Braunschweig. Christiane Benner erläutert, warum VW die Krise meistert. Zur Stahl-Tarifrunde sagte sie: Wir könnten sehr schlechte Laune bekommen.

Im Oktober wurde Christiane Benner (55) als erste Frau an die Spitze der IG Metall gewählt. In Braunschweig trafen wir die Gewerkschafterin am Rande einer Veranstaltung der Gewerkschaft zum Interview.

Frau Benner, was ist der Grund ihres Besuches in Braunschweig?

Die Delegiertenversammlung: Das ist die Versammlung der Ehrenamtlichen aus den Betrieben. Dabei handelt es sich um das höchste demokratische Gremium, das wir bei uns in den Geschäftsstellen der IG Metall haben. Mir ist wichtig, vor Ort zu erfahren, was die aktuellen Herausforderungen sind und wie die IG Metall damit umgeht.

Um welche thematischen Schwerpunkte ging es?

Christiane Benner wurde im Oktober zur Chefin der IG Metall gewählt. Nun besuchte sie die Geschäftsstelle Braunschweig.
Christiane Benner wurde im Oktober zur Chefin der IG Metall gewählt. Nun besuchte sie die Geschäftsstelle Braunschweig. © dpa | Henning Kaiser

Zum Beispiel die sehr gute Mitgliederentwicklung. Zu dieser trägt die Geschäftsstelle Braunschweig mit bei. Auch dank unserer innovativen Studierenden-Projekte. Die Keimzelle dieser Projekte kommt aus Braunschweig. Unter unseren 2,1 Millionen Mitglieder bundesweit sind mehr als 50.000 Studierende.

Lässt sich der Mitgliederzuwachs auf die momentan wirtschaftlich angespannte Situation in vielen Unternehmen zurückführen? Suchen die Menschen in der Gewerkschaft Schutz?

Das liegt nicht unbedingt an der angespannten wirtschaftlichen Lage, sondern daran, dass unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort und in den Betrieben gute Antworten auf die Veränderungen geben. Wenn sich zum Beispiel Produkte verändern, wenn im Zuge des Klimawandels vom Verbrenner auf dieElektromobilität umgestellt wird, dann zeigen und entwickeln unsere Kolleginnen und Kollegen in den Unternehmen den Beschäftigten unter anderem, wie sie sich mit Weiterbildung für einen neuen Arbeitsplatz qualifizieren können.

Das heißt, die Gewerkschaft agiert als Perspektivgeber?

Ja, und das hat in unsicheren Zeiten doppeltes Gewicht. Die Menschen in den Betrieben vertrauen dem Betriebsrat und der IG Metall. Wir haben Vorstellungen, die Zukunft zu gestalten. Der Gewerkschaft gelingt es, nicht nur Perspektiven und Sicherheiten zu geben, sondern auch Mut zu machen für die Veränderungen. Und sie setzt sich natürlich für bessere Arbeitsbedingungen ein.

Stichwort Perspektivgeber: Deutschland erlebt derzeit eine gesellschaftliche Fraktionierung, ein Zersplittern. Kann und will es die Gewerkschaft leisten, als gesellschaftlicher Kitt zu fungieren?

Ja! Wir wollen Gemeinschaft schaffen, gemeinsam handeln und gemeinsam etwas für die Belegschaften bewegen. Wie gesagt: Wir haben eine Idee, wie wir die Zukunft gestalten wollen. So, dass die Menschen weiterhin einen guten Arbeitsplatz haben. Nur ein Beispiel: Wir helfen dabei, dass Menschen, wenn nötig, in einem benachbarten Betrieb einen neuen Arbeitsplatz finden. Ich glaube übrigens, dass die Gesellschaft polarisierter scheint, als sie es ist.

Wie kommen Sie darauf?

Diejenigen, die spalten, bekommen eine höhere Aufmerksamkeit als diejenigen, die zusammenführen.

Und warum? Weil sie lauter schreien?

Ja, weil sie lauter schreien. Wir sind ja statistisch immer noch eine Mehrheit auf der hellen Seite der Macht. Aber manchmal sind wir einfach zu leise. Als Gewerkschaft ist es unser Job, lauter zu werden und deutlich zu machen, dass sehr viele Menschen gemeinsam Gutes bewegen, etwa wenn sie einen wettbewerbsfähigen Strompreis für die Industrie fordern. Es ist unsere Aufgabe, diesen Menschen eine Stimme zu geben.

Themenwechsel: Wie viel Sprengstoff birgt die Haushaltssperre? Stichwort Energiepreise, Stichwort Transformation, Stichwort Klimaschutz. Was bedeutet die Haushaltssperre etwa für die Stahlindustrie, die sich ebenfalls in einer gewaltigen Transformation befindet?

Das Gute ist, dass die Salzgitter AG ihren Förderbescheid für ihrSalcos-Projektzur CO2-armen Stahlproduktion bereits erhalten hat. Das ist ein sehr erfolgreiches Projekt, das der Arbeitgeber und der Betriebsrat gestartet haben. Damit ist es aber nicht getan. Wir brauchen zum Beispiel für die Stahlindustrie eine Wasserstoff-Infrastruktur in Deutschland. Das muss für die Unternehmen planbar sein. Das ist ein Punkt, der mich schon nervös macht, weil die Folgen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts genau diese ganzen innovativen Umbauprojekte infrage stellen. Die Politik muss trotzdem für Planungssicherheit und Finanzierung sorgen. Wir engagieren uns auf allen Ebenen dafür, dass die notwendigen Projekte für den Umbau der Industriegesellschaft, bewilligt werden.

Um Arbeitsplätze zu sichern?

Ja, wir beobachten sehr genau, wie und wo sich Aufgaben und damit Arbeitsplätze verschieben. Treiber sind die Digitalisierung und der Klimawandel. Wenn wir aber nicht investieren in Halbleiter, in Kreislaufwirtschaft, in die Batterie-Produktion, dann wird es kritisch für die Industrie in Deutschland. Das muss in der Haushaltspolitik berücksichtigt werden.

Wie soll die Finanzierung gesichert werden? Schuldenbremse aussetzen oder Einschnitte in anderen Bereichen?

Schuldenbremse aussetzen.

Ist das verantwortungsvoll mit Blick auf die nachwachsende Generation?

Es ist verantwortungslos, nicht in die Zukunft zu investieren. Es ist verantwortungslos, nicht in die Infrastruktur zu investieren, und es ist verantwortungslos, nicht in ein besseres Bildungssystem zu investieren. Wir brauchen Investitionen, damit unsere Industrie unabhängiger und widerstandsfähiger wird. Wir haben während der Coronajahre gemerkt, dass die Lieferketten zusammengebrochen sind und dass wir absolut abhängig sind von anderen Märkten. Deshalb benötigen wir zum Beispiel
eine eigene Chip-Produktion. Ohne Chips keine intelligenten Autos, keine E-Mobilität, keine Energiewende – und damit keine Wertschöpfung in diesen Bereichen.

Industrie, Infrastruktur, Bildungssystem, Klimaschutz: Wie müssen all diese Themen geordnet und priorisiert werden? Welche dieser Aufgaben ist die wichtigste?

Als Politiker und Politikerin muss man jonglieren und viele Bälle in der Luft halten können. Die Aufgaben müssen also parallel angegangen werden. Wichtig ist, Planbarkeit und Klarheit für Investitionen zu schaffen.

Sollte es die geben, lauert schon das nächste Problem: der Fachkräftemangel. Wer soll all die von ihnen geschilderten Aufgaben erledigen?

Dazu möchte ich etwas Positives sagen: Das Thema Arbeits- und Fachkräftemangel wird von der Politik erkannt, und sie bewegt etwas. Mit dem Jobturbo wurden zum Beispiel die Grundlagen geschaffen, dass wir Geflüchtete schneller in den Arbeitsmarkt
integrieren. So sitzen sie nicht mehr monate- oder jahrelang in Flüchtlingsunterkünften und können nicht arbeiten. Zudem gibt es Programme, um die Veränderungen in den Betrieben zu gestalten. Ein wesentlicher Bestandteil ist die Weiterbildung. Die Programme können von den Unternehmen gut genutzt werden. Man kann also nicht sagen, dass sich in Deutschland gar nichts bewegt. Zudem sind wir vergleichsweise gut durch die Krise gekommen: So gab es seit 2020 allein 43 Milliarden Euro Zahlungen für Kurzarbeitergeld. Ohne diese Unterstützung wäre es zu Massenarbeitslosigkeit gekommen. Momentan haben wir trotz Krise eine hohe Beschäftigungsquote. Also, es läuft nicht alles schief.

Dennoch häufen sich Nachrichten von Unternehmen, die nun Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, zum Beispiel Michelin und VW. Wie bewerten Sie die Situation von VW?

Ich bin mir sicher, dass wir dank der starken Mitbestimmung Lösungen für Volkswagen finden. Dabei gibt es rote Linien wie das Einhalten des Tarifvertrags und der Beschäftigungssicherung, die die Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo gezogen hat. Und das ist absolut richtig. Wir haben aber auch noch ein ganz anderes Thema: Für den Hochlauf der Elektromobilität benötigen wir dringend Investitionen aus dem Klima- und Transformationsfonds des Bundes. Die Ladeinfrastruktur muss ausgebaut werden, um die Akzeptanz bei den Kunden zu erhöhen.

Reicht das?

Es müssen erschwingliche E-Fahrzeuge auf den Markt gebracht werden.

Das ist eine Aufgabe für die Hersteller, und die sagen dann, dass die Lohnkosten in Deutschland zu hoch sind.

