Das „Tor zur Freiheit“ in 6.000 Fotos

Friedland.  Fotograf Fritz Paul widmete sich dem Grenzdurchgangslager Friedland. Sein Nachlass wurde jetzt von seinem Sohn Christian Paul an das Museum übergeben.

Fritz Paul ist mit Friedland stark verbunden. Dort begann seine Fotografen-Laufbahn. Er hat die Wahrnehmung des Lagers in der Öffentlichkeit geprägt.

Fritz Paul ist mit Friedland stark verbunden. Dort begann seine Fotografen-Laufbahn. Er hat die Wahrnehmung des Lagers in der Öffentlichkeit geprägt.

Foto: Fritz Paul

Die tiefe Verbundenheit zum Grenzdurchgangslager Friedland hat das Leben des Fotojournalisten Fritz Paul geprägt. Der Sohn des 1998 verstorbenen Autodidakten hat dessen Nachlass in Form von etwa 6.000 Fotos und Negativen nun an das Museum Friedland übergeben. Dort berichtete Dr. Christian Paul vom Leben seines Vaters und der Mammutaufgabe, dessen Vermächtnis zu dokumentieren und archivieren.

„Gerade in Zeiten der Handyfotografie ist das Werk umso erhaltenswerter“, sagte Museums-Geschäftsstellenleiter Klaus Engemann. Deshalb seien alle im Museum dankbar, dass sie einen solch großen Fundus an potenziellen neuen Ausstellungsobjekten bekommen haben. Die Fotos seien bereits stilprägend für das Museum, die Schenkung sei ein „Anlass zu großer Freude“, fügte Ewa Kruppa hinzu. Für die Archivarin ist das „Sammeln von Objekten eine schöne Aufgabe“. Zunächst werde das Museum den Bestand an Lageransichten, Abläufen, Portraits und historischen Ereignissen sichten, dokumentieren und dann der Öffentlichkeit und Forschung zur Verfügung stellen.

Unbeschriftete Filmdosen

Doch bis die Fotos überhaupt nach Friedland gelangen konnten, war es ein langer Weg. Denn die Fotos waren keineswegs alle entwickelt, sortiert und archiviert: Teils lagerten die Negative in unbeschrifteten Filmdosen, berichtet Paul. Sie hätten dadurch aber „mehrere Umzüge überstanden und 50 Jahre überdauert“. Denn die Entwicklung der Zelluloidstreifen war früher ein langwieriger Prozess, der viele händische Arbeitsschritte erforderte. Und genau wie heute, war die Fotografie bereits damals ein „hektisches Geschäft“, erzählt er. So sei sein Vater teils in „rasendem Tempo“ aus dem Grenzdurchgangslager nach Göttingen gefahren, um dort die Filme zu entwickeln. Bei Fixierung und Wässerung der Negative habe seine Mutter oft geholfen, erinnert sich Paul. Insgesamt habe sein Vater „mehr als 10.000 Negative“ hinterlassen, die gesichtet werden müssten: „Das kann ich gar nicht schaffen.“

Und mussten die Fotos mit dem Zug zu den überregionalen Agenturen gebracht werden, gab Fritz Paul sie meist persönlich am Bahnhof ab. Doch bei all der Besessenheit für seinen Beruf zeichnete den Fotografen vor allem seine große Empathie aus. „Anstatt eines Honorars ließ er sich in Nachkriegszeiten gern in Carepaketen bezahlen, deshalb bin ich heute so gut genährt“, sagt sein Sohn und lacht.

Diese Charaktereigenschaft und seine große Menschenkenntnis machten ihn zu einem auch in hochrangigen Kreisen geschätzten Bildjournalisten, der aber gleichzeitig Perfektionist war: „Auf seinen Fotos ging es nicht, dass da Leute wild in der Gegend rumstanden“, alles musste arrangiert werden. Da war es egal, ob es sich um einen Bundesminister oder einen Landwirt handelte.

