Braunschweig. Der Braunschweiger Konzern stellt sich breiter auf, um Wachstum zu gewährleisten, erläutert Vorstandschef Lars Gorissen im Interview.

Nordzucker ist der zweitgrößte deutsche Zuckerhersteller. Nun wagt sich der Konzern mit Sitz in Braunschweig in ein ganz neues Geschäftsfeld vor: den Anbau von Erbsenproteinen für den vegan-vegetarischen Lebensmittelmarkt. Im Interview erklärt Vorstandsvorsitzender Lars Gorissen, wie Nordzucker Landwirte für den Anbau gewinnen will und wie das energieintensive Unternehmen klimaneutral werden soll.

Herr Gorissen, wie läuft die aktuelle Rübenkampagne?

Sie wird eine der längstenKampagnen. Das Werk in Clauen im Kreis Peine beispielsweise wird voraussichtlich mehr als 150 Tage, bis Anfang Februar, laufen. Normal sind zwischen 110 und 125 Tage. Es ist einfach sehr feucht. 80 Prozent der Rüben sind zwar schon geerntet. Insgesamt ist die Ernte sehr aufwendig, weil es sehr matschig ist auf den Feldern und man teilweise mit den Rodemaschinen nicht darauf kommt. Die Rüben kommen mit viel Erde in die Werke, das erschwert den Verarbeitungsprozess. Außerdem haben wir hohe Rübenerträge, die auch zu einer langen Kampagne führen. Insgesamt erwarten wir eine durchschnittliche Ernte, denn die viele Feuchtigkeit führt auch dazu, dass der Zuckergehalt nicht so hoch ist.

Wie wird sich der Klimawandel weiter auf Anbau und Ernte auswirken?

Die Wetterauswirkungen sind viel stärker geworden. Im letzten Jahr war es extrem trocken, dadurch hatten wir hohe Ertragseinbußen. Dieses Jahr war es während der Aussaat feucht und kalt, dann folgten zwei trockene und heiße Monate, Mai und Juni. Danach war es wieder sehr feucht. Unser Geschäft wird durch den Klimawandel noch unberechenbarer, die Ertragsschwankungen sind größer geworden. Wir erwarten, dass sich künftig extreme Wetterlagen länger halten und entsprechend auswirken.

Lars Gorissen ist seit 2018 Vorstandschef von Nordzucker in Braunschweig. Er hofft auf wenige bürokratische Hürden bei einer als CO2-neutral klassifizierten Nutzung von Rübenreststoffen für die Biogaserzeugung. 
Lars Gorissen ist seit 2018 Vorstandschef von Nordzucker in Braunschweig. Er hofft auf wenige bürokratische Hürden bei einer als CO2-neutral klassifizierten Nutzung von Rübenreststoffen für die Biogaserzeugung.  © FMN | Bernward Comes

Rechnen Sie auch mit ganzen Ernteausfällen?

Das nicht. Wir glauben, dass wir den Prozess so weit beherrschen können, dass es nicht um komplette Ernteausfälle geht. Vereinzelt kann natürlich immer mal ein Feld beispielsweise unter Wasser stehen. Das gab es aber auch schon in der Vergangenheit.

Wie reagieren Sie auf die zunehmenden Wetterextreme?

Wir sind intensiv im Gespräch mit den Zuckerrübenzüchtern. Denn wir brauchen Sorten, die diesen Extremen trotzen können. Früher ging es vor allem darum, dass die Erträge von Rüben maximiert werden, jetzt geht es auch um Wetterbeständigkeit. So ein Zuchtzyklus dauert allerdings schon einmal 10 bis 15 Jahre. Während der Ernte ist außerdem die Mietenpflege, also der Schutz der am Feldrand gelagerten Zuckerrüben, ganz zentral. Dieses Jahr haben wir beispielsweise sehr viel Abdeckmaterial nachbestellt, damit die am Feldrand lagernden Rüben vor Feuchtigkeit und Frost geschützt werden. Wir versuchen also, uns gemeinsam mit unseren Landwirten an vielen Stellen auf Wetterextreme einzustellen.

Nordzucker verarbeitet auch Öko-Rüben. Soll der Anbau ausgeweitet werden?

Die Landwirte und wir sind dazu auf jeden Fall bereit. Aber das ist eine Frage des Marktes und der Nachfrage. Beides stagniert zurzeit etwas, was sicherlich mit der allgemeinen wirtschaftlichen Situation zu tun hat. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass man politisch natürlich erklären kann, dass man gerne 20 oder 30 Prozent Fläche in Bioqualität hätte. Das bringt aber nur etwas, wenn es auch den Markt gibt, der eine entsprechende Nachfrage generiert. Aktuell machen Öko-Rüben etwa ein Prozent der Menge bei uns aus.

Fahren Sie die Anbaufläche herunter?

Dieses Jahr ist die Fläche noch stabil. Aber tatsächlich kann es sein, dass wir aufgrund der derzeit geringeren Nachfrage nach Bio-Zucker zukünftig den Anbau vorübergehend etwas reduzieren müssen.

Wie groß ist Ihr Geschäft mit Tierfutter?

