Braunschweig. Konzert für alle, Oper im Dunkeln, Abschied für einen Flötisten, Chaos in Georgien und ein Mädchenmörder: das Staatstheater stellt Spielplan vor.

Am Montag hat das Staatstheater seinen Spielplan für die Saison 2023/24 vorgestellt. Er steht unter dem Motto „Fühlst du mein Herz schlagen?“ Dies ist ein Zitat aus dem Stück „Die Dreigroschenoper“ von Bert Brecht und Kurt Weill, welches am 24. März Premiere haben soll. Insgesamt sind 32 neue Produktionen geplant, davon 14 Uraufführungen. Hinzu kommen diverse Konzerte und Wiederaufnahmen. Laut Generalintendantin Dagmar Schlingmann alles in allem fast 600 Veranstaltungen.

Schlingmann zufolge wurde das Herzens-Motto gewählt, um „die emotionale Kraft des Theaters“ hervorzuheben. „Und es ist auch als Statement gemeint, dafür, dass rund 500 Mitarbeitende hier mit Herzblut am Werk sind.“

Gute Besuchszahlen

Die Intendantin versprühte bei der Vorstellung des Spielplans Optimismus. Die Besucherzahlen nach dem Corona-Knick hätten sich im April gut erholt, man hoffe insgesamt, das Vor-Pandemie-Niveau in absehbarer Zeit wieder zu erreichen. Die Finanzierung der neuen Spielstätte für das Junge Staatstheater sei gesichert, im kommenden Jahr sollen die Bauarbeiten beginnen. Im August 2025 hofft Spartenleiter Jörg Wesemüller auf die erste Premiere im neuen Heim.

Große Baustellen sieht Dagmar Schlingmann allerdings bei der Technik des Theaters, etwa beim Orchesterpodium und der Drehbühne im Großen Haus. Darüber sei man jedoch mit dem neuen Kulturminister Falko Mohrs in guten Gesprächen. „Er hat immer ein offenes Ohr für uns.“

Emotionen

Was nun die Emotionen angeht, verweist die Intendantin auf die Puccini-Oper „Tosca“, die im Sommer auf dem Burgplatz erklingt, ebenso auf Richard Strauss’ „Salome“ sowie die Adaption des Romans „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili im Schauspiel. Es geht um die chaotische, gewalt-satte Umbruchzeit Ende der 80er-Jahre in Georgien.

Schlingmann hob noch besonders hervor die klangmächtige Vertonung mittelalterlicher Lieder „Carmina Burana“ von Carl Orff. In der Braunschweiger Fassung wirken Mitglieder des Tanzensembles sowie Sänger und Sängerinnen mit.

In die gleiche Kerbe stieß Schauspiel-Direktorin Ursula Thinnes. Sie interpretierte das Spielplan-Motto im Sinne eines Romantitels der englischen Schriftstellerin Jane Austen: „Sinn und Sinnlichkeit“.

Haratischwilis Geschichte beginne mit einem Fest, einer Vernissage. Gefeiert werde auch in Tania Blixens Stück „Babettes Fest“, in dem es unter anderem ums Kochen geht – als Metapher für die Kunst. Im Roadmovie „Garland“ von Svenja Viola Bungarten geht es um die Erderwärmung. In Lothar Kittsteins „Mädchenmörder Brunke“ über einen Braunschweiger Serientäter hält die virtuelle Wirklichkeit Einzug. Die experimentelle Spielstätte „Aquarium“ werde zu einem Atelier umgebaut, einem Kunstraum. Er wird eröffnet mit „Party in a Nutshell“ von Fynn Malte Schmidt über Kunst und Rausch.

Kompliziertes Sudoku

Operndirektorin Isabel Ostermann ließ sich ein wenig in die Werkstatt schauen. Die Herstellung eines Spielplans nannte sie ein „kompliziertes Sudoku“. So umfasst denn ihr Programm die Spannweite von Rossinis „Barbier von Sevilla“ zum Auftakt im Großen im Großen Haus bis hin zu der experimentellen Gegenwartsoper „Koma“ von Georg Friedrich Haas. Dort sei es die meiste Zeit über derart finster, „dass die Musiker nicht mal ihre Instrumente sehen können“. Ebenso experimentell dürfte die Uraufführung von „Searching for Zenobia“ der Braunschweiger Spohrpreisträgerin Lucia Ronchetti werden.

