Corona-Fälle: Schulen und Kitas sollen bei Nachverfolgung helfen

Göttingen.  Göttinger Gesundheitsamt kündigt neue Strategie an, um Infektionsketten rasch zu unterbrechen.

Petra Broistedt, Leiterin des Stabs für außergewöhnliche Ereignisse mit Dr. Angelika Puls und Dr. Eckart Mayr vom Gesundheitsamt Göttingen (von links) bei der Pressekonferenz.

Petra Broistedt, Leiterin des Stabs für außergewöhnliche Ereignisse mit Dr. Angelika Puls und Dr. Eckart Mayr vom Gesundheitsamt Göttingen (von links) bei der Pressekonferenz.

Foto: Martin Baumgartner / HK

Das Gesundheitsamt schafft es angesichts steigender Infektionszahlen derzeit kaum noch, die Kontaktpersonen von positiv auf das Corona-Virus getesteten Menschen umgehend ausfindig zu machen und zu informieren. Darum erachtet es die Behörde für notwendig, die Strategie der Kontaktnachverfolgung bei betroffenen Kitas und Schulen zu ändern, um für personelle Entlastung zu sorgen und das Verfahren zu beschleunigen. Darüber informierte Petra Broistedt, Leiterin des Stabs für außergewöhnliche Ereignisse und als Dezernentin der Stadt Göttingen für das Gesundheitsamt zuständig, zusammen mit Dr. Angelika Puls und Dr. Eckart Mayr vom Göttinger Gesundheitsamt in einer Pressekonferenz am Mittwochmittag. Die Schulen und Kitas wurden ebenfalls am Mittwoch informiert.

Die neue Strategie sieht vor, die Einrichtungen um Unterstützung bei der Kontaktnachverfolgung zu bitten: Konkret sollen Schulen und Kitas im Falle einer Infektion bei einem Kind oder Mitarbeiter dem Gesundheitsamt Listen mit Kontaktpersonen zur Verfügung stellen. Außerdem sollen sie die Informationsschreiben des Gesundheitsamts an die Kontaktpersonen ersten Grades schicken, damit diese über die Situation informiert werden. Diese Verfahrensweise werde bereits in Braunschweig erfolgreich angewandt, berichtete Broistedt. Sie stellte aber klar, dass es sich um eine freiwillige Hilfsleistung der Schulen und Kitas zur Eindämmung der Seuche handele. „Die Schulen haben einen besseren Überblick und können jetzt schon hilfreiche Hinweise zu Kontaktpersonen ersten Grades geben“, sagte sie. „Das wollen wir intensivieren.“

Das Gesundheitsamt müsste dann zukünftig nicht mehr jede Kontaktperson eines infizierten Schülers selbst anrufen. Das gleiche gelte für die Kindergärten. Dr. Puls betonte, dass bislang ein hoher Personal- und Zeitaufwand nötig sei, bis Listen mit Kontaktpersonen zusammengetragen und alle angerufen wurden – pro Anruf rund 30 Minuten bei oftmals 100 Kontaktpersonen. Bei der neuen Strategie würde das Amt nur noch die positiv getestete Person und die Einrichtung kontaktieren und die Situation besprechen. Von der Schule könnte die Behörde dann schnell eine fertige Namensliste erhalten, die Schule würde außerdem die schriftliche Information der Kontaktpersonen übernehmen, gleiches gilt für die Kitas.

Warum dieser Strategiewechsel dringend erforderlich ist, machte Broistedt mit einer Schilderung der aktuellen Lage des Pandemiegeschehens in Stadt und Landkreis Göttingen deutlich. Man stehe derzeit vor mehreren großen Herausforderungen gleichzeitig: Ein hohes Fallaufkommen bei gleichzeitigen Engpässen, was die Testkapazitäten angeht, sowie einer drohenden Überforderung des Gesundheitsamtes bei der raschen Nachverfolgung von Kontakten. Denn dabei komme es besonders auf Schnelligkeit an, um die Infektionsketten zu unterbrechen.

Während es im Frühjahr und Sommer überwiegend lokal begrenzte Corona-Ausbrüche gab, etwa in Pflegeheimen oder Wohnkomplexen , sodass die Ausbreitung mit konzentrierten Maßnahmen eingedämmt werden konnte, sei man nun mit einer „breiten Streuung“ der Fälle im gesamten Kreisgebiet konfrontiert. Seit den Herbstferien seien 800 neue Fälle hinzugekommen. Aktuell sind fünf Heime , fünf Kitas , 13 Schulen und eine Glaubensgemeinschaft betroffen – daneben aber auch sehr viele Einzelpersonen.

Das Gesundheitsamt schaffe es derzeit, 30 Infizierte pro Tag zu kontaktieren, „von gestern auf heute waren wir bei 34 neuen Fällen“, so Broistedt. „Wir erreichen nicht mehr alle Kontaktpersonen ersten Grades zeitnah. Und das darf nicht sein“, räumte die Dezernentin ein. „Deshalb brauchen wir eine neue Strategie. Ziel ist es, die Infektionsketten zu unterbrechen. Dafür müssen wir schnell unterwegs sein.“ Können nicht alle Betroffenen umgehend informiert werden, kann sich das Virus unbemerkt ausbreiten. „Die Kollegen sind an der Belastungsgrenze“, sagte sie. Man werde bereits von Studierenden unterstützt und greife auch auf Personal anderer Behörden des Landes, des Bundes und des Robert-Koch-Instituts zurück. „Aber das Nadelöhr ist beim qualifizierten Personal des Gesundheitsamtes mit medizinischen Kenntnissen und Erfahrung.“

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Zur neuen Strategie gehört auch, künftig in der Regel auf Reihentests an Schulen zu verzichten, wobei Broistedt die Formulierung „in der Regel“ hervorhob. Bei den insgesamt 800 Tests an der von einem Infektionsfall betroffenen Schule wurden keine weitere Infektionen festgestellt, erläuterte sie. „Das Virus ist nicht gestreut, wenn ein einzelnes Kind infiziert war. Das ist eine gute Nachricht: Die Hygienekonzepte funktionieren.“ Weil aber die Testlabore auch an ihre Kapazitätsgrenzen kommen, müsse man sich Gedanken über eine Priorisierung machen. Darum soll auf generelle Reihentests an Schulen verzichtet werden. Kontaktpersonen ersten Grades hätten aber nach wie vor die Möglichkeit, sich testen zu lassen.

Broistedt betonte, die Behörden seien auf die freiwillige Mitarbeit der Bevölkerung und vor allem auch auf die Eigenverantwortung von Betroffenen angewiesen: Niemand sei gezwungen, auf eine behördliche Anweisung zu warten, um sich in Quarantäne zu begeben, sagte sie.

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