Hildesheim. Im Theater Hildesheim erzählt die Regisseurin „La Bohème“ aus Sicht der sterbenden Mimì. Modern und doch romantisch.

Studentenbude mit Bollerofen, Weihnachtsmarktgetümmel im Café „Momus“, wohin die arme, aber fidele Künstlerschar Heiligabend feiern geht – so sieht Puccinis Erfolgs-Oper „La Bohème“ eigentlich landauf, landab aus, auch jüngst die Wiederaufnahme am Staatstheater Braunschweig setzte auf diese quasi-romantischen Versatzstücke einer am Ende immer wieder tränenrührenden Geschichte: Des Dichters Rodolfo neue Geliebte Mimì erlebt einen letzten Lebensrausch vor dem Tuberkulose-Tod im letzten Akt.

Wie man diese Geschichte ebenso rührend, ebenso lebensfroh und sogar heiter, aber in zeitloser Modernität erzählen kann, zeigt jetzt die junge Regisseurin Juana Inés Cano Restrepo am Theater für Niedersachsen in Hildesheim. Sie erzählt die Handlung ganz und gar aus der Sicht einer Todgeweihten.

Sonja Isabel Reuter (Mimì) und Yohan Kim (Rodolfo) in „La Bohème“ am Theater Hildesheim.
Sonja Isabel Reuter (Mimì) und Yohan Kim (Rodolfo) in „La Bohème“ am Theater Hildesheim. © TfN Hildesheim | Jochen Quast

In einem großen leeren weißen Raum, der an Vorsäle zu Krankenhäusern erinnert, erwartet Mimì offenbar die Ergebnisse einer Untersuchung. Ein Gott in Weiß (Julian Rohde) bringt ihr den Befund. Ein paar Rosenblätter rieseln heraus, und nun erlebt sie noch einmal ihre romantische Liebesbeziehung mit Rodolfo, das Feiern mit den Freunden, die Streitereien und etwas Einsamkeit, ganz so, wie ein Menschenleben nunmal ist. Vielleicht träumt sie auch nur, wie es hätte sein können, wenn ihr mehr Zeit zum Leben geblieben wäre.

Kunstler-Schar im Existentialisten-Schwarz

Christoph Gehres karger Raum, der sich langsam mit den Figuren und Möbeln zwischen Wohnung und Krankenzimmer füllt, hat wie die stilisierten Kostüme von Lena Weikhard eine surreale Ausstrahlung. Der Mann im weißen Mantel erinnert an einen Arzt, aber trägt eben keinen Kittel, könnte auch der kafkaeske Türhüter zum Jenseits sein, der ihr die Lebensrechnung präsentiert – so wie der Hausherr Benoît und der Händler Parpignol im Stück Rechnungen vorlegen, auch diese Rollen übernimmt derselbe Mann in Weiß.

Die Künstlerschar aber trägt Existentialisten-Schwarz, auch Chor und Kinderchor, die das Café „Momus“ bevölkern. Hier sieht das aus wie eine Krankenhaus-Weihnacht, mit Tannenbaum, Geschenken und einer Patientin im Rollstuhl. Vielleicht sind ja auch sie alle krank oder todgeweiht. Aber sie wissen, wie man feiert. Wenn Musetta ihren koketten Walzer anstimmt, fühlt sich Marcello irgendwann animiert, zu ihr ins Bett zu steigen, auch die anderen kuscheln im freien Geschlechtermix. Jessica Niles mit süffigen Koloraturen und Mikael Horned mit sattem Bariton spielen das geradezu lustig aus.

Surreales Spiel mit den Lampen

Der surreale Hauch kommt vor allem auch durch die Lampen ins sonst so lebendige Spiel. Da senkt sich die Leuchte zum ersten intimen Dialog Mimìs mit Rodolfo wie der Liebes-Mond zu ihnen herab. Im Café strahlt gleich ein ganzer Lampenhimmel herein. Und am Ende erlischt das Licht mit Mimìs Tod, den die Umstehenden ja zunächst nicht bemerken. Mimì aber erhebt sich aus ihrem Bett, folgt dem Lichtschein durch die weißen Vorhänge, ein Licht, wie sie es in ihrer ersten Arie von der Frühlingssonne in ihrer Kammer beschwor. Und so geht sie auch diesmal nur äußerlich in den Tod, in Wirklichkeit aber in ein anderes Leben.

Das ist so poetisch-schön und rührend umgesetzt, dass wohl keiner den Bollerofen vermisst. Das Publikum im fast ausverkauften Hildesheimer Stadttheater jedenfalls reagiert begeistert.

Florian Ziemen am Pult lässt Puccinis schwelgerische Musik in der sehr direkten Akustik des Hauses auch entsprechend klar erklingen, die Streicher können sich da auch schon mal schmerzlich statt weich anhören. Sonja Isabel Reuter ist als Mimì eine sehr heutig wirkende Spielerin, authentisch in ihrem Erleben und mit dramatisch-bewegter Stimme. Yohan Kim als Rodolfo hat einen etwas einfarbig, aber durchgängig strahlenden Tenor. So entsteht eine durchweg mitreißende Produktion in ungewöhnlichem Ambiente.

6., 8., 12., 17., 23. Dezember, 4. Februar, 4. März, 25. April.
Karten: (05121) 16931693.