Viele Sprachen

Tanzdirektor Gregor Zöllig hob die Diversität seines Ensembles hervor: „Wir haben 16 Tanzende, sie sprechen 10 Sprachen, wenn man den Tanz dazu zählt, 11.“ Auch für ihn sind Orffs Lieder eine Herzensangelegenheit: „Sie schreien geradezu nach Tanz!“ In Braunschweig werde die Aufführung zu einem Spektakel mit Tanz, Gesang, Staatsorchester, Chor und Kinderchor.

Ebenso wichtig ist ihm das Gemeinschaftsprojekt „Vier Jahreszeiten“ mit Vivaldis Musik, gemeinsam mit dem Jungen Theater und dem Staatsorchester. Zöllig stolz: „Professioneller Tanz für Kinder und Jugendliche mit viel Liebe und Leidenschaft!“ Die Produktion „Körperfestung/ Herzog Blaubarts Burg“ nach Béla Bartók ist eine Gemeinschaftsarbeit von Musik- und Tanztheater. Charmant soll es zugehen in Hector Berlioz’ komischer Oper „Béatrice und Benedict“.

Im Jungen Theater gibt es neuerdings eine Doppelspitze. Aufgrund der Beanspruchung durch zwei Kinder hat sich Leiter Jörg Wesemüller die Theaterpädagogin Iris Kleinschmidt quasi als zweite Spitze geholt. Als Weihnachtsstück unter eigener Regie kündigte er die Verwechslungskomödie „Das doppelte Lottchen“ von Erich Kästner an. Besonders hob er die Uraufführung von „DieVertretungsstunde“ von Emel Aydogdu hervor. Darin geht es um die verschiedenen Muttersprachen in einem heutigen Klassenzimmer. „Supergute Tage“ nach dem Roman von Mark Haddon stellt einen jungen Autisten vor, welcher den Mord an einem Hund aufklärt. In einer Stückentwicklung gehen die Theatermacher der Frage nach, wieso es für einen jungen Menschen reizvoll sein kann, sich dem Musiktheater zu widmen: „Fühlst du mein Herz schlagen?“.

Alle spielen mit

Orchesterdirektorin Julia Schoch kündigte als Neuerung nach dem Vorbild von Zölligs Mitmach-Programm „Tanzwärts“ für den Juni 2024 ein Konzert an, bei dem alle mitmachen können, die Lust haben und über ein Instrument verfügen. Immerhin unter der Leitung des Generalmusikdirektors Srba Dinic: „Symphonic Mob“.

Es werde inmitten der Stadt stattfinden, sagte Schoch, auf dem Herzogin-Amalia-Platz zwischen Kleinem Haus und Schloss, parallel zum Festival Theaterformen. Auch zwei Klimakonzerte soll es wieder geben. Insgesamt habe das Haus auf dem Weg zur Klimaneutraliät deutliche Fortschritte gemacht, ergänzte die Intendantin.

Und wenn zur Saison-Eröffnung am 17./18. September gleich Beethovens 9. Sinfonie mit der renommierten Dirigentin Ruth Reinhardt erklingt, dann wird das auch nicht ganz ohne fühlbaren Herzschlag abgehen. Dinic wiederum freut sich besonders auf ein Sinfoniekonzert mit der 8. Sinfonie des russischen Komponisten Alexander Glasunow: „Sehr anspruchsvoll, auch für das Orchester. Ich bin gespannt auf Ihre Reaktion“.

Orchester halbiert

Außerdem stehen in den Konzerten unter anderen Brahms, Schumann, Kurt Weill und Modest Mussorgski, Tschaikowski, Berio, Ravel auf dem Programm. Für den langjährigen Soloflötisten Günther Westenberger soll es ein Abschiedskonzert mit Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester KV 299 geben. Als „Artist in Residence“ gibt der Solohornist der Berliner Philharmoniker Stefan Dohr drei Konzerte mit dem Staatsorchester.

Noch eine Kuriosität: Für die Komposition „Fanfare for uncommon orchestra“ von Aaron Copland, Leonard Bernstein und anderen wird das Orchester quasi halbiert: Es wird nur mit Blech, Holz und Schlagwerk gespielt, also ohne Streicher. Leitung: Stefan Dohr.

Der Vorverkauf beginnt am Sonnabend, 10. Juni. Weitere Informationen unter www.staatstheater-braunschweig.de