Braunschweig. Negativserie, Trainerwechsel, Vollmann-Aus - bei der Eintracht brodelt es. Vor der JHV am Freitag nimmt Präsidentin Kumpis Stellung.

Nicole Kumpis, die Situation der Zweitliga-Fußballer ist trotz des Sieges am vergangenen Wochenende prekär. Was bereitet Ihnen Sorgen, was macht Ihnen Hoffnung?

Die Situation ist nach wie vor besorgniserregend. Wir haben mit unserem neuen Trainer Daniel Scherning drei wichtige Punkte geholt und einmal durchgeschnauft. Damit haben wir aber noch nichts umgerissen. Bei uns verliert niemand die Bodenhaftung, weil wir die rote Laterne abgegeben haben. Aber ich habe einen leisen Hauch von Hoffnung für die nächsten Spiele, weil erste Entwicklungen unter unserem neuen Trainer bereits zu sehen waren. Jetzt hat er ein bisschen Zeit, um inhaltlich mit der Mannschaft zu arbeiten.

Aber wie kam es aus Ihrer Sicht überhaupt zu dieser bedrohlichen Situation?

Das war ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Die Kaderzusammenstellung war nicht ausgewogen. Dadurch konnte z.B. die Verletzung von Anthony Ujah nicht vollumfänglich aufgefangen werden, die Mannschaft ist von Spiel zu Spiel verunsicherter geworden und der eine oder andere Leader hat gefehlt. Die Konstellation mit Jens Härtel, der zweifellos ein guter Trainer ist, hat bei uns nicht so gepasst, wie wir uns das vorgestellt hatten – deswegen haben wir die Reißleine gezogen.

Mit Michael Schiele musste zuvor ein anderer Trainer gehen, Jens Härtel war dann nicht lange da, Peter Vollmann wurde als Sport-Geschäftsführer freigestellt. Wie gehen die verbliebenen Entscheider aus Aufsichtsrat und Präsidium mit diesen Entscheidungen und ihrer Verantwortung dafür um?

Leider haben sich einige Entscheidungen im Nachhinein als nicht erfolgbringend, zum Teil auch als fehlerhaft, herausgestellt. Wir haben darauf mit den entsprechenden Änderungen reagiert, mit dem Ziel, nachhaltig positive Veränderungen herbeizuführen.

Gerade die Personalie Peter Vollmann wurde schon länger diskutiert. Was hat am Ende den Ausschlag gegeben, sich von ihm zu trennen?

Über die Personalie wurde vor allem außerhalb des Vereins diskutiert, nicht immer des Menschen Peter Vollmann würdig. Ganz unabhängig von seiner sportlichen und seiner Arbeitsexpertise ging es oft auch um ihn als Person. Das ist etwas, das wir nicht gutheißen. Die Entscheidung zur Trennung war ein längerer Prozess. Benjamin Kessel sollte eigentlich Zeit bekommen, sich in Reihe 2 als Sportdirektor zu entwickeln und die hätten wir ihm auch gern gegeben. Dann hat uns die sportliche Situation eingeholt. Aber er nimmt die Herausforderung an und bekommt jede Unterstützung.

Kommen wir von der Lage der Zweitliga-Fußballer zu Ihrer fast zweijährigen Amtszeit als Präsidentin. Auf welche Entscheidungen sind Sie und Ihr Team stolz?

Wir haben im Verein durchaus viel bewegt. Ich bin sehr froh, dass wir den Strategieprozess angestoßen haben. Nicht so glücklich bin ich darüber, dass wir es versäumt haben, unsere Mitglieder und unsere Fans auch kommunikativ begleitend in diesem Prozess mitzunehmen. Das müssen wir unbedingt nachholen. Wir sind schon im Sommer mit einigen Schritten gestartet, die wir eigentlich hätten kommunizieren können. Wir müssen uns hinterfragen, was dazu geführt hat, dass wir nicht so selbstbewusst damit nach draußen gegangen sind. Die Einstellung von Benjamin Kessel als Sportdirektor und Philipp Schmidt als Leiter der Scoutingabteilung sind beispielsweise erste Resultate dieses Prozesses. In allen acht Teilbereichen der Strategie wurde bereits mit der Umsetzung begonnen. Wichtig ist, dass es sich dabei um einen dynamischen Prozess handelt, der immer wieder überprüft und angepasst wird. Bei der Mitgliederversammlung wird es Punkte geben, die wir schon platzieren können. Darüber hinaus entwickeln wir Formate, in denen wir nach und nach die wichtigsten Inhalte der internen und externen Öffentlichkeit vorstellen werden – das ist nicht mit einer Pressemitteilung oder Meldung auf der Homepage getan.

