„Die Menschen werden nie wieder so viel Angst haben wie im März“

Göttingen.  Der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow schildert im Interview, wie die Menschen auf eine mögliche zweite Welle blicken.

Anti-Lockdown-Graffiti in England. Ein Psychologe berichtet, wovor Bürger sich während der Corona-Krise fürchten: So bedrohlich wie im März wirke das Coronavirus zwar nicht. Trotzdem bereite ihnen eine Folge der Pandemie Sorgen.

Anti-Lockdown-Graffiti in England. Ein Psychologe berichtet, wovor Bürger sich während der Corona-Krise fürchten: So bedrohlich wie im März wirke das Coronavirus zwar nicht. Trotzdem bereite ihnen eine Folge der Pandemie Sorgen.

Foto: Peter Byrne / dpa

Der Göttinger Psychiater und Psychologe Borwin Bandelow ist ein Experte für Angststörungen. Die Corona-Neuinfektionen steigen in Deutschland drastisch – das versetzt viele Menschen in Angst. Zu einer möglichen zweiten Welle sagte Professor Bandelow bereits im Juni: Eine zweite Welle im Herbst und ein drohender erneuter Lockdown würden wieder Ängste auslösen, nämlich davor, kein freies Leben zu haben und die Gesichtsmasken Monate und Jahre tragen zu müssen. Das würde kein panikartiges Ausmaß annehmen, aber die Angst vor dem Verlust der Freiheit könnte größer sein als die Angst vor einer Infektion. Jetzt erklärt er im Interview, was für Gefühle aktuell eine mögliche „zweite Welle“ bei den Menschen auslöst.

Schon das Bild der „Zweiten Welle“ wirkt einigermaßen bedrohlich. Wer in der Gesellschaft dürfte sich davon in Angst versetzt fühlen?

Menschen, die einer Risikogruppe angehören, wird es langsam mulmig: Wie lange werden sie es noch schaffen, dem Virus zu entkommen? Aber selbst wenn die Zahl der Infizierten so bedrohlich ansteigt, dass die medizinische Versorgung an die Grenzen kommt, werden die Menschen wahrscheinlich nie wieder so viel Angst haben wie zu Beginn der Krise im März. Das liegt daran, dass eine Gefahr immer als besonders bedrohlich wahrgenommen wird, wenn sie neu und unbeherrschbar ist – mittlerweile haben wir uns aber an die Bedrohung gewöhnt.

Wie entstehen diese Ängste? Wer schürt sie und wer steuert dagegen?

Die Medien sind nicht schuld, wenn die Menschen Angst haben – sie geben nur die Informationen weiter, die die Menschen hören wollen . Im Gegenteil würden die Menschen noch mehr Angst haben, wenn in den Zeitungen das Corona-Geschehen heruntergespielt werden würde – man würde denken, dass einem jetzt etwas verschwiegen wird.

Wie kommt es, dass sich Menschen mehr Sorgen um die Wirtschaft als um ihre Gesundheit machen, wie eine Umfrage des NDR ergeben hat?

Trotz steigender Zahlen haben viele Menschen noch nicht die Erfahrung gemacht, einen Verwandten durch Corona verloren zu haben. Für viele Menschen ist die Gefahr einer Infektion noch sehr theoretisch. Die wirtschaftliche Bedrohung dagegen ist real: Fast jeder hat schon in irgendeiner Form Geld verloren, und man hat das dumpfe Gefühl, dass das dicke Ende noch nachkommt.

Was können Menschen tun, um nicht in Panik zu verfallen?

Man kann den Menschen nicht einfache Tipps geben, wie zum Beispiel einen Kräutertee zu trinken und sich wieder zu beruhigen. Man kann ängstlichen Menschen nur raten, sich über die Fakten zu informieren und mit einem gesunden Fatalismus an die Sache heranzugehen. Nach wie vor ist für jeden Einzelnen die statistische Chance, an Corona zu sterben, noch vergleichsweise gering. Aber Angst ist nicht gut in Statistik.

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