Braunschweig. „Retrason“ will den Umbruch in der Auto- und Zulieferindustrie begleiten – und hat für seine Arbeit nun auch einen Preis gewonnen.

Mit Retrason wurde im Januar 2022 ein Netzwerk gegründet, das gemeinsame Transformationsstrategien für die Region Braunschweig-Salzgitter-Wolfsburg im Bereich der Automobil- und Zulieferindustrie entwickelt. Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Kammern, Verbänden und Politik tun sich dort in sogenannten „labs“ – Laboren – zusammen und arbeiten an einer Umgestaltung der Branche. Sie ist geprägt vom Umstieg auf die Elektromobilität, weg vom Benziner und Diesel. Nun erhielt das Netzwerk „Regionale Transformation Südost-Niedersachsen“ im Bundeswirtschaftsministerium den Preis für „Ausgezeichnete regionale Industrie-Initiativen 2023“. Über weitere Pläne, aktuelle Probleme und Lösungsansätze des Netzwerks spricht der Leiter für Mobilität bei der Allianz für die Region, Thomas Ahlswede-Brech.

Retrason erzielt erste Erfolge durch „labs“

Es gibt vier „labs“, in denen sich die Akteure austauschen: „Technologische Transformation“, „Zukunft der Arbeit“, „Infrastrukturelle Transformation“ und „Neue Geschäftsmodelle“. „Wichtig ist für uns, die kleineren Firmen und Unternehmen der Branche für Retrason zu begeistern“, sagt Ahlswede-Brech. Denn grade sie profitierten durch den Zugang zur Wirtschaft und Wissenschaft. Mittels KI machte die Allianz für die Region als zentraler Netzwerkmanager die Firmen ausfindig. „Wir suchten nach den regionalen Firmen mithilfe der Postleitzahl und schrieben diese gezielt an“, erläutert der Mobilitätsleiter das Vorgehen. „Mit der Frage, wie sie die Transformation beschreiten wollen, hatten wir das Interesse einiger Firmen geweckt. Viele konnten wir trotzdem nicht erreichen.“

Das liegt laut Ahlswede-Brech daran, dass einige mit ihren Strukturen bis zur Rente durchhalten möchten. „Um die Transformation sollen sich dann die Nachfolger sorgen“, fügt er hinzu. Ob ein potenzieller Nachfolger aber dann noch das Geschäft übernehmen möchte, sei die Frage. „Die Transformation muss jetzt passieren“, ist Ahlswede-Brech überzeugt. Innerhalb eines Jahres hat das Netzwerk unter dem Dach der „Allianz für die Region“ 16 Workshops durchgeführt. Das sei eine Menge. Aus der Arbeit seien auch bereits Erfolge zu beobachten. Zum Beispiel bei einem Gifhorner Engineering-Dienstleister, erklärt Ahlswede-Brech.

Allein aufgrund des Fachkräftemangels sind Firmen zukünftig mehr Roboter angewiesen.
Thomas Ahlswede-Brech, Leiter für Mobilität bei der Allianz für die Region

Einsatz von Robotern wird immer wichtiger

Gifhorn könnte nun quasi Universitätsstandort werden. Denn „Retrason“ ermöglichte der Bertrandt AG Zugang zu Hochschulen in der Region. „Sie profitierten von den wissenschaftlichen Forschungserkenntnissen und die Hochschulen wiederum vom Einblick in den Stand der Unternehmen“, berichtet Ahlswede-Brech. Viele Unternehmen kennen die Zugänge der Wissenschaft in Hochschulen nicht, sagt er. In den „labs“ erhielten sie die Möglichkeit.

Team ReTraSON und der Kooperationspartner IG Metall (v.l.): Thomas Krause, Thomas Ahlswede-Brech, Simone Lange, Matthias Disterheft (IG Metall WOB), Arne Grimmig, Sabrina Gashaj, Wendelin Göbel, Hinrich Weis, Julia Wiencke, Matthias Wilhelm (IG Metall Salzgitter-Peine).
Team ReTraSON und der Kooperationspartner IG Metall (v.l.): Thomas Krause, Thomas Ahlswede-Brech, Simone Lange, Matthias Disterheft (IG Metall WOB), Arne Grimmig, Sabrina Gashaj, Wendelin Göbel, Hinrich Weis, Julia Wiencke, Matthias Wilhelm (IG Metall Salzgitter-Peine). © Allianz für die Region | Allianz für die Region

Vor etwa eineinhalb Monaten gründete sich zudem das erste Robotik-Netzwerk. „Wir stellten erst im ,lab‘ fest, wie sehr wir das brauchen. Allein aufgrund des Fachkräftemangels sind Firmen zukünftig mehr auf Roboter angewiesen.“ Unternehmen wie Robert Bosch Elektronik, Dressler und MKN Maschinen sind dabei vertreten. Zu berücksichtigen seien auch die kommunalen Veränderungen. So weiß Ahlswede-Brech: „Transformationsprozesse sind kommunale Prozesse.“

Haushaltssperre sorgt für Unsicherheit im Netzwerk

Mit der jüngst beschlossenen Haushaltssperre verhängte das Finanzministerium ein Ausgabenverbot für mehrere, bereits geförderte Projekte. Im Haushalt eigentlich schon vorgesehene Ausgaben dürfen nicht getätigt werden. Inwiefern sich dies auf den laufenden Fonds für das neue Netzwerk auswirkt, hat auch das Netzwerk beschäftigt. Retrason erhält bis Juni 2025 knapp 7,6 Millionen aus dem „Zukunftsfonds Automobilindustrie“ des Bundeswirtschaftsministeriums für die Umsetzung der Strategien.

Laut Ahlswede-Brech stellte die Allianz eine Überprüfung beim Fördermittelgeber an –Ergebnis: Das „Retrason“-Netzwerk hat mit keinen Auswirkungen der Haushaltssperre zu rechnen. Das dürfte bei allen Beteiligten für ein Aufatmen gesorgt haben. Das Netzwerk konzentriert sich entsprechend weiter auf die Fortschritte. Dass an den bisherigen Workshops insgesamt etwa 1.600 Besucher und Besucherinnen teilnahmen, bewertet er positiv. Nächster Schritt soll sein, durch gemeinsame „lab“-Veranstaltungen die Fachbereiche zusammenzubringen.

Ahlswede-Brech: Gewerkschaften drängen auf eine Weiterfinanzierung

„Der Name Retrason ist inzwischen eine Marke“, resümiert Ahlswede-Brech das erste Jahr seit Gründung. Mit dem Förderprojekt sollen weiterhin Kräfte gebündelt werden. „Die Transformation braucht Begleiter“, sagt er. „Wir sind diese Begleiter.“ Wie sie nach Auslaufen der Förderung weitermachen werden, stehe bislang allerdings nicht fest. „Die Gewerkschaften drängen auf eine Weiterfinanzierung nach 2025“, so Ahlswede-Brech.