Braunschweig. Ein „Eintracht-Weg“ ist nicht zu erkennen, meint Chefredakteur Christian Klose. Die sportliche Krise könnte nun der Zeitpunkt für den Neuanfang sein.

Eines ist aus blau-gelber Sicht sicher: Ein langweiliger Fußball-Verein wird Eintracht Braunschweig nie werden. Die Wucht eines Traditionsvereins und die damit einhergehenden Emotionen und Ansprüche sind für die Verantwortlichen der Löwen nur schwer zu bändigen. Doch bei allem Verständnis für begrenzte wirtschaftliche Mittel oder gerade deshalb, braucht Eintracht Braunschweig endlich einen kompletten und ehrlichen Neuanfang und einen unaufgeregten und belastbaren Plan für die Zukunft – inklusive einer großen Portion an Geduld im Umfeld und bei den Fans.

Es klingt abgedroschen oder gar wie eine Binsenweisheit: Der Weg muss das Ziel für die Eintracht werden. Und zwar jetzt. Wenn nicht, besteht aktuell eine ganze andere Gefahr: dass der Weg in die Zukunft eine unaufhaltsame Abwärtsspirale wird.

„Wir haben den Fußball in Deutschland ins Rollen gebracht“, steht am Braunschweiger Hauptbahnhof für all jene geschrieben, die in der Löwenstadt ankommen und sich mehr oder weniger für Fußball interessieren. 50 Jahre Trikotwerbung haben wir in diesem Jahr gefeiert, auch diese Einmaligkeit gehört zur Eintracht. Gründungsmitglied der Bundesliga, Deutscher Meister 1967, Fußball-Bundesligist in der Saison 2013/2014, 100 Jahre Eintracht-Stadion und einige Spieler-Legenden, die für Blau-Gelb gekickt haben: Die Liste der Besonderheiten ist lang, die feinen Zutaten zu einem unverwechselbaren Kultverein liegen hier auf beziehungsweise an der Hamburger Straße.

Die Eintracht hat als Traditionsverein – ohne Frage – viel zu bieten. Aber Kultverein, Top-Marke? Das ist die Eintracht (noch) nicht, dazu müsste sie sich in allen Belangen entwickeln. Die aktuelle Situation ist eine andere. Was macht die Eintracht aus ihrem traditionsreichen Vermächtnis und dem unschätzbaren Wert, bedingungslos treue Fans zu haben? Klare Antwort: zu wenig.

„Look and Feel“ – Eintracht Braunschweig muss an den Strukturen arbeiten

Es ist nicht nur der sportliche Bereich, der seit einigen Jahren überschaubaren Spaß bringt. Sportliche Aufs und Abs haben auch andere Traditionsvereine quer durch die Fußball-Republik immer wieder gehabt. Doch einige solcher Potenzial-Klubs haben unabhängig von ihren Resultaten auf dem Rasen an ihren Strukturen gearbeitet, an einem – Neudeutsch – „Look and Feel“ aus Sicht der Anhänger, Sponsoren und medialen Fußball-Beobachter. Eben an ihrer Marke.

Liga-Konkurrent FC St. Pauli hat es so zum Kult-Klub im Schatten des großen HSV geschafft, auch der 1. FC Magdeburg macht da aktuell als Verein im Osten sehr viel richtig. „Was wollen wir sein und darstellen? Und wo wollen wir in fünf oder zehn Jahren sein? Was können wir aus unserer Authentizität und unserer Bodennähe an Alleinstellungsmerkmalen entwickeln? Wie bekommen wir es hin, dass auch bei den Fans der Nachwuchs gesichert ist?“ Diese und viele weitere Fragen muss sich die Eintracht als Verein stellen und einen klaren wie unumkehrbaren Plan aufstellen. Und dieser muss ohne Hektik Schritt für Schritt umgesetzt werden, unabhängig davon, in welcher Liga die Profis gegen den Ball treten. Im Wortsinn: mit Geduld und Spucke.

Hat die Eintracht einen solchen Plan irgendwo in der Schublade? Bisher ist zumindest keiner erkennbar. Denn der ungeschminkte Eindruck der jüngsten Vergangenheit ist leider ein völlig anderer. Die Verantwortlichen in der Geschäftsleitung, vor allem in der sportlichen Leitung, und auch der Aufsichtsrat sind im Dauer-Krisen-Panik-Modus, sie reagieren nur noch auf die sportlichen Probleme und lassen eines schon länger nicht mehr erkennen: einen Eintracht-Weg.