Für die Eintracht-Fans und auch für einige Mitglieder wirkt der Strategieprozess noch ein bisschen diffus. Wie wollen Sie die Akzeptanz für den eingeschlagenen Weg bei all dem entstandenen Unmut über die ausbaufähige Kommunikation wiederherstellen?

In diesem Bereich gab es Versäumnisse. Wir wollen uns stetig verbessern und lernen dabei nachhaltig aus unseren Fehlern. Mit Authentizität und großer Transparenz können wir die Leute wieder ins Boot holen. Wir haben einen Plan und sind schon einige Schritte gegangen. Aber wir müssen Vertrauen wiederherstellen. Wir brauchen die Menschen draußen, die den Weg mit uns gehen und ihn mittragen.

Sie haben über Fehler gesprochen. Welche Entscheidungen würden Sie im Rückblick anders treffen?

Am Anfang war alles sehr rasant. Ich würde mir heute mehr Zeit nehmen, um noch bewusster in Entscheidungen und Prozesse zu gehen und mich kritischer zu einigen Dingen äußern. Ansonsten haben wir viele Sachen gut angestoßen und eine Bestandsaufnahme in unseren Abteilungen gemacht. Jetzt müssen wir in die Umsetzung gehen. Die Zugänge zu städtischen Hallen und Plätzen müssen verbessert werden, zudem müssen wir mehr Synergieeffekte zu unseren eigenen infrastrukturellen und personellen Ressourcen im Nachwuchsleistungszentrum schaffen. Wir haben von den Abteilungen des BTSV Hausaufgaben bekommen. Die Zeit, diese zu erledigen, war aber in den rund eineinhalb Jahren sehr knapp bemessen. Alle Abteilungen haben unterschiedliche Herausforderungen, was sie eint, sind beispielsweise infrastrukturelle Probleme. Die teilen wir aber mit allen Vereinen der Stadt.

Es gab diesmal keinen Wahlkampf mangels Gegenkandidaten. Wieso wurden vor der Mitgliederversammlung von Ihnen und Ihrem Team keine (neuen) inhaltlichen Schwerpunkte gesetzt?

Weil wir die alten Schwerpunkte, die wir damals gesetzt haben, noch gar nicht vollumfänglich bearbeitet haben. Die meisten sind nach wie vor aktuell– wie zum Beispiel das Großprojekt des Tennisheims. Und wir wollen auf 8000 Mitglieder kommen – wir sind zwar auf einem sehr guten Weg, aber dieses Ziel haben wir trotz eines großen Zuwachses noch nicht erreicht. Es gibt durchaus Punkte, die noch offen sind, wo wir aber auf dem Weg sind. Ein mir wichtiges Thema, die Stärkung der Frauen-Leistungsmannschaften zu mehr Professionalität, ist auch noch in der Anfangsphase. Ein elementares Ziel ist zudem der Klassenerhalt der Profis in der 2. Bundesliga. Damit wird auch der Verein weiter in seinen Strukturen gestärkt und wir können noch weitere Synergien zwischen den Abteilungen schaffen.

Aber es spitzt sich vieles auf den Freitagabend mit der Jahreshauptversammlung zu. Kann man es den Mitgliedern und denen, die es mit der Eintracht halten, zumuten, dass sie das verstehen, ohne nochmal auf Inhalte gestoßen zu werden?

Ich erwarte grundsätzlich nicht, dass sich ein Mitglied vorher 1000 Informationen einholt, damit es dann gebrieft in der Jahreshauptversammlung sitzt. Die Versammlung soll dafür da sein, Informationen an Mitglieder weiterzugeben. Das haben wir im Sommer bei unserer Info-Veranstaltung im Stadion gemacht, wir machen das regelmäßig über Newsletter und auch die Abteilungsvorstände, die wir immer informieren.

Sie sind Präsidentin des Vereins und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Kapitalgesellschaft. Wie klar können Sie diese Rollen voneinander trennen?

Wir haben uns damals dazu entschieden, einen anderen Aufsichtsratsvorsitzenden zu wählen. Hintergrund war, dass wir die Verantwortung für die Gremien auf unterschiedliche Schultern verteilen wollten. Das wurde in Braunschweig vorher durchaus anders gehandhabt. In der Satzung ist es nicht verankert, dass der Präsident auch gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender ist. Ein entsprechender Antrag der Fanabteilung wurde vor einigen Jahren durch die Mitgliederversammlung abgelehnt. Aber natürlich habe ich auch im Aufsichtsrat eine starke Stimme und Verantwortung – die drücke ich auch nicht weg. Ich habe aber dort ganz andere Aufgaben als als Präsidentin.

Viele Fans haben sich von Ihnen gewünscht, dass Sie auch klare Worte zur Situation der Profifußballer finden. Was antworten Sie darauf?