Das ist ein wichtiger Bereich für uns. Die Rübe wird komplett verwertet. Nachdem ihr Zucker extrahiert wurde, werden ihre Reststoffe als Nass- oder Trockenschnitzel oder als Melasse ins Tierfutter gegeben. Das trägt aktuell rund 10 Prozent zum Umsatz bei.

Die hohen Zuckerpreise am Markt haben Nordzucker zuletzt einen ordentlichen Gewinn eingebracht. Wie wird sich der Preis sich in Zukunft entwickeln?

Der Zuckermarkt ist in der EU und weltweit sehr volatil, das wird auch in Zukunft so bleiben. Der Preis-Peak in der EU liegt im aktuellen Zyklus nun schon hinter uns. Die Preise normalisieren sich wieder – wobei noch nicht klar ist, was das neue „Normal“ ist.

Merken Sie angesichts der Inflation eine Kaufzurückhaltung bei den Endverbrauchern und der Lebensmittelindustrie?

Ja. Wir haben dieses Jahr etwas weniger Zucker verkauft, als wir erwartet hatten. Dennoch werden wir wieder ein sehr gutes Ergebnis erzielen.

Bald wollen Sie auch in einen ganz neuen Geschäftsbereich gehen: den Anbau und Vertrieb von Pflanzenproteinen. Was steckt strategisch dahinter?

Eines unserer strategischen Ziele ist Wachstum, auch durch Diversifizierung. Aktuell geht der Trend zu mehr pflanzenbasierter Ernährung, und der Markt wächst schnell. Deshalb steigen wir in die Produktion pflanzenbasierter Proteine ein, konkret auf Basis von Erbsen. Das passt gut zu unseren Kernkompetenzen. Damit setzen wir unsere Wachstumsstrategie konsequent fort und diversifizieren unser Geschäft. Ähnlich wie die Rübe lässt sich die Erbse hier in der Region über einen strukturierten Vertragsanbau anbauen und an einem regionalen Standort, im niedersächsischen Groß Munzel, verarbeiten. Außerdem produzieren wir damit wie beim Zucker eine Zutat, die wir an die Lebensmittelhersteller verkaufen können. Anders ist lediglich die Prozessierung der Erbsen.

Inwiefern?

Rüben werden gereinigt, zerschnitten, der Zucker extrahiert und dann kristallisiert. Erbsen werden geschält, gemahlen, und dann werden aus dem Pulver die entsprechenden Produkte für die Weiterverarbeitung in der Lebens- und Futtermittel-Industrie hergestellt.

Sind sie im Vergleich zum Wettbewerb beim Markteinstieg vor der Welle oder schon obenauf?

Die Welle ist sicher schon in Gang gekommen, aber weit von ihrem Höhepunkt entfernt. Wir sind nicht die ersten, die einsteigen. Wir sind aber überzeugt, dass es noch ein früher Zeitpunkt ist. So, dass wir gut gestalten und uns positionieren können. Das Produkt wird regional und nachhaltig sein – das ist eine Lücke, die so noch nicht besetzt ist. Erst recht nicht, in der Größenordnung, in der wir planen.

Wie haben Sie die Landwirte vom Erbsenanbau überzeugt?

Das haben wir ein Stück weit noch vor uns. Unsere Eigentümer sind Landwirte, und der Aufsichtsrat unterstützt die Investition in die Produktionsanlagen, Vertrieb und Logistik. Der nächste Schritt wird sein, ab Frühjahr 2024 für Anbauverträge in Norddeutschland zu werben. Der vertragliche Erbsenanbau soll dann 2025 starten. Wir bieten den Landwirten langfristige Verträge an, attraktive Erbsenpreise und eine gute Betreuung mit entsprechender Anbauberatung. Und wir werden eng mit der Landwirtschaftskammer zusammenarbeiten sowie Züchtern, Lagerhaltern und anderen entlang der Wertschöpfungskette. Damit bieten wir den Landwirten ein gutes Paket an.

Wird die Erbse die Zuckerrübe verdrängen?

Nein, möglicherweise andere Früchte in der Fruchtfolge, aber nicht die Rübe. Sie ist wirtschaftlich so attraktiv, dass sie weiterhin ihren Stellenwert haben wird.

Wie viele Landwirte liefern Ihnen zu, und wie viele sollen künftig Erbsen anbauen?

In Deutschland liefern uns rund 5000 Landwirte Zuckerrüben zu, in Europa etwa 12.000, in Australien sind es 900 Anbauer von Zuckerrohr. Für die Erbse können wir sagen: Gerne so viel wie möglich. Da die Erbse in vielen Regionen angebaut werden kann und gut in die Fruchtfolge der landwirtschaftlichen Betriebe passt, ergeben sich für viele Landwirte neue Chancen und attraktive Geschäftsmöglichkeiten.

Sie investieren mehr als 100 Millionen Euro in eine Produktionsanlage bei Hannover und wollen 60 Mitarbeitende anstellen. Haben Sie schon Vertragspartner?

