Berlin. Das Blatt im Krieg scheint sich gegen die Ukraine zu wenden, daran ist der Westen mitschuldig. Er sollte Kiew das Mindeste zusichern.

Die Ukraine steht vor dem zweiten Kriegswinter. Dem von Russland überfallenen Land drohen noch härtere und bitterere Wochen als vor einem Jahr. In der Bevölkerung geht die Angst um, dass Moskau erneut gezielt die kritische Infrastruktur angreifen wird, um die Menschen ins Dunkel und in die Kälte zu bomben. Insbesondere in den Städten und Dörfern im Süden und Osten, in denen der Krieg nahe ist und die ständig unter Beschuss stehen, hat sich eine Mischung aus Fatalismus und Verzweiflung breitgemacht. Die Menschen sehnen sich ein Ende des Krieges herbei, aber niemand hat eine Antwort darauf, wie er enden soll und zu welchem Preis.

In der politischen und militärischen Führung wächst indes die Nervosität. Das Gefühl macht sich breit, dass die internationale Unterstützung absehbar nachlassen könnte. In den USA sind die für die Ukraine bereitgestellten Haushaltsmittel beinahe aufgebraucht. Gegen die Bereitstellung neuer Finanzhilfen wächst der Widerstand im Kongress. Die Unterstützung für Kiew wird zum Spielball innenpolitischer Interessen. Der Krieg im Nahen Osten hat den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit verschoben.

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Zugleich werden die Friktionen zwischen der politischen und militärischen Führung in der Ukraine größer. Präsident Wolodymyr Selenskyj liefert sich einen Kompetenzstreit mit Walerij Saluschnyj, dem von seinen Soldaten verehrten Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Saluschnyi sieht die militärische Lage nüchterner und realistischer als der Präsident. Keines der operativen Ziele der im Juni begonnenen ukrainischen Gegenoffensive konnte erreicht werden. Jetzt sind die russischen Streitkräfte an nahezu allen Frontabschnitten wieder in die Offensive gegangen.

Ukraine-Krieg: Putin hat die Tür zu Verhandlungen verbarrikadiert

Moskau lässt seine Truppen ohne Rücksicht auf Verluste gegen die ukrainischen Verteidigungspositionen anrennen. Der Krieg ist an einem Punkt angelangt, an dem sich beide Seiten einen Abnutzungskampf liefern. Durch den massiven Einsatz von Drohnen ist das Schlachtfeld transparenter geworden. Überraschende Großoperationen, wie die zur Befreiung der Region Charkiw im Nordosten des Landes im Herbst vergangenen Jahres, sind nicht mehr möglich. Es können nur marginale Erfolge auf taktischer Ebene erzielt werden.

FUNKE-Reporter Jan Jessen ist regelmäßig in der Ukraine unterwegs.
FUNKE-Reporter Jan Jessen ist regelmäßig in der Ukraine unterwegs. © FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska

Hinzu kommt, dass die westlichen Partner noch immer zu zögerlich bei der notwendigen militärischen Hilfe für die Ukraine sind. Das Land erhält genügend Waffen, um zu überleben, aber zu wenige, um den Krieg zu gewinnen. Das gilt auch für Deutschland, das sich weigert, die Taurus-Marschflugkörper zu liefern, die für die Unterbrechung russischer Nachschublinien eingesetzt werden könnten.

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Ukraine kann Putin nicht für Verbrechen belohnen

Ein Ausweg aus der Sackgasse ist nicht in Sicht. Mit der Annexion der ukrainischen Regionen Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja im Herbst des vergangenen Jahres hat der russische Präsident Wladimir Putin die Tür zu zielführenden Verhandlungen verbarrikadiert. Er kann für einen Waffenstillstand oder gar einen Friedensschluss nicht auf Territorium verzichten, das er seiner Bevölkerung als russisches verkauft – zumindest nicht vor der Präsidentschaftswahl im März.

Kiew wiederum kann nach all dem Leid und den vielen Toten nicht ein Fünftel des Landes preisgeben. Das hieße, Putin für seine Verbrechen zu belohnen. Der Krieg wird weitergehen. Das Mindeste, was der Westen tun muss, ist, die Ukraine dabei zu unterstützen, sich weiter verteidigen zu können.

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