Hannover/Braunschweig. Gunter A. Pilz würde die massive Polizeipräsenz wie beim Derby herunterfahren. Er ist dagegen, dass sich Vereine an Kosten beteiligen.

In der Heinz von Heiden Arena in Hannover hat es am Sonntag lichterloh gebrannt. Schon vor Anpfiff des Niedersachsen-Derbys zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig kam es zu teils tumultartigen Szenen. Die Polizei hatte mehr als 2000 Kräfte im Einsatz. Doch das ist sogar kontraproduktiv, gibt Fanforscher Gunter A. Pilz zu bedenken.

Der Sportsoziologe und Professor aus dem Landkreis Celle fragte rhetorisch: „Muss dieser massive Polizei-Einsatz wirklich sein?“ Er gab am Telefon selbst die Antwort: „Mehr Polizei sorgt nicht für mehr Sicherheit. Im Gegenteil: Mehr Polizei provoziert auch mehr Gewalt.“

Wasserwerfer, berittene Polizei und Hubschrauber – laut Pilz alles völlig übertrieben

Die Polizisten kamen am Sonntag aus halb Niedersachsen. Die Beamten fuhren Wasserwerfer auf, es gab berittene Polizisten und ein Hubschrauber hatte aus der Höhe alles im Blick. Laut Pilz ist das also alles völlig übertrieben.

Die Emotionen in beiden Fanlagern kochten schon vor Spielbeginn über. Bereits über eine halbe Stunde vor Anpfiff wurden die ersten Böller gezündet, es folgten Raketen, Rauch und weitere Böller, unmittelbar bevor Schiedsrichter Sascha Stegemann die Partie anpfeifen wollte. Die Spieler mussten die Böllerreste immer wieder vom Rasen tragen.

Fanforscher Gunter A. Pilz aus dem Landkreis Celle.
Fanforscher Gunter A. Pilz aus dem Landkreis Celle. © dpa | Caroline Seidel

Noch vor einigen Jahren habe die Polizei in Hannover einen anderen Kurs gefahren

Eintracht-Anhänger warfen mit kompletten Sitzreihen. Es gab verletzte Sicherheitskräfte, die mit metallenen Gegenständen beworfen wurden. Andererseits: die An- und Abreise der mehr als 4000 Eintracht-Fans klappte reibungslos.

Geht es nach Pilz, hätte auch die Zeit im und ums Stadion deutlich friedfertiger ablaufen können. Pilz erinnerte daran, dass gerade die Polizei in Hannover noch vor einigen Jahren einen komplett anderen Kurs gefahren sei. Es sei nicht um eine möglichst hohe Abschreckung durch eine massive und einschüchternde Polizeipräsenz gegangen.

Konfliktmanager gingen früher vor dem Spiel mit Fangruppen ins Gespräch

Pilz: „Es gab Konfliktmanager. An die Fangruppen der Vereine gingen schon vor dem Derby Briefe raus, in denen das Konzept klar benannt wurde. Es wurde klar beschrieben, was geht - und was nicht geht.“ Die Gästefans seien dann am Bahnhof in Hannover von mehreren Konfliktmanagern in Empfang genommen worden. Dazu nur eine Handvoll Polizisten. Auch hier habe es noch mal eine klare Ansprache gegeben. „Es gab den gegenseitigen Austausch. Fans konnten sagen, was ihnen nicht passt. Andersherum war das ganz genauso“, so Pilz.

„Bekommt ihr das geregelt, gibt es für alle keine Probleme“, hätten die Konfliktmanager gesagt, so Pilz. Falls nicht, hätte die Polizei einschreiten müssen. Das sei aber gar nicht nötig gewesen. „Weit weniger als 1000 Polizisten“ seien dann im Einsatz gewesen, sagte Pilz. „Die Polizei war da, sie war aber nicht so sichtbar wie heute. Das gehörte zum deeskalierenden Konzept“, so Pilz. Neue Einsatzleiter hätten bei der Polizei Hannover leider eine ganz andere Taktik eingesetzt.

