Braunschweig. Polizeigewalt? Anwalt René Lau und die Blau-Gelbe Hilfe erläutern Konflikte zwischen Fans und Polizei aus Sicht der Anhänger.

Konflikte zwischen der Polizei und Fußball-Fans gibt es immer wieder – und das schon lange. Aktuell aber scheint es so, als würden die Auseinandersetzungen zunehmend an Schärfe gewinnen. Die Sichtweisen gehen dabei oft weit auseinander. Die Polizei sieht sich in diesem Zusammenhang in der Regel als schlichtende Staatsmacht. Wie aber sehen das die Fans? Halten sie das Vorgehen der Beamten immer für verhältnismäßig?

Nach Eintracht Braunschweig gegen Paderborn: Eskalation am Bahnhof

Ganz konkret sei hier ein Beispiel aufgeführt, das erst einige Wochen zurückliegt. Nach dem Heimspiel von Fußball-Zweitligist Eintracht Braunschweig gegen den SC Paderborn kam es am Braunschweiger Hauptbahnhof zu einer Auseinandersetzung zwischen der Polizei und den Fans. Laut den Beamten sei es zu einem Aufeinandertreffen beider Fan-Lager im Bahnhof gekommen. Die Polizei habe beide Gruppen trennen können und sei dabei tätlich angegriffen worden.

Die Fans geben die Lage aber ganz anders wieder. „Am Bahnhof gab es einen größeren Pfefferspray-Einsatz. Und man kann sich ja vorstellen: An einem Bahnhof gibt es viele unbeteiligte Menschen, die am Bahnsteig stehen und auf ihren Zug warten. Da haben sich auch einige Eintracht-Fans bei uns gemeldet, die in diesem Zusammenhang von Pfefferspray getroffen und verletzt worden sind“, sagt Jendrik Pufahl, Vorsitzender der Blau-Gelben Hilfe, die Eintracht-Fans in Rechtsfragen unterstützt.

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Fan-Anwalt René Lau spricht von Polizeigewalt

Und dies sei nicht alles. Rechtsanwalt René Lau berichtet von einem Braunschweiger Fan „im gesetzteren Alter“, der die Polizei am Bahnhof gefragt habe, ob er vorbeigehen könne. „Als Antwort wurde dann auf ihn eingeprügelt, er wurde zu Boden gestoßen und hat sich Verletzungen zugezogen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Das betraf nicht nur diesen Mann, sondern auch Begleiter von ihm, die normale Braunschweig-Fans waren und mit dem Zug in ihre Heimatorte reisen wollten. Wir haben Strafanzeige erstattet und beim Verwaltungsgericht eine Klage eingereicht auf Feststellung der Rechtswidrigkeit dieser polizeilichen Maßnahme“, sagt Lau.

Der Berliner ist Fachanwalt für Strafrecht und Sportrecht, ist knapp 30 Jahre lang als Anwalt tätig und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Fan-Anwälte. Und der 58-Jährige wird sogar noch konkreter: „Ich sehe dieses Vorgehen und dessen Konsequenzen als erheblich und auch als Polizeigewalt an.“

BFE – Die Jungs fürs Grobe?

Eine aggressive Haltung habe es am Bahnhof nicht gegeben. Das jedenfalls berichteten die Anhänger der Blau-Gelben Hilfe. „Die Polizei sah das anders, dass es in irgendeiner Form Konflikte zwischen Braunschweig- und Paderborn-Fans gegeben haben soll. Daraufhin sind die Beamten mit Schlagstöcken und Pfefferspray dazwischengegangen“, sagt Pufahl. Die Blau-Gelbe Hilfe sei „immer vorsichtig, wenn solche Dinge rechtlich noch in der Prüfung sind“. Sie würde aber in jedem Fall die gerichtliche Überprüfung unterstützen, „da wir so herausbekommen, wie die Sachlage war und ob der Einsatz verhältnismäßig war oder nicht“.

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Bei Polizeieinsätzen müssen generell die verschiedenen Einsatzgruppen unterschieden werden. Sowohl die Bundes-, als auch die Landespolizei und die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) beteiligen sich an den Einsätzen rund um Fußballspiele. Zur BFE meint Lau: „Ich sage es mal so: Das sind die Jungs fürs Grobe. Die sind nicht zimperlich und das heißt in vielen Fällen auch, dass sie über das Maß der Verhältnismäßigkeit hinausgehen. Für mich ist immer dann Polizeigewalt gegeben, sobald die Polizei nicht mehr verhältnismäßig handelt und nicht mehr das mildeste Mittel anwendet. Und das ist leider zunehmend der Fall.“

Was hat das alles mit der EM zu tun?

Lau vermutet des Weiteren, dass das gegenwärtig als zunehmend erscheinende Konflikt-Potenzial zwischen Fußball-Fans und Polizei auch mit einer Großveranstaltung im Zusammenhang stehen könnte. Im kommenden Sommer findet in Deutschland die Europameisterschaft statt. Der Anwalt erinnert an die Weltmeisterschaft 2006. Im Vorfeld dieses Turniers habe es auch eine Eskalation der Polizei mit den Fußball-Fans gegeben, meint er. „Ich bin davon überzeugt, dass man als Polizei im Vorfeld der Europameisterschaft gegenüber deutschen Fans im Inland Stärke zeigen will. Aber das, was hier gerade passiert, ist natürlich auch ein Zeichen an ausländische Fußball-Fans“, sagt Lau.