„Pläne zum Gipsabbau bedrohen einzigartige Naturlandschaft“

Osterode.  Mit den geplanten Änderungen des niedersächsischen Landes-Raumordnungsprogramms sollen weitere Teile dieses wertvollen Lebensraums dem Gipsabbau preisgegeben werden, warnt der BUND.

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Gipsabbau im Südharz.

Gipsabbau im Südharz.

Foto: Stephan Roehl / HK

Die Südharzer Gipskarstlandschaft ist das bedeutendste Gipskarstgebiet Europas und ein Hotspot der biologischen Vielfalt in Deutschland. Mit den geplanten Änderungen des niedersächsischen Landes-Raumordnungsprogramms (LROP) sollen nun jedoch weitere Teile dieser Landschaft dem Gipsabbau preisgegeben werden. Der BUND Niedersachsen fordert die Landesregierung auf, die geplante Ausweisung weiterer Abbaugebiete im Südharz zu stoppen. „Das Land öffnet mit seinen Plänen Tür und Tor für die Zerstörung einer einzigartigen Landschaft und wertvollster Lebensräume, die über Jahrzehntausende gewachsen sind“, sagt BUND-Landesgeschäftsführerin Susanne Gerstner. „Die Landesregierung kündigt damit den vor Jahren vereinbarten „Gipsfrieden“ auf.“

Laut LROP sollen im niedersächsischen Südharz rund 40 Hektar zusätzliche Flächen zu Vorranggebieten erklärt sowie weitere Flächen umgewidmet werden, um auch hier einen Gipsabbau zu ermöglichen. Die Flächen für den Abbau von Naturgips sollen bis unmittelbar an die Grenzen von besonders geschützten Gebieten erweitert werden. Der vor Jahren vereinbarte „Gipsfrieden“ war bereits ein schmerzlicher Kompromiss, dem der BUND nur unter der Voraussetzung zugestimmt hatte, dass keine weiteren Gebiete im Harz der Gipsindustrie zum Opfer fallen. Genau dies soll nun aber geschehen.

Aufgrund der Vielfalt an unterschiedlichen Lebensräumen ist der Harzer Gipskarst ein wichtiges Refugium vieler bedrohter Pflanzen- und Tierarten. Diese Lebensräume werden mit dem fortschreitenden Naturgipsabbau unwiederbringlich zerstört. Im Südharz sind bereits heute über 570 Hektar Fläche vom Gesteinsabbau betroffen, mehrheitlich durch Gipsabbau. Von der Gipsindustrie nachträglich renaturierte Flächen sind laut BUND kein Ersatz für eine unversehrte Karstlandschaft.

„Ein weiterer Gipsabbau ist umso unverständlicher, weil es bereits zahlreiche naturgipsfreie Alternativen gibt“, betont BUND-Gipskarstexperte Friedhart Knolle. So zeigt ein vom BUND in Auftrag gegebenes Gutachten, dass bis 2045 ein Ausstieg aus der Naturgipsverwendung möglich ist, weil trotz des beschlossenen Kohle-Ausstiegs und den damit sinkenden Mengen an REA-Gipsen ausreichend Alternativen zur Verfügung stehen. „Der Abbau von Naturgips ist für die Unternehmen jedoch günstiger als der Umstieg auf Alternativen, weil die Zerstörung der Natur kaum einen Preis hat“, so Knolle weiter.

Deshalb appelliert der BUND, dass das Land von der Gipsindustrie Alternativen zum Naturgipsabbau fordern, diese fördern und auch in Niedersachsen endlich Strukturen zum Gipsrecycling und -ersatz aufbauen muss. Nur so kann ein Strukturwandel in der Rohstoffindustrie eingeleitet werden. „Anstatt die Zerstörung der Gipskarstlandschaft im Südharz voranzutreiben, muss die Landesregierung Verantwortung für ihren Schutz zu übernehmen. Niedersachsen sollte sich für die Einrichtung eines länderübergreifenden Biosphärenreservats im Südharz einsetzen, um dieses einzigartige Naturerbe zu sichern“, sagt Susanne Gerstner.

Während Sachsen-Anhalt und Thüringen hier bereits aktiv sind, lasse Niedersachsen ein solches Engagement noch vermissen. Mit dem fortschreitenden Naturgipsabbau schwindet auch die wirtschaftliche Grundlage der Abbauunternehmen. Der BUND fordert daher die Politik auf, rechtzeitig einen Strukturwandel im Südharz einzuleiten. Dabei sollte auf eine nachhaltige, die natürlichen Ressourcen schonende Entwicklung der Region gesetzt und ein naturverträglicher Tourismus gefördert werden.

Im Fokus der Gipsindustrie

Die Gipskarstlandschaft im Südharz erstreckt sich 100 Kilometer weit als schmaler Gürtel über Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Orchideenreiche Wälder und feuchte Schluchten wechseln sich mit Karstquellen, seltenen Felsfluren, Trockenrasen, Streuobstwiesen und Höhlenbiotopen ab. Die ökologisch wertvollsten Bereiche dieser Landschaft liegen gleichzeitig im Fokus der Gipsindustrie. Von der geplanten Erweiterung wären beispielsweise die Naturschutzgebiete „Gipskarstlandschaft bei Ührde“ und „Gipskarstlandschaft Hainholz“ bei Osterode betroffen. Mit rund 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr wird mehr als die Hälfte des Naturgipsaufkommens in Deutschland im Südharz gewonnen. Rund 40 Prozent des Naturgipses geht in billigste Gipskarton- und Gipsfaserplatten. Diese können auch mit Gips aus Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA-Gips) und Kunstgips aus der chemischen Industrie hergestellt werden.

Viele Spezialgipse, die in der Bau- und Pharmaindustrie sowie für Lebens- und Futtermittel eingesetzt werden, können durch die Zitronen- und Milchsäuregipse und durch REA-Gipse ersetzt werden. Zudem können Platten und viele Spezialgipse recycelt werden. In anderen Bundesländern gibt es bereits Werke zum Gipsrecycling. mb

Mehr Informationen: BUND Online-Aktion „Harzer Gipskarst retten“: www.bund-niedersachsen.de/harzer-gipskarst-retten. Mit diesem Online-Appell können Bürger die niedersächsische Landesregierung auffordern, ihre aktuellen Pläne zum Gipsabbau in Niedersachsen zu stoppen.

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