Braunschweig. 46 Tanzamateure von 8 bis 77 stellten beim Tanzwärts-Projekt des Staatstheaters ihr eigenes Stück über Rituale des Zusammenlebens vor.

1000 Tanzamateure haben über die Jahre bei den 15 Tanzwärts-Projekten des Braunschweiger Staatstheaters mitgemacht, eine stattliche Zahl, die Projektleiterin Brigitte Uray und Tanzdirektor Gregor Zöllig auch auf ihre und der Compagnie Begeisterungsfähigkeit zurückführen dürfen. Auch beim neuesten Stück, „Elementar“ waren unter den 46 Teilnehmenden wieder alle Altersstufen vertreten - von 8 bis 77, wurde auf die individuellen Bewegungsmöglichkeiten Rücksicht genommen und doch daraus eine rege Gemeinschaft geformt. Zöllig zog in seiner munteren Begrüßung denn auch deutlich die Parallele zum Anliegen seiner Kunst: ein movierendes und daher motivierendes Nachdenken darüber, wie Menschen zusammenleben wollen.

Die tanzende Gesellschaft auf der Bühne war zu 90 Prozent weiblich, und vielleicht wäre es ja gut, wenn nach so vielen männerdominierten Jahrhunderten auch die Wirklichkeit mehr von Frauen geprägt würde. Vielleicht war auch deshalb das Konfliktuelle des Lebens weniger präsent in diesem Stück, das mit Gianni Cuccaro und Joshua Haines zwei ehemalige Tänzer aus Zölligs Compagnie entwickelt haben - der eine ein eingroßartiger Peer Gynt, der andere zuletzt ein raffiniert manipulativer Nibelungen-Mime.

Szene aus „Tanzwärts: Elementar“ im Staatstheater Braunschweig.
Szene aus „Tanzwärts: Elementar“ im Staatstheater Braunschweig. © Staatstheater Braunschweig | Ursula Kaufmann

Sich hocharbeiten auf dem Schicksalsrad

„Elementar“ beginnt über der als schlafendes Häuflein auf dem Boden gekauerten Gruppe, als wäre sie gerade am unteren Ende des Schicksalsrads angelangt, das Carl Orff in seinen „Carmina Burana“ zum Ausgangspunkt nimmt. Auf Themen dieser gefeierten Tanztheaterproduktion sollte sich das Tanzwärts-Projekt beziehen. Dabei wurden allerdings die dort omnipräsenten Aspekte von Liebe und Erotik ausgeklammert. Cuccaro und Haines haben sich offenbar mehr auf den Gedanken des Schicksals- oder Lebensrades geworfen, zeigen die Arbeit am Sich und der Gemeinschaft.

Das hieß also aufstehen, sich formieren und wieder hocharbeiten, wie Adam und Eva am Beginn der Zeit. Im Schweiße ihres Angesichts. Da scheinen wirklich welche den Spaten in den Boden zu stoßen, wiederholen sich Bewegungen des Sammelns und Wiegens der verschränkten Arme. Doch später öffnen sie sich, laufen die Gruppen mit offenen Armen aufeinanderzu. Allerdings findet nicht jedes Armpaar gleich ein Gegenüber, braucht es mehrere Anläufe. Braucht es den Sitzkreis, gibt es nach wie vor ein großes Durcheinanderlaufen eine an der anderen vorbei. Aber immer wieder auch flüchtiges Händereichen, vielleicht ein Anfang zur gemeinschaftlichen Verständigung. Die Choreographie betont, wie Rituale wichtig sein können, solches Handeln einzuüben.

46 Tanzamateure, darunter fünf Jungs in einer starken Szene, erarbeiteten ein eigenes Tanzstück bei „Tanzwärts. Elementar“ im Staatstheater Braunschweig.
46 Tanzamateure, darunter fünf Jungs in einer starken Szene, erarbeiteten ein eigenes Tanzstück bei „Tanzwärts. Elementar“ im Staatstheater Braunschweig. © Staatstheater Braunschweig | Ursula Kaufmann

Mit Ritualen die Gemeinschaft üben

Jedenfalls war es schön zu sehen, wie die jüngsten Mädchen mit ballettgeschulter Geschmeidigkeit ihre Körper bogen, wie Reifere in gymnastischem Selbstbewusstsein ihre Schritte setzten, jeder hatte seinen Platz im Leben gefunden. Und sehr achtsam wurde auch die Älteste ins Spiel integriert, die mit herzlicher Würde ihre Blumen streute, wie es eben nur die Alten im Rückblick auf das neu sprießende Leben können. Auch die fünf Jungs hatten eine eigene starke Szene, in der einer aus dem Liegen und Krümmen den Aufschwung schafft, sich die Männer gegenseitig auf den Rücken oder in den Schoß springen, Halt finden und zuletzt den Einzelnen in den gemeinsam gespannten Armen auffangen. Kraft, die hilfreich ist.

Dazwischen die Übungen des Rituellen, mal als stehender Chorus mit erhobenen Händen, mal kniend, mal mit Stöckern fordernd aufstampfend. Nicht alle Gruppen und Riten haben für alle Gutes im Sinn. Die Tanzwärts-Crew ja. Starker Applaus und Gejohle für die immer wieder erstaunliche Leistung, Amateure in vier Wochen zu solch passgenauer Gemeinschaft zu machen und eine solche zu werden.

Vorstellungen: 1., 2. und 3. Dezember. Karten: (0531) 1234567.