Wir sind mit vielen potenziellen Kunden im Gespräch. Mit der Produktion und Lieferung erster Produkte für die Weiterverarbeitung in der Lebensmittel- und Futtermittel-Industrie wollen wir dann 2026 beginnen. Deshalb ist es für feste Vertragsverhältnisse noch zu früh, aber wir haben gute Kontakte und spüren ein sehr hohes Interesse.

Besorgt Sie nicht, dass die allgemeine Nachfragedelle anhalten könnte?

Nein, den Trend zu pflanzenbasierter Ernährung sehen wir ungebrochen. Das ist unabhängig von der wirtschaftlichen Lage, weil sie ja auch nicht unbedingt teurer ist als tierische Ernährung.

Nordzucker will bis 2050 klimaneutral sein. Ganz direkt gefragt: Ist das nicht ein wenig unambitioniert?

In Deutschland werden wir natürlich spätestens 2045 so weit sein. Aber ich gebe Ihnen recht, wir würden alle gerne die Klimaneutralität schneller und früher erreichen. Aber für uns als energieintensives Unternehmen ist das wirklich ein enormer Kraftakt. Allein in den nächsten fünf Jahren werden wir dafür mehr als 300 Millionen Euro aufwenden. Dabei setzen wir den Schwerpunkt zunächst auf die Erhöhung der Energieeffizienz und die Reduzierung des CO2-Ausstoßes.

Jetzt sind Sie noch mit Kohle und Öl unterwegs.

An wenigen Standorten ja. Aber an den meisten Standorten nutzen wir Erdgas. Den Ausstieg aus Kohle und Öl und damit die Umstellung auf das mit weniger CO2-Emissionen verbundene Erdgas bekommen wir an allen Standorten bis 2026 hin. Der nächste Schritt ist dann der Umstieg auf Erneuerbare Energien, und zwar insbesondere auf Biogas aus den bei der Zuckerproduktion anfallenden Rübenschnitzeln. Um ein Werk mit Energie während der Kampagne zu versorgen, brauchen wir etwa 50 bis 60 Prozent der anfallenden Rübenschnitzel.

Biogas ist nun als Erneuerbare Energie klassifiziert.

Rübenschnitzel sind auf EU-Ebene jetzt als CO2-neutrale Reststoffe für die Biogaserzeugung zugelassen. Der noch offene Punkt ist aber die Umsetzung in nationales Recht. Wir müssen nun aufpassen, dass uns wenig Hürden in den Weg gelegt werden. Denn die Biogas-Erzeugung ist aufwendig und teurer als Erdgas. Deswegen sollte der Weg dahin möglichst effizient sein, mit wenigen bürokratischen Hürden. Dann haben wir eine gute Lösung. Wir sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in den ländlichen Regionen, bieten viele tolle und langfristige Arbeitsplätze an. Die wären in Gefahr, wenn auf politischer Ebene die Hürden zu hoch gehängt werden.

Haben Sie den Eindruck, der Bedarf ist in der Politik verstanden worden?

Ich bin mir nicht ganz sicher. Auf europäischer Ebene ja. Aber Deutschland geht manchmal eigene Wege. Wir hoffen, dass wir nicht durch besondere, nationale Ausgestaltung auch im Vergleich mit internationalen Wettbewerbern benachteiligt werden. Das könnte Standorte und Arbeitsplätze infrage stellen.

Will Nordzucker perspektivisch als Energieanbieter auftreten?

Das ist nicht ausgeschlossen. Vorrangig ist für uns aber erstmal die klimaneutrale Energieversorgung unserer eigenen Produktion.

Warum setzt Nordzucker nicht auf Wind und Sonne?

Stand heute steht Wind- und Sonnenenergie, vor allem in den Wintermonaten, in denen wir die Rüben zu Zucker verarbeiten, nicht in für uns ausreichendem Maße zur Verfügung. Außerdem fehlt die Infrastruktur dazu allein beispielsweise die Kabel mit der erforderlichen Kapazität für ausreichend Strom, um den Dampf zu erzeugen, den wir für die Produktion brauchen.

Sie sprachen von einem „enormen Kraftakt“. Wie wollen Sie, um die Investitionen zu stemmen, Kosten senken?

Wir müssen so profitabel sein, dass wir diese Investitionen stemmen können. Dafür läuft ein ständiges Programm, um entlang der Wertschöpfungskette Verbesserungsmöglichkeiten zu identifizieren. Dabei geht es aber ausdrücklich nicht um Personalabbau. Wir brauchen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir an Board haben – und sogar noch mehr. Wir stellen im Augenblick eher ein. Es geht auch um Digitalisierung in den Prozessen.

Finden Sie leicht Fachkräfte?

Wir können nach wie vor alle Stellen besetzen. Aber wir merken natürlich, dass das schwerer geworden ist. Der Pool an Bewerbern und Kandidaten ist kleiner geworden, deswegen dauert eine Besetzung manchmal länger. Wir investieren deswegen auch in unsere eigene Arbeitgeberattraktivität. Wir haben zum Beispiel in der Verwaltung ein sehr flexibles Arbeitsmodell und wollen das Gebäude attraktiver gestalten. In den Werken investieren wir auch sehr viel und wir bilden aus. Wir kümmern uns um das Thema.