Freundschaft zu Otto Hahn

Besonders gut verstand sich Fritz Paul mit Nobelpreisträger Otto Hahn. Als dieser einmal in Hannover aus dem Flugzeug stieg, hatte sich auf dem Flugfeld alles versammelt, was Rang und Namen hatte: Politiker, Kamerateams, alle wollten Hahn begrüßen. Doch der erste, dem er „Schönen guten Tag“ sagte, war Paul. Und noch eine weitere Geschichte verbindet den Fotografen mit dem weltberühmten Chemiker. „Einmal lagen beide gleichzeitig im Krankenhaus, mein Vater wurde aber früher entlassen“, erinnert sich Christian Paul. Solange Hahn noch geschwächt im Hospital verbleiben musste, fuhr Fritz Paul vor der Arbeit dorthin, zog sich seinen Bademantel über und tat so, als ob er ebenfalls noch auf Station läge, um für seinen Freund da zu sein.

Seine Verbundenheit zum Lager in Friedland kam nicht von ungefähr: Seine ersten Fotos reparierte er für eine Göttinger Firma. Meist handelte es sich um Motive von Vermissten, die Aufträge kamen aus Friedland. Dort begann Fritz Pauls Leidenschaft für Standbilder, denn eigentlich wollte er Filmkameramann werden. „Von den Anfängen habe ich durch eine Examensarbeit Ende der 1990er erfahren, die sich mit meinem Vater beschäftigte“, erklärt Paul.

Das Lager in Friedland ließ ihn nicht mehr los, von 1948 bis in die 1970er-Jahre dokumentierte er das dortige Leben mit seiner Kamera, der allgegenwärtigen Leica oder Rolleiflex, und steigerte somit auch den Bekanntheitsgrad der Einrichtung. „Er hat die Wahrnehmung des Lagers in der Öffentlichkeit geprägt“, lobt Kruppa die „würdevolle, reale Darstellung auf den Fotos“. Er habe das Berufsethos ernst genommen und Wahrhaftigkeit und Solidarität abgelichtet, meint sie.

In die Fußstapfen seines Vaters habe er nie treten wollen, betont Paul. „Ich habe die Hektik und den Stress, den er lebte, als Kind mitbekommen. Ich kannte ihn als Vater kaum.“ Dafür sei Fritz Paul überall sonst bekannt gewesen „wie ein bunter Hund“, auf der Straße wurde er „beinahe von jedem angesprochen“. Manchmal habe er sich nur wie ein Anhängsel gefühlt, meint er. Auch deshalb hat Christian Paul mit Fotografie nur wenig zu tun, auch Handyfotos macht er nicht: „Ich habe nicht einmal ein Smartphone.“

In der Zukunft sind Sonderausstellungen mit den Werken Fritz Pauls im Museum Friedland, Bahnhofsstraße 2, geplant.

Info: Der Fotograf Fritz Paul

Fritz Paul wäre am 15. Oktober 100 Jahre alt geworden. Er stammte aus Rudwangen im ehemaligen Ostpreußen. Als jüngstes von elf Kindern avancierte der Autodidakt zum Fotojournalisten. Während des Zweiten Weltkriegs studierte er Maschinenbau in Berlin, bis er von der Wehrmacht zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs flüchtete er aus sowjetischer Gefangenschaft, ab 1948 arbeitete er als freier Bildjournalist unter anderem für das Göttinger Tageblatt.

Er portraitierte namhafte Persönlichkeiten wie Otto Hahn, Konrad Adenauer und Willy Brandt. Für seine Fotoserie anlässlich des „Kasseler Treffens“ im Jahr 1970 zwischen Willy Brandt und Willi Stoph, dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrats, wurde er vom Verband der Journalisten in Niedersachsen ausgezeichnet. Zu dieser Zeit war er leitender Bildredakteur beim Göttinger Tageblatt. Ab 1948 bis in die 1970er Jahre dokumentierte Fritz Paul das Geschehen im Grenzdurchgangslager in Friedland. Er starb im Jahr 1998.

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