Hamburg. John Neumeiers aus Liebeshunger, Rührung und Humor gewobenes Ballett „Anna Karenina“ mit dem Hamburg-Ballett ist auf DVD erschienen.

Mit „Anna Karenina“ hat John Neumeier 2017 eines seiner schönsten Ballette geschaffen. Die DVD-Produktion des Labels C-Major von 2022 fängt den Geist von großer verliebter Unbeschwertheit, Humor und Tragik in bestechend klaren Bildern und mit dem prima auf Typ besetzten Hamburger Ensemble kongenial ein. Wie Neumeier sein tänzerisches Erzähltalent, seine choreographische Psychologie und seine dramaturgische Stringenz in fließend sich ablösenden Szenen vereint, beweist die lebensweise-heitere Reife des jung gebliebenen Altmeisters.

Neumeier verlegt die Handlung von Leo Tolstois Literaturklassiker aus dem zaristischen Russland in eher heutige Verhältnisse. Karenin ist ein politischer Karrierist, der mit Gattin, Sohn und Teddybär Wahlkampf macht. Effektvoll schneidet Neumeier das Getöse der Fans kurz mit der Ruhe und Leere, sobald Anna Karenina durch die Tür in ihr Privatreich tritt. Hier weiß Karenin nichts mit ihrer Anlehnungsbedürftigkeit anzufangen. Ivan Urban muss genauso steif in seinen Gesten bleiben wie bei seinen energisch zackigen Wahlkampfauftritten.

Spannend getanzte Erotik

Klar, dass Anna offen ist für die charmante Virilität Wronskys, bei Neumeier ein Lacrosse-Spieler, der mit seinen Jungs an Ringen und Pferd turnt. Poetisch ihr tieferes Kennenlernen auf Wronskys Verlobung mit Kitty. Diese Choreographie der Türen, dieses Auf- und Abtauchen hinter den Wänden, pointiert durchsetzt mit den unerwarteten Auftritten auch Kittys und des in sie verliebten Landjunkers Levin, mischt Boulevardkomik mit Tschechowscher Menschenkenntnis.

Noch ist alles Spiel, Koketterie, Reiz, wenn sie ihm das angebotene Feuer ausbläst oder er ihr den Weg vertritt. Aber wenn er seine Arme über ihr an die Wand stemmt, sie so am Entschlüpfen hindert, entstehen Momente erotischer Nähe. Schon bald folgt zu Tschaikowsky-Musik der spannende Pas de deux ihrer Vereinigung, in dem Edvin Revazov mit kraftvollen Bewegungen zu ihr dringt. Wie er sich unter ihre blind ausgestreckte Hand schmiegt, an ihrem Körper hochfährt und sie an ihren ausgebreiteten Armen aufhebt, bis sie willenlos an ihm heruntergleitet, das ist von faszinierender erotischer Attraktion.

Ländliches Glück auf dem Heuwagen

Wie Anna Laudere auf seiner Hüfte die Beine ekstatisch von sich streckt, sie, die vorher so überlegen Elegante zu seinem Werkzeug wird, ist elektrisierend anzusehen. Laudere zeichnet ein bewegendes Porträt von Liebeshunger, später auch Enttäuschung und entgleitender Contenance. Zunächst aber erfüllt sich ihre Beziehung mit Wronsky. Als er beim Lacrosse verletzt wird, stürzt Anna zu ihm und verrät sich.

Die Haupthandlung wird immer wieder von starken Szenen der anderen Figuren unterbrochen. Herrlich etwa Alexei Martínez als Landjunker Lewin, der hier als Cowboy auf dem Heuwagen auftritt, barfuß zu Cat Stevens eine ziemlich freistilige Nummer tanzt, ein Mann einig mit sich und der Natur.

Fremdgehender Athlet

In der Gesellschaft verfängt er sich vor Aufregung in Slapstick, aber als die von Wronsky verlassene Kitty im Sanatorium landet, weiß er sie zu trösten. Emilie Mazón tanzt die geistesabwesende Frau mit geknickten Gliedern, taumelnd, stürzend, rollend, mit einem Pappkarton kämpfend, zitternd, dann wieder in puppenhafter Starre. Ein packendes Porträt. Und ebenso, wie Martínez sich um sie bemüht, sie in Zeitlupe wieder zu bewegen beginnt, indem er sie hebt, ihre Füße mit seinen Händen setzt, bis sie ihn wieder ansieht und ihr Gesicht in seine Hände legt.

Derweil treibt es Annas Bruder Stiva mit der Haushälterin oder Balletttänzerinnen. Florian Pohl steht da in seiner ganzen athletischen Größe am Ende hilflos bloßgestellt der auf Spitze flatternden Dolly von Patricia Friza gegenüber. Aber als sie schon die Koffer gepackt hat, kommen die Kinder im Pyjama, bereiten ihr darauf das Frühstück und rühren sie so zum Bleiben. Eine herzzerreißende Szene.

Der verlassene Sohn

Dagegen sinkt Anna, nachdem sie in einer etwas drastisch expressiven Szene Wronskys Kind geboren hat, in einem verwickelten Pas de trois mit Karenin und Wronsky an den ausgestreckten Händen ihres Sohnes vorbei. Sie wird fortan mit Wronsky leben. Aber nicht zu ihrem Glück.

Es gibt ein Wiedersehen mit Sohn Serjoscha, der kindlich-traurig über ihren Ansichtskarten träumt. Rührend, wie sie sich auf Spitze nähert, erst verzögert sein Haar zu berühren wagt und an ihm herabstreicht. Marià Huguet tanzt den Jungen mit naivem Charme und Liebebedürftigkeit. Doch Karenin trennt sie, eine Rückkehr ist nicht mehr möglich.

Auf dem Ball nach der Oper trifft Anna Karenin und Wronsky mit jeweils neuen Frauen. Und das wirkt umso heftiger, als Neumeier dazwischen das ländliche Glück von Lewin und Kitty schaltet: „Morning has broken“ mit Sensenarbeitern als Silhouetten und Kitty mit Baby, die den Trecker fährt. Da geht einem auch mal das Herz nur vor Freude auf.

Albtraum unter Blitzlichtgewitter

In der Stadt dagegen nur Falschheit. Zu Schnittkes Musik verzerren sich die Bewegungen der Ballgesellschaft, als entlarvte sie Annas Blick. Sie selbst versucht sich hinter den am Kopf verkanteten Armen zu schützen. Als ihr Wronsky wieder Feuer geben will, wird daraus ein surrealer Albtraum aus Elementen der früheren Szenen, bis alle Türen zuschlagen. Noch einmal der Kennenlern-Pas-de-deux an der Wand, dann schreitet sie durch die fahrenden Kulissen unter dem Blitzlicht der Paparazzi, kann sich nicht mehr wahren, stürzt, während die kleine Eisenbahn des Sohnes entgleist, in die Bühnenversenkung.

Neumeier ist auch ein wunderbarer Regisseur. Im Schlussbild kniet Wronsky am Grab, Lewin, der Junge vom Lande, trampelt expressiv seine Verzweiflung raus, schenkt aber auch, als großer Empathiker des Stücks, sein Wollhemd dem weinenden Sohn, der am erstarrten Politiker-Vater vorbei offenbar auch in eine ländliche Zukunft geht. Ein Bild, das viele neue Geschichten erzählt. Auf dieser Doppel-DVD kann man bei jedem Ansehen mehr entdecken. Gut, dass es sie gibt.

John Neumeier: „Anna Karenina“, getanzt vom Hamburg-Ballett. Doppel-DVD bei C-Major.