Das ist ein bisschen einfach gedacht. Viele Automobilhersteller erzielen hohe Renditen, zum Teil zweistellig. Das fällt mir auf, wenn ich in den Süden Deutschlands schaue. Außerdem gibt es einen Block interner Maßnahmen, um die Kostenstrukturen zu
verbessern. Nur auf die Lohnkosten zu blicken, hilft nicht. Es braucht ein gutes Produkt, das vom Kunden angenommen wird.

Zurück zu VW: Hat das Unternehmen Schnupfen oder Lungenentzündung?

Ich wähle einen anderen Vergleich: Es ist so, als wäre jemand schnell gejoggt und hätte sich den Fuß umgeknickt.

Also eine Zerrung, die nicht wirklich schlimm ist?

So in der Art. Ich glaube einfach an dieses Unternehmen. Dort arbeiten sehr gute Leute, und bei VW haben wir eine starke Mitbestimmung. Deshalb werden wir die Probleme lösen, und wenn dann endlich der Rahmen für Elektromobilität, siehe Ladeinfrastruktur und Reichweite verbessert wird, schaffen wir das. VW hat Produkte, die bei den Menschen gut ankommen. Nehmen Sie zum Beispiel den ID.Buzz. Ich habe auf der IAA Mobility in München erlebt, wie viel Spaß es den Menschen gemacht hat, sich in das Auto zu setzen.

Aber kaufen sie den ID.Buzz? Das Auto kostet 65.000 Euro. Das kann sich ein Handwerker oder eine Verkäuferin nicht leisten.

Das ist richtig. Ich habe mir auf der IAA Mobility auch die chinesischen Hersteller angesehen. Mit Blick auf die Preise muss ich zugeben – das ist eine Ansage. Hier müssen wir sehr aufpassen und daher bezahlbare E-Autos anbieten. Das ist schon lange ein Kritikpunkt von uns, dass die deutschen Hersteller zu spät günstige Autos anbieten.

Die liefert VW vielleicht bald aus China.

Wichtig ist doch, dass diese Autos auch hier in Deutschland produziert werden. Die Hersteller müssen in dieses Segment rein. Und nochmal: Ich bin überzeugt davon, dass VW diese Herausforderungen meistert.

Glauben Sie an VW, weil Sie dies als IG-Metall-Vorsitzende müssen oder weil Sie wirklich überzeugt sind?

Ich bin überzeugt! Ich kenne viele Menschen bei VW und ihre Qualitäten. VW ist ein Leuchtturm der Mitbestimmung. In schwierigen Zeiten ist es immer gelungen, gemeinsam gute und tragfähige Lösungen zu finden.

Noch ein Themenwechsel: Die Geschäfte bei der Salzgitter AG laufen auch nicht mehr so rund. Lassen sich deshalb die Forderungen der IG Metall in der aktuellen Stahltarifrunde noch halten? Denn es soll ja nicht nur mehr 8,5 Prozent mehr Geld geben, sondern eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich.

Natürlich bleiben wir bei unseren Forderungen, weil sie absolut berechtigt sind. Die Kolleginnen und Kollegen in der Stahlindustrie leiden ja auch unter der Inflation. Diese Preissteigerungen sind nicht lustig. Bei der von uns geforderten Verkürzung der Arbeitszeit handelt es sich um eine strategische Überlegung. Wegen des Umbaus der Stahlindustrie zur CO2-ärmeren Stahlproduktion rechnen wir ab Mitte der 2020er-Jahre mit Beschäftigungsproblemen. Durch eine Reduzierung der Arbeitszeit hätten wir die Chance, mehr Menschen in Beschäftigung zu halten. Außerdem würde Industriearbeit durch eine kürzere Arbeitszeit attraktiver. Die Wünsche und Bedürfnisse der Beschäftigten ändern sich, vor allem was die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben anbelangt. Es ist die Aufgabe von Gewerkschaften, Antworten zu geben. Diese Antworten können helfen, Lösungen für den Fachkräftemangel zu finden. Durch die Flexibilisierung der Arbeitszeit bietet sich die Chance, dass mehr Frauen berufstätig werden. Und Industriejobs werden attraktiver.

Bislang wurde in der Stahltarifrunde ohne Ergebnis verhandelt. Rechnen Sie mit einem zähen Verlauf?

Wir sind sehr gut organisiert und könnten sehr schlechte Laune bekommen.

Tarieren Sie vor Tarifrunden aus, wie weit Sie gehen können, ohne den Rückhalt in der Öffentlichkeit zu verlieren? Wenn Lokführer streiken ist es regelmäßig so, dass die Bahnkunden anfangs Verständnis haben, ab einem Punkt aber schwerst genervt sind.

Wir befragen im Vorfeld einerseits die Beschäftigten, um ein Stimmungsbild zu bekommen. Wir betrachten aber auch repräsentative Befragungen in der Bevölkerung. Wir fordern im Stahl ja eine 32-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich. Für diese gibt es in der Bevölkerung eine Zustimmung von 73 Prozent. Wir achten immer darauf, anschlussfähig zu sein.