Ich habe zu den jüngsten Entwicklungen durchaus etwas gesagt. Das haben die Menschen auch wahrgenommen. Im Aufsichtsrat war aber besprochen, dass die Geschäftsführer zu ihren jeweiligen operativen Themen nach außen kommunizieren und wir sie dadurch stärken. Der Ruf ist sehr groß – auch sicherlich aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit, dass jemand aus den Gremien nach außen auftritt, das haben wir immer gut abgewogen. Im Nachhinein muss man sagen, dass das im Bereich der Sportkommunikation in manchen Fällen nicht glücklich gelaufen ist.

Wie nehmen Sie das Bild wahr, das in der Öffentlichkeit von Ihnen gezeichnet wird?

Ich glaube, es ist angekommen, dass ich für bestimmte Themen stehe: Demokratie, Diversität und Dialog in und mit den verschiedensten Formaten. Ich glaube, das haben die Leute verstanden. Und ich habe verstanden, dass die Leute sich wünschen, dass ich mich mehr zum Geschehen rund um den sportlichen Bereich äußere.

Der Verein hat vor Wochen einen Aufruf gestartet, sich für die Ämter zu bewerben, die bei der Wahl am Freitag neu besetzt werden. Warum hat er ihn auf seinen Internetseiten versteckt und ist damit nicht offensiver an die Öffentlichkeit gegangen?

Wir haben den Aufruf zur Bewerbung auf unseren für jedermann öffentlich zugänglichen BTSV-Medien kommuniziert und unsere Mitglieder informiert. Wir hatten nur einen Bewerber, der seine Bewerbung aber wieder zurückgezogen hat.

Wie bewerten Sie die Veränderungen in Ihrem Team?

Uwe Fritsch bleibt dabei, darüber freue ich mich sehr, weil er sehr viel an Formaten, wie z.B. dem Tag der Eintracht, innerhalb des Vereins mitgewirkt hat. Bettina Heinicke bleibt für die Abteilungen ebenfalls erhalten. Sie hat sich sehr intensiv eingearbeitet. Benjamin Kessel gibt aufgrund seiner Funktion als Sportdirektor der Profis sein Amt ab. Mit Ken Reichel sind wir sehr gut für die Zeit danach aufgestellt. Er hat Stallgeruch, arbeitet im Nachwuchsleistungszentrum und kann von dort aus auch auf die Fußballabteilung am Biberweg wirken. Er hat ein tolles Verständnis von Fußball, er hat auch richtig Lust auf die Aufgabe und kann ein gutes Bindeglied zwischen Gesamtverein und Nachwuchsleistungszentrum sein. Rainer Cech zeigt, dass er als Vizepräsident Finanzen nach 16 Jahren nicht an seinem Amt klebt. Es ist seine Entscheidung, dass er sich zurückzieht. Es passt für ihn, weil der BTSV gut aufgestellt ist. Er würde das Amt gern an Thies Vogel weitergeben. Der ist Sponsor in der Fußballabteilung und hat auch nach der Wahl im vergangenen Jahr, als er ja Teil des anderen Teams war, den Kontakt mit uns gehalten. Er bringt eine riesengroße blau-gelbe Leidenschaft mit. Das ist ein großes Pfund. Und dann hat er aufgrund seines beruflichen Backgrounds einen ähnlichen Ansatz wie Rainer Cech.

Beschäftigen Sie sich auch mit dem Szenario, dass jemand aus Ihrem Team nicht gewählt wird?

Es wäre unseriös, sich nicht damit zu beschäftigen. Und es muss natürlich besprochen sein, was passiert, wenn dieser Fall eintritt. Alles andere wäre fatal, wenn man die Größe dieses Vereins und die damit einhergehende Verantwortung betrachtet. Doch ich bin der absoluten Überzeugung, dass unsere Mitglieder uns weiterhin das Vertrauen schenken werden, damit wir unsere Vorhaben für eine gute und sichere Zukunft unserer Eintracht weiter gemeinsam umsetzen können.

Wie lauten Ihre Erwartungen und Hoffnungen für die Mitgliederversammlung und für die Zukunft der Eintracht?

Dass wir eine konstruktive Sitzung haben, dass sie lebendig wird und dass wir auf respektvoller Augenhöhe miteinander sprechen. Wir haben wichtige Satzungsänderungsanträge, die gemeinsam in einer aus dem Strategieprozess heraus entstandenen Kommission erarbeitet wurden. Und ich würde mir wünschen, dass diesen Anträgen auch zugestimmt wird, weil sie zukunftsweisend sind. Es ist nicht alles perfekt bei der Eintracht, aber wir wissen, dass wir alle daran arbeiten müssen – das wäre mein Wunsch. Wir müssen wieder enger zusammenrücken, denn die Eintracht war immer dann erfolgreich, wenn alle gemeinsam an einem Strang gezogen haben.