Protest der Corona-Skeptiker in Göttingen: Der Ton wird rauer

Göttingen.  Redner um „Querdenker“ Bodo Schiffmann ernten Beifall für Behauptungen über schädliche Masken, unrechtmäßige Tests – und ihre Vision einer Revolution.

Demo von Corona-Leugnern am Göttinger Bahnhof mit Bodo Schiffmann auf „Corona-Info-Tour“ als Redner (mit Megafon).

Demo von Corona-Leugnern am Göttinger Bahnhof mit Bodo Schiffmann auf „Corona-Info-Tour“ als Redner (mit Megafon).

Foto: Niklas Richter / GT

Am Montagvormittag füllt sich der Bahnhofsvorplatz in Göttingen plötzlich: Die Corona-Skeptiker demonstrieren. Zum Protest am Bahnhof kommen nach Schätzungen der Polizei knapp 200 Teilnehmer aus der Region – und vier in ihren Kreisen prominente Gäste, die sich über die vermeintliche Schädlichkeit von Masken, Nutzlosigkeit von Corona-Tests und den Aufbruch in eine „neue Gesellschaft“ auslassen. Der Protest bleibt friedlich – doch die Corona-Skeptiker verschärfen den Ton gegenüber jenen, die nicht ihrer Meinung sind.

Um 10 Uhr versammeln sich auf dem Bahnhofsvorplatz die ersten Grüppchen – Plakate oder Transparente sind ebenso wenig zu sehen wie Masken oder Abstand untereinander. Am Rande des Platzes postieren sich einige wenige Gegendemonstranten und werden sogleich von einigen Corona-Skeptikern verbal angegangen. „Diese Leute haben keine Argumente“, sagt Demo-Teilnehmer Jörg Huckenbeck. Er und seine Mitstreiter hingegen würden die Fakten kennen.

Keine Masken und kein Abstand

Der für 10 Uhr angekündigte Protest beginnt letztlich um 10.30 Uhr. Da fährt ein schwarzer Doppeldeckerbus vor – die „Corona-Info-Tour“ ist da. HNO-Arzt Bodo Schiffmann, Unternehmer Wolfgang Greulich und Ex-Prediger Samuel Eckert, die sich seit Beginn der Pandemie als Wortführer der Corona-Skeptiker, zum Beispiel bei „Querdenken 711“, positionieren, und ihr Gast Ralf Ludwig, Gründer von „Widerstand 2020“, werden von ihren Anhängern begeistert empfangen – und legen nach Verlegung der Demonstration Richtung Busbahnhof auch gleich los.

„Ich bin kein Corona-Leugner oder Maskengegner oder Verschwörungstheoretiker“, beteuert Schiffmann als erster Redner. Über die gängigen Corona-Tests behauptet er dann aber, sie würden für die Erstellung einer Gen-Datenbank genutzt und seien ohnehin nicht aussagekräftig. Schiffmann schlussfolgert daraus, dass es ein Infektionsgeschehen in Deutschland gar nicht gäbe. In Augsburg müssten indes Kinder, die keine Maske tragen, eine Armbinde anlegen.

Als „Rechtsexperte“ ist Ludwig dabei. Auch er stützt sich auf die vermeintliche Unzuverlässigkeit von Corona-Tests. Wenn die Infektionszahlen nur auf Vermutungen basierten, gebe es keine rechtliche Grundlage für jegliche Einschränkungen, ruft der gelernte Anwalt in die Menge. Deshalb gebe es auch keine Verurteilungen von Maskenverweigerern – das habe er vorher „im Internet nachgeschaut“.

Lesen Sie aus Osterode: Coronavirus breitet sich aus – aktuelle Lage in und um Osterode

Corona-Vergleich mit Seekrankheit

Den christlichen Glauben zieht Eckert heran, um sich vor allem gegen die Maskenpflicht zu positionieren: „Ein gläubiger Christ kann keine Maske tragen“, verkündet der Prediger, der bei den Adventisten nicht mehr predigen darf, und vergleicht die Ausbreitung eines Virus mit 400 Seekranken auf einem schwankenden Kreuzfahrtschiff – Jubel und Beifall bei den Protestierenden um ihn herum.

Ganz andere Saiten zieht Greulich auf. „Es entsteht eine neue Gesellschaft“, verkündet der Schwabe. Er wisse noch nicht, wann, aber es werde letztlich so gehen wie 1989 in der DDR, „und dann schaffen wir sie alle ab.“ Die Gleichgesinnten seien überall, sie wagten sich nur nicht aus der Deckung, ruft Greulich – in Wirklichkeit habe er die Mehrheit längst hinter sich: „Wenn es losgeht, dann nehmen wir sie in unsere neue Gesellschaft auf.“

Was dann mit jenen geschehen soll, die zu einer solchen Gesellschaft nicht gehören wollen, lassen die Redner offen. „Dort hinten“, sagt Greulich mit Fingerzeig auf die Gegendemonstranten, „stehen Leute, die es nicht verstehen wollen.“

Eine „Einladung“ Schiffmanns an die Gegenseite, vor 200 Corona-Skeptikern zu sprechen, wird dann auch von seinen Zuhörern mit Gelächter und Jubelschreien kommentiert.

Die aktuellen Fallzahlen aus Göttingen und Osterode: Etwa 20 neue Infektionen im Altkreis Osterode- Corona 20. Oktober

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder