Braunschweig. Im März 1973 spielte Eintracht Braunschweig erstmals mit dem Hirsch auf der Brust – der Jägermeister-Chef wollte den Klub gar umtaufen. Ein Rückblick.

Erst einmal geht es in dieser Geschichte um die korrekte Bezeichnung. „Das ist ein Hubertus-Hirsch und kein Jägermeister-Hirsch.“ Ein Satz, der Günter Mast zugeschrieben wird, dem ehemaligen Chef des Likör-Giganten aus Wolfenbüttel. Und jener Hubertus-Hirsch schrieb vor ganz genau 50 Jahren Fußball-Geschichte. Am 24. März 1973 trug Eintracht Braunschweig als erste Mannschaft im deutschen Profisport vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) erlaubte Werbung auf dem Trikot.

In der Fußball-Bundesliga ging es damals gegen Schalke 04, das Duell der Blau-Gelben mit den Blau-Weißen endete 1:1. Peter Ehmke hatte die Gelsenkirchener in Führung gebracht, Ludwig Bründl später ausgeglichen. Doch das Sportliche stand dieses Mal im Eintracht-Stadion im Hintergrund der historischen Trikotaufmachung.

Hirsch auf Ursprung war eine Gartenparty

Die Idee war Mast bei einem Grillfest im eigenen Garten gekommen, erinnert sich Bernd Gersdorff, der viele Jahre mit dem Unternehmer, der später Eintracht-Präsident wurde, verbrachte. Bei diesem Grillfest seien nach und nach immer mehr Gäste ins Wohnzimmer verschwunden, um ein Länderspiel der deutschen Mannschaft gegen England im TV zu gucken, sagt Gersdorff. „Da wurde ihm klar, dass der Fußball in Deutschland eine riesige Strahlkraft besitzt – und das in allen gesellschaftlichen Schichten.“

Ikonisch: Bernd Gersdorff Anfang des Jahres 1973 im Trikot von Eintracht Braunschweig.
Ikonisch: Bernd Gersdorff Anfang des Jahres 1973 im Trikot von Eintracht Braunschweig. © imago images | Fritz Rust

Gersdorff, damals Kapitän und Offensivallrounder im Team von Trainer Otto Knefler, war einer der ersten Träger des historischen Trikots. Sein Foto mit Hirsch und markantem Schnurrbart ist ikonisch und ebenso in die Geschichtsfotobücher eingegangen.

So viel Geld soll das Trikotsponsoring der Braunschweiger Eintracht eingebracht haben

100.000 Mark im Jahr soll der erste Trikotsponsoring-Vertrag der Liga der Eintracht eingebracht haben. Zum Vergleich: Heutzutage nehmen die 18 Bundesligisten angeblich mehr als das Tausendfache durch Trikotsponsoring ein. „Wenn man sieht, wie viel Geld die Vereine mittlerweile damit generieren, muss die gesamte Fußball-Branche Günter Mast bis heute dankbar sein“, sagt Gersdorff. Beide Männer verbindet aber eine weitere interessante Eintracht-Geschichte – und eine nette Anekdote. Dazu später mehr.

Erst zur weiteren interessanten Eintracht-Geschichte. Mast verfolgte mit seinem Engagement bei den Blau-Gelben nicht nur wohltätige Zwecke, sondern auch knallharte wirtschaftliche Interessen – und das gab er ganz offen zu. Klarheit als Konzept. Er sei kein Mäzen, der bloß Geld in den Verein pumpe ohne Gegenleistung, sagt Mast damals. „Ich will auf diesem Weg den Bekanntheitsgrad der Marke Jägermeister signifikant steigern.“

In den zehn Jahren nach seinem Coup mit dem Hubertus-Hirsch auf der Braunschweiger Brust steckte Mast Herzblut und Engagement in den Verein, den er 1983 als Präsident übernahm – und sich eines weiteren großen Projekts verschrieb, das erneut für Furore sorgen sollte.

„Sportverein Jägermeister Braunschweig“ – Gerichtskrimi bis nach Karlsruhe

Denn Mast wollte die Eintracht für noch mehr PR umbenennen in „Sportverein Jägermeister Braunschweig“. Es begann ein Gerichtskrimi, der bis vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe ging.

