Förste/Nienstedt. Helga Häusler aus Förste erinnert sich an Friedhofsbesuche zur Grabpflege mit ihrer Oma und Geschichten über verstorbene Verwandte.

Unser Friedhof befindet sich wie auch die Kirche im Nachbarort Nienstedt. Mir war der Friedhof von Kind an vertraut. Viele Male bin ich mit meiner Großmutter den langen Weg dort hingegangen, um die Familiengräber zu pflegen. Oma trug den Korb mit den Blumen. Hacke und Harke durfte ich tragen. Manchmal zog ich die Gerätschaften auch lustlos hinter mir her. Niemals habe ich Großvater oder meinen Onkel zum Friedhof gehen gesehen. „Es ist einfach Frauensache“, meinte meine Großmutter. Während sie pflanzte, hackte oder jätete, wobei ich tüchtig mithelfen musste, erzählte sie mir von den Begrabenen, die hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

So erfuhr ich sehr früh von meinen Vorfahren und oftmals deren gesamten Lebensläufen. Schade, dass ich einiges vergessen habe. Vergessen habe ich aber nicht, dass Oma liebevoll mit den Toten redete. Ich fragte mich, ob sie es wohl hören könnten. „Oma, wann stirbst Du eigentlich?“, fragte ich arglos. „Jeder Mensch, jedes Tier, muss sterben!“, sagte sie. Ohne zu zögern, fuhr sie fort. „Du auch! Wann? Das bestimmt der liebe Gott!“

Auf dem Freidhof liegen nur die Hüllen der Menschen

„Und dann kommt man in den Himmel?“, fragte ich ungläubig. Sie wollte sicher meine kindlichen Gedanken unterstützen und bejahte meine Frage, fügte aber hinzu „nur die Guten…“ Trotzdem hatte ich so meine Zweifel, lagen die Toten doch hier auf dem Friedhof. Außerdem kannte ich Leute, die unter dieser Voraussetzung wenig Aussicht hatten, in den Himmel zu kommen. Oma erklärte es mir in etwa so: „Das, was hier in der Erde liegt, ist nur die Hülle des Menschen. Die Seele steigt in den Himmel zum lieben Gott!“ Und dann erzählte sie mir eine kleine Geschichte über die Seele, die mit den Sätzen endete: „Und wenn jemand gestorben ist, muss man das Fenster aufmachen, damit die Seele rausfliegen kann.“

Besonders die Sache mit der Seele hat mich als kleines Mädchen sehr beschäftigt. Dabei musste ich immer an Omas Seelenwärmer denken. War das nicht das wollene Ding, das sie sich um die Brust band?

Während meiner Schulzeit erfuhr ich, dass sogar Friedrich II., der Italienkönig, in der Stunde seines Todes gespannt war, ob seine Seele tatsächlich seinen Körper verlassen würde. Bis heute habe ich diese bildlichen Darstellungen nicht vergessen.

Zu Omas verstorbenen Kindern Elfriede und Rudolf pflegte ich eine ganz besondere Beziehung, weil sie als Kleinkinder an einer schlimmen Krankheit gestorben waren. Das tat mir leid. Oma erklärte mir, dass alle Kinderkrankheiten früher sehr gefährlich waren und Kinder oft daran gestorben sind, so wie ihre beiden. „Komm, lass und mal zu Rudolf und Elfriede gehen“, pflegte sie zu sagen, als seien die beiden lebendig und würden auf uns warten. Dabei wusste sie doch genau, dass sie dort unten in ihren kleinen Särgen lagen. Die Grabsteine der beiden fand ich besonders schön. Jedes Mal durfte ich sie sauber wischen, was ich mit Inbrunst tat.

So muss die Ewigkeit klingen

Während auf Elfriedes liegendem Grabstein die Daten in schwarzer verschnörkelter Schrift auf einer Porzellanplatte geschrieben standen, war in Rudolfs grauem Stein eine schwarz glänzende Marmorplatte eingelassen. Darauf waren in goldenen Buchstaben und Zahlen seine Daten verzeichnet. Das kleine Grab lag direkt unter einem hohen Baum. Wenn der Wind durch seine Blätter blies und es ständig rauschte, verband ich das Geräusch mit der Ewigkeit, von der Oma mir erzählt hatte. So musste sie sich anhören, dachte ich bei mir.

