Braunschweig. Eine Jahreshauptversammlung kostet wohl einen mittleren fünfstelligen Betrag. Übernimmt das der Dienstleister? Die Spurensuche läuft.

Wäre so etwas bei Volkswagen passiert, raunte ein hochrangiges Eintracht-Mitglied am Freitagabend, hätte es wahrscheinlich einen Millionenschaden nach sich gezogen. Eine abgebrochene Jahreshauptversammlung wegen technischer Probleme hätte den Aktienkurs des Autobauers wahrscheinlich in die Tiefe stürzen lassen. Die Aktionäre hätten gewettert und geflucht ob des Reputationsverlustes. Dagegen war die Gefühlslage im Business-Bereich des Eintracht-Stadions nicht ganz so schlecht, eher ambivalent. Zum einen waren die Mitglieder enttäuscht über den Abbruch, zum anderen aber auch belustigt. „So etwas erlebt man nur hier“, witzelte ein Braunschweiger. Stimmte aber nicht.

Beim VfB Stuttgart war es 2019 ganz ähnlich. In der Arena war damals extra für die JHV ein neues Wlan installiert worden, das aber dann überhaupt nicht funktionierte. So konnte nicht digital abgestimmt werden über die Abwahl des damals umstrittenen Präsidenten Wolfgang Dietrich. Es musste ein neuer Termin gefunden werden. In diesem Zustand befindet sich auch der BTSV aktuell. Eine Folge der Stuttgarter Misere vor drei Jahren war übrigens: Die hybride, also zugleich persönliche und digitale Versammlung, wurde abgeschafft.

Wohl kein neuer Gegenkandidat für Nicole Kumpis

Wie geht es nun in Braunschweig weiter? Am Samstag teilte der Verein mit: „Zu Beginn der kommenden Woche sind bereits eine Präsidiumssitzung und im weiteren Verlauf der Woche eine Gesamt-Vorstandssitzung mit den Abteilungsvorsitzenden terminiert.“ Da wird der neue Termin „für die Fortsetzung der Mitgliederversammlung festgelegt“. Das ist insofern eine neue Erkenntnis, da am Freitagabend unmittelbar nach dem vorzeitigen Ende nicht feststand, ob die JHV einfach fortgesetzt werden kann oder ob es eine komplett neue Prozedur geben muss. Inklusive der Möglichkeit, sich noch einmal neu fürs Präsidentenamt zu bewerben. Das scheint nicht der Fall zu sein. Da es im Vorfeld der abgebrochenen JHV keinen Gegenkandidaten für Nicole Kumpis gegeben hatte, dürfte sie auch nun ohne Konkurrenz ins Rennen gehen. Anfang 2024 wird die neue, alte JHV steigen, sechs Wochen vor dem Termin muss eingeladen werden.

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Eine weitere Frage, die den Klub umtreibt: Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Die Firma Gahrens + Battermann, die ihren Hauptsitz in Bergisch Gladbach, aber auch eine Niederlassung in Hannover hat, war zum sechsten Male mit der Technik beauftragt worden. Die Firma „hat sich dabei stets als sicherer und verlässlicher Partner gezeigt und auch bei den Testläufen im Vorfeld der gestrigen Veranstaltung hat die Technik fehlerlos funktioniert“, erklärte der Verein. Am Freitagabend leider nicht. Mitglieder von Zuhause kamen gar nicht erst ins System, um bei der Probeabstimmung auf die Antwortmöglichkeiten zu klicken. Aber auch jene Mitglieder, die aus dem Business-Bereich heraus digital abstimmen wollten, erhielten mehrheitlich keinen Zugang zum System.

So musste die Mitgliederversammlung nach nur rund 90 Minuten schon wieder abgebrochen werden. Kumpis war anzusehen, wie schwer ihr dieser Schritt fiel, war sie doch mit hohem Elan und Engagement in den Abend gestartet – mit einer Ankündigung, die sich später in Luft auflöste. „Das wird“, sagte die Präsidentin eingangs, „wahrscheinlich ein sehr, sehr langer Abend.“ Denn über viele wichtige Fragen sollte abgestimmt werden. „Mit den anstehenden Wahlen und Anträgen sollten wichtige Weichen für die Zukunft unserer Eintracht gestellt werden“, schrieb der Verein.

Eine Jahreshauptversammlung kostet einen mittleren fünfstelligen Betrag

Schnell machte nicht nur, aber auch in Führungskreisen des Vereins eine Theorie die Runde über einen möglichen Angriff von extern. Man könnte ja gehackt worden sein. Aber der Gedanke löste sich nach ersten Recherchen recht schnell in heiße Luft auf. Was wirklich passierte, wollen Verein und Dienstleister zu Wochenbeginn präsentieren.

„Nun gilt es, diese herausfordernde Situation bestmöglich zu managen“, sagte Präsidentin Kumpis. „Um dieses Ziel sicherzustellen, haben wir folgende Maßnahmen beschlossen: schnellstmögliche Klärung der technischen Ursache sowie der Verantwortung für die entstandenen Kosten, gemeinsam mit dem Dienstleister.“ So eine Jahreshauptversammlung kostet nach unseren Recherchen einen mittleren fünfstelligen Betrag. Kosten, die der Verein natürlich gern dem Dienstleister oder dessen Versicherung, sofern vorhanden, in Rechnung stellen würde. Klarheit darüber soll schon in der kommenden Woche herrschen.

Der Streit zwischen dem VfB Stuttgart und dem Diensleister war seinerzeit übrigens sogar vor Gericht gegangen. Es ging um einen Streitwert in Höhe von 480.000 Euro. Das Geld kam aber nie bei den Schwaben an. Die Firma war während des Verfahrens pleite gegangen.