Bis zu 244 Meter hoch: Darum werden Windräder immer größer

Göttingen.  Windenergieanlagen werden immer größer, viele von ihnen gehören längst zu den höchsten Bauwerken der Region. Auch in Osterode ist eine Anlage geplant.

Ältere und modernere Windenergieanlagen im Höhenvergleich zu Bauwerken in der Region – und zum höchsten Gebäude Deutschlands.

Ältere und modernere Windenergieanlagen im Höhenvergleich zu Bauwerken in der Region – und zum höchsten Gebäude Deutschlands.

Foto: Anja Reyer

52 Windenergieanlagen sind im Landkreis Göttingen derzeit in Betrieb. Etwa noch einmal so viele befinden sich momentan im Genehmigungsverfahren oder teilweise schon im Bau. Voraussichtlich werden nicht alle realisiert – dennoch ist absehbar, dass die Anzahl der Anlagen in den kommenden Jahren deutlich zunehmen wird.

Hin und wieder regt sich in den angrenzenden Dörfern Widerstand gegen die Vorhaben. Anwohner befürchten beispielsweise einen zu hohen Geräuschpegel, sehen bestimmte Tierarten in Gefahr oder sorgen sich um das Landschaftsbild. In jüngster Zeit wird auch regelmäßig Kritik wegen der immer größeren Gesamthöhen der neu geplanten Anlagen laut. Tatsächlich wirken die ältesten der aktuell im Landkreis Göttingen noch betriebenen Anlagen aus heutiger Sicht fast schon unspektakulär klein. So weist das 1995 errichtete Windrad „Dransfeld 1“ einer Aufstellung des Landkreises zufolge eine Nabenhöhe von gerade einmal 50 Metern auf. Die Nabenhöhe bezeichnet die Höhe des Turms, an dessen Spitze der Rotor und dessen „Flügel“ angebracht werden – daraus ergibt sich dann eine Gesamthöhe. Zu Vergleichszwecken ist die Nabenhöhe allerdings aussagekräftiger, da es sich hierbei um eine feststehende Größe handelt. „Die Gesamthöhe der verschiedenen Anlagen kann aufgrund unterschiedlicher Fundament- oder Geländehöhen je nach Messpunkt um wenige Meter variieren“, erläutert Landkreis-Sprecher Ulrich Lottmann. Die angegebene Gesamthöhe einer Anlage sei deshalb mitunter nur ein Circawert.

Bis 2006, sagt Lottmann, habe die Gesamthöhe sämtlicher Anlagen jeweils noch unter 100 Meter betragen. Die Nabenhöhen lagen bei den zwischen 1996 und 2011 errichteten und derzeit noch betriebenen Anlagen allesamt zwischen 50 und 75,6 Metern. Zwischen 2013 und 2016 hingegen wurde im Landkreis Göttingen bereits keine einzige Anlage mehr in Betrieb genommen, deren Nabenhöhe unter 100 Meter beträgt. Die Gesamthöhen dieser Windräder liegen dementsprechend höher, nämlich zwischen etwa 150 Metern (Barbis) und ungefähr 200 bis 207 Metern (beispielsweise Bischhausen, Ebergötzen, Bodensee, Hattorf, Wulften, Dransfeld).

Die neuesten – noch im Verfahren befindlichen – Anlagen sind größtenteils noch einmal deutlich höher; in Gieboldehausen, Wollbrandshausen oder Bodensee etwa bis zu 234 Meter (Nabenhöhe: 166 Meter).

Weitere geplante Anlagen könnten auch diesen Wert noch einmal toppen: Auf dem Pinnekenberg (Rollshausen/Gieboldehausen), bei Harste und bei Osterode wären im Falle einer Genehmigung durch den Landkreis Anlagengesamthöhen von knapp 240 Metern zu erwarten, in Adelebsen sogar bis zu 244 Meter.

244 Meter – da fehlt manch einem vielleicht die Vorstellungskraft. In der Grafik haben wir deshalb drei typische Windradhöhen zur Veranschaulichung markanten Bauwerken aus der Region sowie dem höchsten Gebäude Deutschlands, dem Berliner Fernsehturm, gegenübergestellt. Nebenbei bemerkt: Zu den höchsten Bauwerken Niedersachsens zählen die Windräder derzeit noch nicht; hier dominieren vor allem Sendemasten mit Höhen deutlich jenseits der 300 Meter.

Warum eigentlich immer höher? – Doreen Fragel von der Energieagentur Region Göttingen klärt auf

Die Windenergieanlagen (WEA) werden mit jeder neuen Entwicklungsstufe immer höher – warum ist das eigentlich so? Welchen Nutzen haben höhere Anlagen im Hinblick auf die Stromerzeugung? „Ab 80 bis 100 Metern Höhe weht der Wind im Binnenland beständiger, weil Verwirbelungen von Hindernissen am Boden, etwa von Bäumen oder Siedlungen, sich nicht mehr auswirken“, erklärt Doreen Fragel von der Energieagentur Region Göttingen.

„Bei Gesamthöhen der Windenergieanlagen von 180 bis 230 Metern befinden sich die Rotoren der Anlagen oberhalb dieser Grenze, so dass eine deutlich höhere Stromproduktion möglich ist“, so die Expertin. Größere Rotoren würden zudem eine größere Fläche „überstreichen“, so dass mehr Wind „eingesammelt“ werden könne. „Als Faustformel gilt: Pro Meter höherer Nabe (= Turmhöhe) steigert sich der Ertrag bis zu einem Prozent, eine Verdoppelung des Rotordurchmessers hat eine Vervierfachung des Ertrags zur Folge“, beschreibt Fragel.

Die höhere Beständigkeit des Windes in größeren Höhen wirke sich außerdem positiv auf die Netzstabilität aus. „Höhere Windenergieanlagen speisen selbst dann noch Strom ein, wenn niedrigere Windenergieanlagen bereits stillstehen“, sagt die Geschäftsführerin der Energieagentur. Und: „Mit zunehmender Nabenhöhe reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass Vögel von Rotoren getroffen werden, da sie sich seltener in größeren Höhen aufhalten.“ Fragel verweist darüber hinaus an die Klimaschutzagentur Region Hannover, mit der die Göttinger Energieagentur sehr eng zusammenarbeite und die beim Thema Windkraft sehr engagiert sei.

In einem „Fact Sheet“ aus Hannover heißt es unter anderem: „Mit steigender Höhe nimmt die Windgeschwindigkeit erheblich zu. Konnte eine WEA im Binnenland mit einer Leistung von zwei Megawatt vor zehn Jahren noch etwa 3,2 Mio. kWh Strom pro Jahr erzeugen und damit 800 Vier-Personen-Haushalte mit CO2-freiem Strom versorgen, können heutige Anlagen mit einer installierten Leistung von drei bis vier Megawatt je nach Standort neun bis 13 Mio. kWh für 1.500 bis 2.500 Haushalte produzieren.“ Entscheidend für den Einsatz dieser Anlagen sei, dass keine Bauhöhenbeschränkungen bestehen.

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