„Dein Vater, mein Sohn, ist im Krieg gefallen und auf einem anderen Friedhof bestattet. Weit, weit weg von hier“, hörte ich sie nachdenklich weitererzählen. „Da können wir nicht hingehen.“ Ich wunderte mich über den Ausdruck „gefallen“ und nahm mir vor, gelegentlich nachzufragen, was „gefallen“ bedeuten sollte.

Geschichten über Verstorbene

Meinen Vater habe ich nicht gekannt. Wie schön wäre es gewesen, einen Vater zu haben. „Der verlorene Krieg trennt zwar die Menschen von den Gräbern der Gefallenen, aber nicht aus den Herzen.“ Dabei pochte sie mit der Faust auf die Stelle, wo das Herz liegt. „Ich hoffe, dass auch auf seinem Grab die schönsten Rosen blühen“, murmelte Oma.

Omas Lieblingslied war übrigens „Auf der Heide blüh´n die letzten Rosen.“ Sie wurde immer ein wenig wehmütig, wenn es irgendwo gespielt oder gesungen wurde. Ob es wohl mit Vaters Grab zu tun hatte?

Über ihre eigenen Eltern, also meine Urgroßeltern, erzählte sie besonders viel. Jedes Mal erwähnte sie, dass ihr Vater, mein Urgroßvater, beim Tannenzapfenpflücken aus der Tanne gestürzt sei und sich dabei das Rückgrat gebrochen habe. Das habe zu seinem Tod geführt.

Grabstelle Fröhlich um das Jahr 1950. Rechts daneben das Grab ohne Grabstein.
Grabstelle Fröhlich um das Jahr 1950. Rechts daneben das Grab ohne Grabstein. © Helga Häusler | Privat

Ihre Mutter habe es mit sieben Kindern, deren Geburts- und Heiratsdaten sie fließend aufzählen konnte, nicht leicht gehabt. Neben dem Einzelgrab von Omas Mutter (Karoline Fröhlich, geb. Behrens) befand sich eine mit Efeu bewachsene Grabstelle ohne Grabstein. „Da liegt meine Großmutter, deine Ur-Ur-Großmutter. Das Grab darf nicht mehr gepflegt werden. Die Zeit ist abgelaufen“, flüsterte sie. Verstohlen sah sie sich nach allen Seiten um. Dann zupfte sie ganz schnell das Unkraut aus. Ich passte derweilen auf, dass uns niemand beobachtete.
„Weil mein Vater, also dein Urgroßvater, jung verstorben ist, ist er dort drüben auf der anderen Hälfte des Friedhofes beerdigt.“

Durch geschmückte Gräberreihen wandern

Nach unserer Grabpflege wanderten wir häufig durch die Blumen geschmückten Gräberreihen und Oma erzählte mir von den Toten, die sie fast alle kannte.

Wenn sich das Jahr dem Ende zu neigte, und das Herbstlaub unter den Füßen raschelte, schmückten wir die Gräber ein letztes Mal. „Das ist das Letzte, was man an den Toten Gutes tun kann“, meinte sie nachdenklich. Bald würde der Schnee alles zudecken.

Herbstlaub – Ein Hauch von Abschied

Seit diesen Kindheitstagen empfinde ich raschelndes Herbstlaub wie ein Hauch von Abschied. „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten“, schrieb bereits Rainer Maria Rilke. Ein Friedhof – wie ich ihn mit meiner Großmutter erlebte – ist aus meiner Sicht ein Garten der Erinnerung.

Ein alter Vers, aus unterschiedlichen Quellen, vermutlich aus dem Mittelalter, beschreibt ungezwungen und allzeit zutreffend, den Umgang mit dem unweigerlichen Ausgang des Lebens:

Ich leb’ – und weiß nicht wie lang.
Ich sterb’ – und weiß nicht wann.
Ich fahr’ – und weiß nicht wohin.
Mich wundert’s, dass ich so fröhlich bin.

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