, die am Wochenende im schwarzen Block ihrem Ärger auf politische und gesellschaftliche Themen Luft machen.

Können Sie das denn bei der Polizei komplett ausschließen, dass es „schwarze Schafe“ gibt?

Es wäre töricht zu sagen, dass ich das komplett ausschließen kann. Aus meiner Rolle heraus kann ich das für die Polizei Niedersachsen sehr stark eingrenzen, weil wir die professionellste Polizei in Deutschland darstellen – sowohl von der Aus- und Fortbildung als auch von der Festigkeit unseres demokratischen Grundverständnisses im Zusammenhang mit Gruppierungen und im Kontext Fußball.

Fanhilfen und auch Privatpersonen äußern jedoch immer wieder Kritik am Vorgehen der Polizei.

Im Nachgang der Einsätze haben wir in Niedersachsen ein stringentes Vorgehen, was die Aufarbeitung von Fehlern angeht. Fehler können passieren, sie bleiben aber keinesfalls folgenlos. Das beinhaltet auch die Prüfung von disziplinarrechtlichen Konsequenzen. Es ist mitnichten so, dass Kollegen im Schutze der Anonymität agieren. Jeder Kollege und jede Kollegin ist auf eine Gruppe von fünf Menschen zu identifizieren. Man kann als Betroffener anhand der Rückenkennzeichnung eine Situation aufklären lassen.

Nehmen Sie wahr, dass sich die Gefühlslage der Kolleginnen und Kollegen zuletzt verändert hat?

Nur durch die generelle Einsatzbelastung bei der Polizei. Ich stelle keinen Frust fest, aber die Vielzahl der Einsätze, die ein einsatzintensives Level haben, hat definitiv zugenommen. Das bedeutet aber nicht, dass die emotionale Schwelle bei den Kolleginnen und Kollegen gesunken ist. Auch ist es so, dass die Bereitschaftspolizei, die bei Fußballspielen im Einsatz ist, einem regelmäßigen personellen Wechsel unterlegen ist. Die Einsatzbeamten bleiben oftmals maximal zwei Jahre dort und werden dann durch Kollegen und Kolleginnen aus der Akademie ersetzt. Es ist einfach falsch zu sagen, dass Menschen bei der Polizei Spaß daran haben, sich im Schutze der Anonymität eine eigene Welt aufzubauen. Das ist erstens nicht möglich und zweitens kann ich Ihnen aus eigenem Erleben, aber auch aus vielen Gesprächen, versichern, dass es für niemanden ein Wohlgenuss ist, im Bereich von Versammlungen in Situationen zu geraten, die in irgendeiner Art und Weise angespannt sind. Kein Kollege geht gerne in einen Fanblock, weil das aufgrund der Schutzausrüstung und dem engen Raum ein erhebliches Risiko mit sich bringt, auch was Stürze angeht.

Wird aktuell miteinander gesprochen?

Am Mittwoch sitzen die Vertreter von Hannover 96 und Eintracht Braunschweig mit der polizeilichen Führung beider Städte und mit der Innenministerin zusammen. Zwischen den einsatzführenden Dienststellen und Vertretern der Vereine und Fans gibt es zudem einen Dialog über die szenekundigen Beamten. Über die gibt es direkte Kontakte in die Fanszenen.

Wie kann der Konflikt und die Steigerung der Eskalation geklärt werden?

Für mich fühlt es sich derzeit so an, als versuchten sich die Ultragruppierungen der einzelnen Vereine in Größe und Deutlichkeit ihrer Aktionen gegen die Polizei gegenseitig zu übertrumpfen. Vielleicht wäre es auch eine Lösung, sich als Gruppierung mal zu sammeln und zu fragen, ob man solche ACAB-Plakate in der Größe und Dauer im Stadion aushängen muss – oder eben nicht.

Und dann weiterführend?

