Braunschweig. Dorothea Herbert und Ursula Hesse von den Steinen singen Hauptrollen in Richard Strauss‘ „Salome“. Was sie an der Oper so fasziniert.

Dorothea Herbert fischt ein ganzes Arsenal von Mittelchen für die Stimme aus ihrer Handtasche: Emser Salz, Gelorevoice und andere Halstabletten, einen Kaltvernebler mit Kochsalzlösung. „Der hilft am besten“, sagt die Sopranistin. „Aber entscheidend sind natürlich Technik, Übung, gutes Warmsingen.“

In Richard Strauss‘ Skandaloper „Salome“ muss Dorothea Herbert stimmlich alles geben. Der Komponist (1864-1949), um die 40 und bereits weltberühmt, als er „Salome“ komponierte, wusste um die Herausforderungen der Titelrolle. Er mühte sich persönlich, mit Marie Wittich eine der besten Sängerinnen seiner Zeit für die Uraufführung zu gewinnen. Wittich zögerte allerdings, weil sie die Rolle zu anstößig fand: vom Stiefvater Herodes begehrt und auf dem Höhepunkt eines wüsten Festes zum Tanz aufgefordert, besteht sie im Gegenzug auf dem Kopf des Jochanaan. Weil der Prophet ihr Werben verschmähte.

Dorothea Herbert, eine „Riesenentdeckung”

Wittich sang die „Salome“ dann doch 1905 in Dresden. Strauss‘ Oper nach dem gleichnamigen Décadence-Drama von Oscar Wilde wurde ein heftig debattierter Skandalerfolg. „Die Musik ist gewaltig, sinnlich, fordernd. Ich singe über ein Orchester mit 100 Musikern hinweg. Es gibt Melodien, die man nie vergisst“, sagt Dorothea Herbert. Die Münchener Sopranistin, vom Magazin „Der Opernfreund“ als „Riesenentdeckung” geadelt, hat die Titelpartie schon bei einigen Produktionen übernommen. Beim ersten Mal habe sie die Partitur über acht Monate immer wieder studiert, erzählt sie.

In Braunschweig, Premiere ist am Samstagabend im Großen Haus, vollziehe sich die Handlung nicht in biblischer Vergangenheit, sondern eher auf einem angespannten Familienfest in der Gegenwart. Salome sei keine dämonische Lolita, sondern eine erwachsene Frau, bei der in der Begegnung mit ihren übergriffigen Eltern frühere Traumata aufbrächen, verraten Dorothea Herbert und Ursula Hesse von den Steinen. Von den Steinen singt die Partie der Herodias, Herodes‘ Frau, die zuvor mit seinem Halbbruder verheiratet war. Eine tragische Figur, erkaltet, entfremdet von ihrer Tochter, abgestoßen von der Begierde ihres Mannes. Aber auch von Jochanaan, dem fanatischen Verweigerer. „Er ist ein Eiferer, der seine Menschlichkeit vergisst und seine Probleme auf Frauen projiziert“, sagt Ursula Hesse von den Steinen. Man müsse ihn gar nicht einsperren. Er verharre selbstgewählt in seiner Blase.

Ursula Hesse von den Steinen über „Fake-Töne“

Die Kölner Mezzosopranistin gastiert seit drei Jahrzehnten an zahlreichen europäischen Opernhäusern. Seit 2021 unterrichtet sie auch als Professorin an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. „Ich interessiere mich sehr für Stimmtechnik“, sagt sie. Wie man die Stimme optional einsetzt, warum „Fake-Töne“, also eine Art von professionell halbherzigem Singen, die Stimme nicht wirklich schonen. Warum es wichtig ist, immer wieder lyrische Partien zu singen.

Die Braunschweiger Inszenierung dirigiert GMD Srba Dinic, eingerichtet hat sie Operndirektorin Isabel Ostermann. „Diese Oper hat einen ungeheuren Zug. Man steigt ein, ist mittendrin, es kulminiert und ist schon wieder zu Ende“, sagt Ursula Hesse von den Steinen. „Wenn ich die Salome singe, vergesse ich alles um mich herum, außer das Zählen“, schwärmt Dorothea Herbert. Die beiden Gastsängerinnen stehen kurz vor der Premiere. In der Endphase probe man sieben Stunden täglich, erzählen sie. Sonst müsse man sich so gut als möglich schonen. „Singen, schlafen, essen“, sagt Dorothea Herbert. Und strebt der nächsten Probe zu.

Premiere am Samstag, 9. Dezember, 19.30 Uhr, Staatstheater, Großes Haus.
Karten: (0531) 1234567 und www.konzertkasse.de.