Das größte Bauernomelett der Welt

Bad Lauterberg  Der Harzrundweg führt zu einem großen Teil auch durch die Städte des Altkreises Osterode, wo es viel zu entdecken gibt.

Gut, dass ich heute fahre, im Jahr 2017. Zu seiner Geburtsstunde vor 290 Millionen Jahren war der Ravensberg bei Bad Lauterberg nämlich ein Lava speiender Vulkan. Auch war der Harz vor Jahrmillionen höher als die Alpen. Es folgten Abtragungen, Überflutungen, Auffaltungen, Gletschereis.

Für Geologen dürfte der Harz ein Eldorado sein. Ich nehme ihn beim Treten in die Pedale gen Ravensberg vor allem als Wald wahr. Und tatsächlich: Fast ohne Schieben ist in 450 Metern schon am ersten Tag mein Gipfel der Tour erreicht – die Wasserscheide von Weser und Elbe.

Talwärts genieße ich das Rasen des Kilometerzählers, ein Mountainbiker kämpft sich mir entgegen, der dritte Radfahrer auf diesen ersten 30 Kilometern überhaupt. Und als wäre ich tatsächlich in den Alpen, nennt sich das Ausflugslokal hier Alm.

Der Wirt ist Maik Dombrowski, ein Mann, der vor Großem nicht zurückscheut. Im Gegenteil: Mit einem 20 Quadratmeter großen Bauernomelett schaffte er es schon ins Guinnessbuch der Rekorde: Fünf Köche hatten mit Schneeschiebern 150 Kilogramm Kartoffeln, 6 000 Eier, 45 Kilogramm Schinkenspeck, 30 Kilogramm Schmalz, 25 Kilogramm Zwiebeln und 10 Kilogramm Gewürze verrührt.

Einen Campingplatz hat er hier an den Wiesenbeker Teichen auch, nur das einstmals altehrwürdige Hotel am anderen Ufer verfällt. Dabei wurde der 1700 erbaute Teich als Teil der Oberharzer Wasserwirtschaft doch ebenso von der Unesco geadelt wie das Kloster Walkenried, der Rammelsberg und die Altstadt von Goslar.

So gut sich das nahe Bad Lauterberg als Kurort etabliert hat: Das Hotelleriegeschäft ist ob der großen Konkurrenz auch hier kein leichtes. Auf der Fahrt zur Pension sehe ich auch einige andere leerstehende Villen.

Eine der früheren Kurkliniken bezogen Lineke de Haan und Mark Struijk vor knapp zwei Jahren. Aus der Nähe von Groningen in Holland kamen beide, sie haben den Harz lieben gelernt: Hier geht nicht ständig Wind, sagt sie über ihre neue Heimat.

Auf ihrer Weltkarte im Maßstab 1:17 500 000 ist Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge nicht größer als die Kuppe meines kleinen Fingers. 0,3 Zentimeter also gilt es heute voranzukommen, denke ich am Morgen, mehr sind 60 Kilometer auf dieser Karte nicht.

Rentierjäger sind Schuld

Die Wege bis Seesen werden fast ausschließlich asphaltiert sein, und doch sind die ersten zehn Kilometer auch nach einer Stunde noch nicht genommen. Schuld haben Rentierjäger, die vor 15 000 Jahren lebten. Ihre interessante Geschichte fesselt mich.

Sie hatten oberhalb von Scharzfeld eine Höhle zu ihrem Rastplatz erklärt, von hier oben die Herden in der Steppenlandschaft des Odertals beobachtet. Archäologische Funde aus den 1920er-Jahren sprechen jedenfalls dafür: Um eine Feuerstelle verteilt fand man Bratplatten, Steingeräte aus Feuerstein und Kieselschiefer, das Bruchstück einer Nähnadel aus Knochen, einige Knochen- und Geweihreste vor allem von Rentier.

Vor etwa 1 000 Jahren dann wurde die Höhle zu einer frühchristlichen Kirche erweitert, der Dolomitfelsen büßte einiges ein. Kanzel, Altar und Weihwasserbecken sollen bis heute erhalten sein, nur bleiben sie dem ungeübten Auge einer Hobbyradfahrerin im Halbdunkel der Höhle verborgen.

Allerdings genügt es auch, davon nur zu lesen, dass 1937 in einem in Stein gehauenen Sarg ein Frauenskelett gefunden wurde.

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