Braunschweig. In der Burg Dankwarderode konzertiert ein Ensemble um Josef Ziga auf Instrumenten berühmter Geigenbauer. Was macht sie so wertvoll?

Es sind die Gesten eines Liebhabers. Zärtlich streicht Josef Ziga über den fein gemaserten Korpus einer Violine des florentinischen Geigenbauers Bartolomeo Bimbi. Das Instrument ist mehr als 260 Jahre alt und von eminentem Wert. Bimbi zählt zu den italienischen Meistern, die im 18. Jahrhundert Violinen schufen, die heute so hoch gehandelt werden, dass sie selbst für Profimusiker wie Ziga praktisch unerreichbar sind - zumindest als persönlicher Besitz. Weil der stellvertretende Konzertmeister des Braunschweiger Staatsorchesters aber gute Kontakte zu führenden Händlern und Geigenbauern wie Eduard Schwen (Hamburg) und Pierre Guillaume (Brüssel) geknüpft hat, werden ihm immer mal wieder solche klangvollen Hochkaräter zur Verfügung gestellt.

Dank seiner Verbindungen kann der 52-jährige Musiker am Freitag, 24. November, ein herausragend hochwertiges Konzert geben - jedenfalls was den materiellen und ideellen Wert der Instrumente betrifft, die dabei zum Einsatz kommen. Mit einem zwölfköpfigen Ensemble wird Ziga im Rittersaal der Burg Dankwarderode Violinkonzerte und Kammermusik von Tartini, Vivaldi und Paganini aufführen. Unter der Leitung von Ana Spasovska spielen alle Musiker auf Instrumenten von Großmeistern wie Bimbi, Guadagnini, Tononi und Gagliano. Motto: „Stradivari e colleghi“. Zur Verfügung gestellt werden die historischen Geigen, Bratschen, Celli und ein Kontrabass von Händlern, Sammlern und Experten aus halb Europa.

Leider ist das Konzert bereits ausverkauft. Aber Ziga stellt eine Neuauflage in Aussicht, die für den 13. April 2024 in der Goslarer Kaiserpfalz geplant sei.

Wie Cremona zum bedeutendsten Zentrum des Geigenbaus wurde

Sein namhaftester Leihgeber für diese Abende ist Florian Leonhard. Der 60-jährige Geigenbauer, Restaurator und Händler mit Niederlassungen u.a. in London, New York und Hongkong („Fine Violins“) genießt den Ruf eines führenden Experten für historische Geigen. Ziga lernte Leonhard vor einigen Jahren beim renommierten Violinwettbewerb im baden-württembergischen Kloster Schöntal kennen. Seitdem habe Leonhard ihm schon mehrfach historische Violinen für Solokonzerte zur Verfügung gestellt, erzählt Ziga, etwa für seine Gastspiele in Regensburg und Bremerhaven mit den „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi und Piazzolla.

„Die wertvollsten Instrumente überhaupt stammen von den großen italienischen Geigenbauer-Dynastien“, sagt Ziga. Als Wiege und frühes Blütezentrum gilt die Lombardei. Battista Doneda (1529-1619) aus Brescia war erste Instrumentenbauer, der sich auf Violinen spezialisierte. Im benachbarten Cremona ansässige Familien wie Amati, Stradivari und Guarneri ließen die Kleinstadt dann im 17. Jahrhundert zum bedeutendsten Zentrum für Geigenbau weltweit aufsteigen. Auch Venedig, Mailand und Turin brachten große Geigenbauer hervor. Vom Turiner Meister Giovanni Battista Guadagnini etwa stammt eines der Instrumente, das im Braunschweiger Rittersaal zu hören sein wird. Den genauen Wert will er nicht beziffern. Er dürfte die Millionengrenze überschreiten.

Wunderbar geschwungen: die Schnecke einer Geige des berühmten Turiner Baumeisters Guadagnini von 1758. 
Wunderbar geschwungen: die Schnecke einer Geige des berühmten Turiner Baumeisters Guadagnini von 1758.  © FMN | Florian Arnold

Das Klang-Geheimnis historischer Violinen

Behutsam, aber keineswegs übervorsichtig hebt der Musiker das gut 260 Jahre alte Instrument aus dem gefütterten Kasten. „Das sind keine Museumsstücke, die sind zum Spielen gedacht. Es ist nicht so, dass ich dabei die ganze Zeit zittere. Im Gegenteil, sie haben eine besondere Magie, die auch beflügelt.“ Und natürlich seien die Instrumente gut versichert.

Die Guadagnini aus dem Jahr 1758 ist flacher, der Korpus mit den fein geschwungenen F-Löchern etwas länger als der der oben erwähnten etwa gleichaltrigen Geige Bartolomeo Bimbis. „Flacher gebaute Geigen erlauben eine kräftigere Bogenführung als solche mit hoher Wölbung“, sagt Ziga. Ein Faszinosum herausragender Instrumente sei, dass der Ton draußen im Saal lauter klinge als direkt am Ohr des Solisten. Das Klang-Geheimnis historischer Violinen könne er aber nicht erklären, sagt Ziga: „Ist es die Qualität des Ahorn- und Fichtenholzes, der Lackierung, der handwerklichen Arbeit? Wahrscheinlich eine Mischung aus allem.“ Ob historische Instrumente generell besser klingen als moderne, sei unter Musikern übrigens umstritten.

Auch im Staatsorchester erklingen wertvolle historische Instrumente

Im Staatsorchester spielt Ziga aktuell übrigens eine Violine des venezianischen Meisters Eugenio Degani aus dem Jahr 1894. Zuvor hatte er viele Jahre leihweise eine Geige des berühmten Cremonaer Meisters Nicola Amati aus dem Fundus des Staatsorchesters gestrichen. „Das Staatsorchester geht ja auf die 1587 gegründete herzogliche Hofkapelle zurück. Aus herzoglichen Zeiten besitzt es noch etwa ein Dutzend historische Instrumente, die die Musiker langfristig leihen können“, erläutert Ziga. Auch in den Sinfoniekonzerten sind also Violinen aus der Blütezeit des historischen italienischen Geigenbaus zu hören.