Gersdorff beschreibt Masts Motivation so: „Er war ein Marketingexperte, Visionär und Pragmatiker.“ Und ebendiese Mischung sorgte für den Beginn des Streits um den Vereinsnamen, dessen offene Austragung dem Unternehmer nur recht war – immer wieder wurde „Jägermeister“ in der kompletten Medienlandschaft genannt. „Zeigen Sie mir einen, der soviel kostenlose PR hat wie ich. Die Eintracht ist jetzt eben eine ,Jägermeister’-Filiale“, hat der Firmenchef damals gesagt.

Eintracht Braunschweig im Jägermeister-Trikot beim Training 1973: Dietmar Erler (von links), Allan Michaelsen, Peter Kaack, Bent Jensen, Jaro Deppe, Bernd Gersdorff, Jürgen Dudda, Ludwig Bründl, Siegfried Scherzer, Bernd Franke.
Eintracht Braunschweig im Jägermeister-Trikot beim Training 1973: Dietmar Erler (von links), Allan Michaelsen, Peter Kaack, Bent Jensen, Jaro Deppe, Bernd Gersdorff, Jürgen Dudda, Ludwig Bründl, Siegfried Scherzer, Bernd Franke. © imago sportfotodienst

Nur: Der DFB hatte etwas gegen die Umbenennung und änderte eigens seine Satzung. Mast ließ sich das nicht gefallen und klagte vor dem Landgericht Frankfurt, das aber 1984 zugunsten des Verbands entschied. Der Unternehmer ging in Revision, verlor aber 1985 auch in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Blieb noch Karlsruhe und der Bundesgerichtshof, der im November 1986 wegen eines Verfahrensfehlers seitens des DFB zugunsten von Mast urteilte. „Damit hatte er sein großes Ziel erreicht und sich gegen die Satzungen des DFB mit Hilfe der ordentlichen Gerichte durchgesetzt“, sagt Gersdorff. Aber: Umbenannt wurde die Eintracht trotzdem nicht. Und das lag am Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV).

Der hatte angedroht, die Jugendmannschaften der Braunschweiger Eintracht aus dem Spielbetrieb zu entfernen, wenn auf den Braunschweiger Trikots offen für Alkohol geworben und der Verein nun sogar noch nach einem Likör, das Kindern und Jugendlichen unzugänglich sein soll, benannt werde. „Dieser Beschluss des NFV ließ ihn umdenken und er hat dann die richtige und weise Entscheidung getroffen, von der Umbenennung Abstand zu nehmen“, sagt Gersdorff.

So blieb die Eintracht die Eintracht – und wurde doch nicht zum SV Jägermeister Braunschweig. Für Mast aber bedeutete es den Rückzug als Vereinspräsident.

Mast kümmerte sich um die Spieler der Braunschweiger Eintracht

Und nun zur angekündigten netten Anekdote: Gersdorff musste oft montags nach den Spielen bei Präsident Mast vorbeischauen und dem Unternehmer auf dessen mondänem Sofa „Fußball erklären“, wie die Eintracht-Legende lachend erklärt. „Mast hatte mit Fußball nicht viel am Hut, aber er hatte eine große Begeisterung für Sport entwickelt. Diese Begeisterungsfähigkeit hat ihn ausgezeichnet. Er hatte zudem Freude daran, uns Spielern immer wieder Wünsche zu erfüllen. Plötzlich hatten wir beispielsweise elegante Klubanzüge ganz nach italienischem Vorbild“, sagt Gersdorff.

Ein weiteres Beispiel: Einige Zeit nach dem Bundesliga-Aufstieg heiratete Gersdorff 1974 in Berlin. „Mast ließ es sich nicht nehmen, für die Eintracht-Familie – Mannschaft, Frauen der Spieler, Vorstände, Freunde des Klubs – eine Hochzeitsfeier zu organisieren im neu eröffneten Tango-Tanzpalast“, erzählt Gersdorff. „Er hat sich um alles gekümmert, hatte einen riesen Spaß daran und fühlte sich sehr wohl. Es war ein toller Abend.“

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Mast, der 2011 verstarb, schaffte es, dass noch heute, wenn Braunschweiger im Urlaub einem Fremden ihre Herkunft offenbaren, mit der Löwenstadt regelmäßig die Eintracht und Jägermeister assoziiert werden. „Das hat auch 50 Jahre später noch Bestand und hat die Eintracht nach der überraschenden Meisterschaft 1967 mal wieder zu etwas Besonderem gemacht“, sagt Gersdorff.

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