Aus unserer Sicht können wir gar nicht genug miteinander sprechen. Wir haben in der Vergangenheit auch die Erfahrung gemacht, dass es Gesprächsangebote in die Fanszenen gegeben hat, die dann aber nicht angenommen wurden. Aber es gibt auch gute Beispiele mit konstruktiven Gesprächen zwischen Polizei und Fans. Es ist immer gut, wenn ein Dialog stattfindet. Und dazu sind alle aufgerufen, Polizei, Vereine und auch die Fans untereinander, denn der Anteil der Fanszene, die ein Problem mit der Polizei hat, ist oftmals nur ein kleiner, aber eben sehr aktiver. Der Großteil ist im Gegenteil froh, dass wir da sind. Das wird mitunter auch im Stadion offen kommuniziert und das ist gut. Für die meisten Besucher ist klar: Es gibt einfach bestimmte Dinge, die im Stadion stattfinden und dann ein Einschreiten der Polizei erfordern. Pyrotechnik als Beispiel. Ist zwar nur eine Ordnungswidrigkeit, aber wir sprechen da auch über Seenotfackeln und Bengalos, die mit über 1000 Grad und hochgiftigen Stoffen abbrennen und somit ein Risiko für viele andere Besucher und auch Polizisten darstellen. Da muss man klar kommunizieren: Wir treten nicht als Spaßverderber auf oder als Verbotspolizei, sondern gewähren die Sicherheit aller, wie es unsere Aufgabe ist.

Ein Vorwurf könnte lauten: Pfefferspray und Wasserwerfer treffen auch Unbeteiligte.

Keine polizeiliche Maßnahme erfolgt ohne Androhung. Der Wasserwerfer wird nicht von jetzt auf gleich eingesetzt. Auch Pfefferspray ist vorher anzudrohen. Menschen werden im Vorfeld dazu aufgefordert, sich von augenscheinlich gewaltbereiten Menschen räumlich zu distanzieren. Dieser Hinweis erfolgt in der Regel dreimal, bevor der Wasserwerfer eingesetzt wird. Dann muss man die Frage stellen, warum ist ein Unbeteiligter nach drei Aufforderungen immer noch bei augenscheinlich Gewaltbereiten und beschwert sich danach, dass er getroffen wird?

Geht das auch in einem prall gefüllten Gästeblock oder in einem eingekesselten Fanmarsch in jeweils räumlicher Begrenzung?

Die Fanmarschbeteiligten werden auch aufgefordert, sich von den gewaltbereiten Fans räumlich zu distanzieren vor dem Einsatz des Wasserwerfers. Diese Möglichkeit gibt es immer, die Polizei hindert niemanden daran, sich von jemandem zu entfernen, der auf Krawall aus ist. Auch in Fanblöcken wird nicht willkürlich mit Pfefferspray in die Menge gesprüht, sondern der Einsatz erfolgt nur unter dem Vorsatz der Verhältnismäßigkeit, wenn es also absolut notwendig ist, zielgerichtet auf renitente Gruppen. Wenn Pyrotechnik im Stadion abgebrannt wird und es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen im Stadion kommt, dann hat in erster Linie der Verein mit seinem Sicherheitspersonal etwas falsch gemacht in der Vorbereitung. Im Idealfall hätte die Polizei im Stadion nichts zu suchen. Ich würde mir wünschen, dass meine Kolleginnen und Kollegen nur noch die An- und Abreise der Fans begleiten, aber mit dem Spiel nichts mehr zu tun haben.

Was erwarten Sie vom Gipfel am Mittwoch?

Da kann nur das Ergebnis sein, dass man die Vereine stärker in die Pflicht nimmt, insbesondere, was den Ausbau von Video- und Einlasstechnik betrifft. Und auch der Schulung des Sicherheitspersonals. Das Stadion ist ein Veranstaltungsraum, für den der Verein zuständig ist und nicht die Polizei. Daher wünsche ich mir, dass man diese Verantwortung der Abläufe an Spieltagen den Vereinen überschreibt. Da kann man über kleinere Ultrablöcke, größere Trennungen oder Alkoholverbote sprechen. Dann hätten wir nicht mehr den großen Konflikt zwischen Polizei und Fans. Dann hätte man das Regulativ eines Vereins gegenüber seinen Fans – und nicht mehr die Polizei als „Schwarzen Peter“, der vieles verbietet. Die großen Vereine sind finanziell so gut situiert, dass sie das viel einfacher stemmen könnten als die Polizei. Wenn wir daher die Polizei aus den Stadien abziehen könnten, hätten wir eine Win-Win-Situation: eine reduzierte Belastung meiner Kolleginnen und Kollegen, einer vielleicht auch gefühlt freieren Spielatmosphäre und eine Übertragung der Verantwortung auf den Verein.