Gips-Diskussion Südharz

Experten warnen: Gipsabbau gefährdet den Wasserhaushalt

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Gipsabbau im Südharz.

Gipsabbau im Südharz.

Foto: Mike Kess

Osterode.  Umweltnetzwerk Grüne Liga fordert Ausstieg bis 2045. Gipsabbau könne nicht naturverträglich genannt werden, denn einzigartige Biotope würden zerstört.

Bei einer Online-Tagung des Umweltnetzwerkes GRÜNE LIGA zur Umweltverträglichkeit des Gipsabbaus in Deutschland am Freitag waren sich die teilnehmenden Experten einig, dass durch die Rohstoffförderung die Natur – besonders im seltenen Gipskarst – unwiederbringlich zerstört wird. „Der Abbau von Gips kann nicht als naturverträglich bezeichnet werden, der Aufschluss zusätzlicher Abbaugebiete lässt sich nicht mehr vertreten“, fasst der Bundesvorsitzende der GRÜNE LIGA, René Schuster die Diskussion zusammen.

Die Tagung fand im Rahmen des Projektes „Abbau von Naturgips in Deutschland“ statt, welches durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert wird. Die Mittelbereitstellung erfolgt auf Beschluss des Deutschen Bundestages.

In einem vor wenigen Tagen erschienenen Positionspapier haben sich mehrere Verbände für eine Beendigung des Gipsabbaus in Deutschland bis 2045 ausgesprochen (wir berichteten). Unterstützung bekamen die Kritiker eines ungebremsten, industriellen Gipsabbaus in Deutschland aus den USA. Der Exekutivdirektor des US National Cave and Karst Research Institute und Präsident der internationalen Union für Speläologie (Höhlenforschung), George Veni aus Carlsbad (New Mexiko) erklärte, Deutschlands Gipskarst sei von der UNESCO als Globaler Geopark anerkannt und verfügt über das weltweit einzige Gipskarst-Biosphärenreservat.

US-Forscher: „Synthetischer Gips ist jetzt einfach und günstig zu erhalten“

Für den US-Forscher ist ein Abbau in sensiblen Gebieten nicht mehr nötig: „Synthetischer Gips ist jetzt einfach und günstig zu erhalten. Phosphorgips ist zum Beispiel ein reichlich vorhandenes Abfallprodukt, das von vielen Ländern für den Bau, Straßenbau, Düngemittel und Deponien verwendet wird“, sagte Veni in einer Grußbotschaft.

Bärbel Vogel vom Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. bekräftigte: Wenn einmal mit Gipsabbau begonnen werde, seien die Gebiete nicht mehr renaturierbar. Höhlen kann man nicht wieder herstellen, sagte die Vorsitzende des deutschen Höhlenforscherverbandes. Derzeit sind etwa 170 Höhlen im Südharz bekannt, die wertvolle Lebensräume darstellen. Vogel sprach sich für einen besonderen Schutz des Gipskarstes aus. Aufgrund seiner Einzigartigkeit sei der Südharz fähig, auch ein UNESCO-Welterbe zu werden.

Gipsabbau neben Flora-Fauna-Habitaten vernichte einzigartige Biotope

Dr. Olaf von Drachenfels vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) verdeutlichte die Bedeutung der Gipskarstlandschaften des Südharzes für das europäische Netz Natura 2000 und kritisierte, dass der Gipsabbau in direkter Nähe zu FFH-(Flora-Fauna-Habitat) Gebieten weiterhin einzigartige Biotope zerstört. Von Drachenfels sprach sich für die Schaffung von Pufferzonen zu Schutzgebieten aus. Grundsätzlich sei für den Biotop-Experten aus Niedersachsen ein obertätiger Gipsabbau nicht mehr „zeitgemäß“. Alte Schlucht- oder Buchenwälder auf natürlichen Gipskarststandorten seien nicht wieder herstellbar, erläuterte von Drachenfels.

Zwar seien Abbau-Unternehmen rechtlich dazu verpflichtet Ersatzmaßnahmen zu leisten und Kompensationen vorzunehmen, aber es sei „eine ganz andere Natur“, die dann entstehe, erklärte die Umwelt -und Bergrechtsanwältin Ursula Philipp-Gerlach von der renommierten Kanzlei Philipp-Gerlach & Teßmer aus Frankfurt/Main. Das Problem beim Gipsabbau sei, das besonders schützenswerte Biotope unwiederbringlich verloren gehen. Das Berg- und sonstige Fachrecht sei so angelegt, dass man den Naturschutz zwar beachten müsse, aber im Rahmen von Ausnahmen von Verboten der Abbau auch dieser besonders schützenswerten Biotope möglich ist, erläuterte Philipp-Gerlach die aktuelle Rechtslage.

Gigantische Flächen für hundert Jahre Gipsabbau festgelegt

Doch nicht nur im Südharz gibt es Probleme bei Gipsabbau. Scharfe Kritik kam auch aus Bayern. Besonders in Franken wollen Förderunternehmen weiter massiv Gips abbauen. So wurden im Regionalplan Westmittelfranken bereits gigantische Flächen festgelegt, die weit über hundert Jahre Gipsabbau ermöglichen würden berichtete Tom Konopka, Regionalreferent für Mittel-und Oberfranken beim BUND Naturschutz in Bayern. Der Plan enthält 41 Vorranggebiete mit 1.890 ha und 41 Vorbehaltsgebiete mit 2.945 ha fest. Und das, obwohl Gipsabbau die Trockenheit in der Region weiter verschärft. So versiegte im Jahr 2019 die Quelle der Aisch durch den benachbarten Abbau von Gips. Nur mit Unterstützungsmaßnahmen konnte der Schaden vorerst behoben werden, sagte Konopka.

Man müsse nicht nur an der Bereitstellung von Gips als Primärrohstoff arbeiten, grundsätzlich brauche es eine Bauwende in Deutschland. Das ist für Dr. Hermine Hitzler von Architects4Future ein „ganz großer Hebel“. Für einen zukunftsfähigen Umgang mit Ressourcen müsse die Kreislaufwirtschaft gestärkt werden und mehr auf Recycling gesetzt werden, forderte Hitzler. Eine Bauwende muss dabei klimagerecht, ökologisch und sozial nachhaltig sein. Die Energieeffizienzberaterin lieferte Beispiele für erste Änderungen zu mehr Nachhaltigkeit im Baubereich: Die Wirtschaft mache sich auf den Weg, so Hitzler. Aktuell landet der Großteil der hergestellten Gipsprodukte aber noch als Abfall auf Deponien, anstatt durch kontrollierten Rückbau der Wiederverwertung zugeführt zu werden.

Weitere Informationen zu den Protesten gegen den Gipsabbau und die Verbändeposition zum Abbau von Naturgips in Deutschland im Internet auf der Seite https://www.grueneliga.de

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