Zu viele Hirntumor-Tote in Petershütte

Osterode  Innerhalb von acht Jahren starben vier Menschen an einem Glioblastom. Normal wäre kein oder ein Fall.

Die Sorgen der Einwohner sind mehr als berechtigt, dass Hinterlassenschaften der Rüstungsindustrie in Lasfelde auch heute noch negativ nachwirken. Diskutiert wurde das Thema schon in den 80er Jahren, als die Förderung zunächst aus der Förster Heilquelle bei Bad Grund und dann aus dem Tiefenbrunnen im Wellbachtal von den damaligen Westharzer Kraftwerken (WKO) eingestellt werden musste.

Die Schadstoffbelastung durch Rückstände aus der Sprengstoffherstellung, aromatische Armine als krebserregendes Zerfallsprodukt des Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT) im ehemaligen Werk Tanne, die über Kaskaden in die Bremke und dann in die Söse abgeleitet und teilweise in sogenannten Schluckbrunnen (Versickerungsbrunnen) aufgefangen wurden, war zu hoch. Die Giftlöcher gibt es noch heute, saniert wurde nie.

Zufälliges Zustandekommen

Der Fachbereich Gesundheitsamt für die Stadt und Landkreis Osterode ist aktuellen Hinweisen aus der Bevölkerung auf eine ungewöhnliche Häufung von bestimmten Krebsfällen in Petershütte nachgegangen und informierte am Montag im Osteroder Kreishaus über die Ergebnisse und das weitere Vorgehen. Untersucht wurden Todesfälle aufgrund sogenannter Glioblastome (bösartiger hirneigener Tumor).

„Die aktuell vorliegenden Informationen liefern bisher keine Hinweise auf eine gemeinsame Ursache der Erkrankungen, ein Zusammenhang sei nicht zwingend“, sagte Pressesprecher Ulrich Lottmann, und auch die Erste Kreisrätin Christel Wemheuer sieht keinen monokausalen Zusammenhang. Zuvor hatte Dr. Eckard Mayr vom Landkreis Göttingen, Fachbereich Gesundheitsamt, auf die umfangreichen Untersuchungen im Vorfeld hingewiesen.

Vier Hirntumor-Tote

Insgesamt 17 000 Todesbescheinigungen in den Ortschaften Petershütte, Lasfelde und Katzenstein hatte man untersucht und einen Zeitraum von 1992 und bis 2016 abgedeckt. In Petershütte lag während eines Zeitraums von acht Jahren bei vier Verstorbenen ein Glioblastom vor. Aber: In einem Ortsteil dieser Größe wäre in der Zeit normalerweise kein oder nur ein Fall zu erwarten.

Umweltepidemiologe Michael Hoopmann vom Niedersächsischen Gesundheitsamt, der ebenfalls referierte, sieht darin allerdings keinen Grund zur Beunruhigung und vermutet ein zufälliges Zustandekommen der höheren Zahlen.

Verbindungen zum Werk Tanne?

Auf Nachfrage zu Verbindungen zu den Abwässern des Werks Tanne äußerte sich dann doch noch Martin Gries, Techniker der Bodenschutzbehörde, zu den Rüstungsaltlasten und ihrer Verbreitung bis nach Osterode, Lasfelde und Petershütte in die Söse. Über drei Millionen Kubikmeter hochgradig verseuchter Abwasser wurden vom Werk Tanne aus zwischen Osterode und Lasfelde in der Karstformation verklappt. Zumindest der Verlauf der Bremke, in die die hochgiftigen Stoffe abgeleitet wurden, sei, so hätten es Untersuchungen ergeben, nicht mehr belastet. Mit Geld, das die rechtsidentische Nachfolgerin des früheren Besitzers des Werks, die spätere Industrie-Verwaltungsgesellschaft-Holding-Aktiengesellschaft (IVG Holding AG) für die Beseitigung der Rüstungsaltlasten hinterlassen hat, sollen jetzt die Kaskaden, die unterirdischen Ableitungen und ihr Umfeld sowie die Schluckbrunnen untersucht werden. Ermitteln will man auch, wie tief und wie weit sich die Giftstoffe verbreitet haben. „Das wird eine Generationenaufgabe“, prophezeite Gries.

Um Hinweise auf mögliche Gemeinsamkeiten für Erkrankungen zu erhalten, bereitet das Gesundheitsamt jetzt eine Befragung der Angehörigen von Verstorbenen vor. Dabei werden auch Umweltfaktoren als mögliche Erklärungsansätze berücksichtigt.

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