Wo ist die Idee, wie es mit dem BTSV weitergehen soll? Warum ist die Eintracht noch nicht der wirtschaftlich erfolgreiche Kultverein? Weil es kein nachhaltiges Agieren gibt. Allein die aktuelle Saison spricht Bände für die unübersehbare sportliche Planlosigkeit: Obwohl Trainer Michael Schiele mit den Löwen den Klassenerhalt in der 2. Fußball-Bundesliga geschafft hatte, wurde ihm noch in der Sommerpause der Trainerstuhl vor die Tür gestellt. Die Gründe? Offizielle Argumente, die so dünn waren wie die aktuelle Punkteausbeute. Dann sollte der erfahrene, aber schon etwas ältere Trainer Jens Härtel für den sportlichen Neuanfang sorgen. Das Ergebnis ist bekannt. Leitfiguren fehlen ebenso auf dem Platz wie bei den Entscheidern. Es muss ein Neuanfang her. Jetzt oder nie.

Schauten bei der ersten Trainingseinheit unter Interimscoach Marc Pfitzner zu:  Eintracht Braunschweigs kaufmännischer Geschäftsführer Wolfram Benz, Sportdirektor Benjamin Kessel, Luca Podlech (Medien und Kommunikation) und Sport-Geschäftsführer Peter Vollmann.
Schauten bei der ersten Trainingseinheit unter Interimscoach Marc Pfitzner zu: Eintracht Braunschweigs kaufmännischer Geschäftsführer Wolfram Benz, Sportdirektor Benjamin Kessel, Luca Podlech (Medien und Kommunikation) und Sport-Geschäftsführer Peter Vollmann. © regios24 | Darius Simka

Und dennoch gibt es die ersten Lichtblicke: Mit Spieler-Legende Marc Pfitzner als Interimscoach (und vielleicht künftiger Eintracht-Trainer) und dem Sport-Geschäftsführer in spe, Benjamin Kessel, sind die ersten Weichen für die Zukunft gestellt. Kessel muss ab sofort das sportliche Sagen haben und zusammen mit Sportkoordinator Dennis Kruppke für den sportlichen Neuanfang stehen. Denn die drei Vorbilder stehen als Gesamtpaket auch für den fußballerischen Sachverstand, den die Eintracht für die Zukunft zwingend braucht. Die Löwen brauchen endlich Typen, die den Verein, die Fans und das gesamte Umfeld elektrisieren und anstecken können. Hier sind sie.

Wichtig: Alle müssen Geduld aufbringen für den neuen Braunschweiger Weg

Die große Herausforderung ist, es zu schaffen, dass alle den neuen Braunschweiger Weg, wenn er dann klar ist, mitgehen – auch wenn es eine harte Übergangszeit geben und der Prozess sehr anstrengend werden wird. Erst kommt das Gesamtkonzept, dann irgendwann auch der sportliche Erfolg zurück. Zu einem neuen, modernen Denken und Handeln gehört auch, dass es bei der Eintracht nicht mehr verpönt sein darf, mit anderen Vereinen zu kooperieren. In der heutigen Zeit ist es in nahezu jedem Business völlig normal und aus Überzeugung gewollt, auch durch Partnerschaften zum Erfolg zu kommen. Bisher kapselt sich der Traditionsverein gefühlt eher ab. Ein Fehler.

Man will es allein schaffen. Wohl, um sich treu zu bleiben und keinen Ärger mit den Ultras zu bekommen. Für Romantik kann man sich aber nichts kaufen. Und so funktioniert die moderne (Fußball-)Welt auch nicht mehr. Schon gar nicht, wenn man permanent klamm ist. Auch hier braucht es neue Ansätze, auch im Zusammenspiel in der Region. Manchmal hat man das Gefühl, dass sich die Eintracht gar nicht helfen lassen möchte und sich dadurch selbst im Weg steht.

Momentum im Herbst: Zeitpunkt für Neuanfang war nie besser

In jeder Krise steckt auch eine Chance. Und so aussichtslos die sportliche Lage derzeit aussieht, so groß und verheißungsvoll könnte das Momentum sein, das sich der Eintracht just in diesen deprimierenden und grauen Herbsttagen bietet. Der Zeitpunkt für einen echten Neuanfang war nie besser.

Im digitalen Business nennt man dies den „Phönix-Effekt“: Wenn traditionelle Unternehmen durch neue Innovationen und andere Wege wieder wie Phönix aus der Asche aufsteigen. Auch wenn es bei der Eintracht in erster Linie um das Verhindern des sportlichen Abstiegs geht, darf es die Verantwortlichen gleichzeitig nicht davon abhalten, ab jetzt am Projekt „Phönix“ zu arbeiten und in die Zukunft zu investieren. Wenn sich alle bei den Löwen darauf einschwören könnten, kann es dieser Traditionsverein, der mit einem so gewichtigen Erbe ausgestattet ist, schaffen, wieder erfolgreicher zu werden. Und das wird dann bestimmt niemanden langweilen.