Pilz: „Immer wenn die Polizei sich einschaltet, solidarisieren sich die normalen Fans mit den Ultras.“

Pilz gibt zu bedenken: „Immer dann, wenn die Polizei sich bei solchen Risikospielen einschaltet, solidarisieren sich auch die ganz normalen Fans mit den Ultras.“ Das habe die Erfahrung immer wieder gezeigt. Pilz ist sich sicher: „Das mit der Pyrotechnik bekommt die Polizei auch nicht in den Griff.“ Pyros und Böller seien ohnehin eher eine Stilfrage, nicht eine Frage der Gewalt.

Die Gewalt habe bei Fußballspielen immer weiter abgenommen. Der Fanforscher erinnerte an Spiele in den 80er Jahren. „Damals gab es regelmäßig richtige Straßenschlachten zwischen den Fangruppen rivalisierender Vereine. Das gibt es heute so gut wie gar nicht mehr.“

„Höchststaatliche Aufgaben dürfen nicht aus der Hand gegeben werden.“

Pilz lehnt auch deshalb die Drohung von Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) ab. Diese hatte den Vereinen in der Halbzeitpause des Derbys avisiert, dass sie sich künftig an den Polizei-Einsätzen finanziell beteiligen müssten, wenn sie das Problem mit den Pyros nicht besser in den Griff bekommen.

Pilz erinnerte daran, dass Behrens‘ Vorgänger Boris Pistorius gegen eine Beteiligung der Vereine an den Sicherheitskosten gewesen sei. Das sei vollkommen richtig. „Höchststaatliche Aufgaben dürfen nicht aus der Hand gegeben werden“, sagte dazu Pilz.

Polizeigewerkschaften unterstützen den Vorschlag von Ministerin Behrens

Die Vereine würden immense Steuern zahlen. „Sie investieren auch in kostspielige Ordnungsdienste“, sagte der Professor. Zudem bekämen die Vereine „horrende Strafe“ für das Abbrennen von Pyros. „Pro Fackel 600 Euro“, so Pilz. Das werde gezielt von der Deutschen Fußball Liga (DFL) beobachtet.

Im Gegensatz zu Pilz unterstützen Polizeigewerkschaften den Vorschlag von Ministerin Behrens. Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) sprach mit Blick auf randalierende Fans von „Event-Chaoten“. DPolG-Landeschef Patrick Seegers sagte laut Mitteilung: „Fußballrandale auf Kosten der Steuerzahlenden und dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen muss auch finanzielle Konsequenzen haben! Deshalb begrüße ich es ausdrücklich, dass die Ministerin endlich einlenkt.“ Auch die niedersächsische Gewerkschaft der Polizei (GdP) und der Bund der Steuerzahler in Niedersachsen äußerten sich ähnlich.

Eintracht Braunschweig lehnt finanzielle Beteiligung ab, verhängt aber bundesweite Stadionverbote

Die Vereine äußerten sich - verständlich - anders. Eintracht-Geschäftsführer Wolfram Benz erklärte per Mitteilung, dass der Verein die Fangewalt verurteile. „Besonders das Abfeuern von Raketen und Bengalos auf das Spielfeld sowie das Werfen von Böllern sowie Bengalos in Richtung gegnerischer Fans sind extrem gefährlich, absolut inakzeptabel und erweisen denjenigen einen Bärendienst, die für einen verantwortungsvollen Einsatz von Pyrotechnik als Stil- und Ausdrucksmittel werben“, sagte Benz.

„Personen, die von der Polizei zweifelsfrei beim Begehen der genannten Taten identifiziert werden können, werden vom gastgebenden Verein mit einem bundesweiten Stadionverbot belegt“, so Benz. Er lehnte es aber klar ab, dass sich die Klubs an den Polizei-Kosten beteiligen sollen.

Hannover 96: „Polizei ist für die Gewährleistung der Sicherheit im öffentlichen Raum zuständig.“

Auch 96-Sprecher Christoph Heckmann sagte auf Anfrage: „Wir vertreten klar die Ansicht, dass die Polizei für die Gewährleistung der Sicherheit im öffentlichen Raum zuständig ist.“ Es handele sich dabei um eine hoheitliche Aufgabe des Staates, den auch der Verein durch seine Steuergelder finanziere. Er kündigte an: „Wir werden nun eine gründliche Analyse der Vorkommnisse durchführen.“