Forstleute leisten Erste Hilfe für junge Schwarzstörche

Riefensbeek.  In einer Brutstätte nahe Herzberg sind zwei Jungtiere verendet, zwei weitere werden jetzt in Leiferde wieder aufgepäppelt.

Die beiden völlig entkräfteten Jungvögel erhielten eine Erste-Hilfe-Versorgung und wurden mit einer zuckerhaltigen Infusionslösung für den Transport nach Leiferde gestärkt.

Die beiden völlig entkräfteten Jungvögel erhielten eine Erste-Hilfe-Versorgung und wurden mit einer zuckerhaltigen Infusionslösung für den Transport nach Leiferde gestärkt.

Foto: Joachim Neumann / Nabu-Artenschutzzentrum

Forstleute der Landesforsten und ein Artenschützer aus Leiferde retteten am vergangenen Mittwoch zwei jungen Schwarzstörchen im Südharz das Leben. Ein Revierförster hatte auf dem Nest nur noch zwei statt der ursprünglich vier Jungvögel entdeckt und seinen Kollegen Johannes Thiery informiert. Der Naturschutz-Förster kontrolliert als Schwarzstorch-Betreuer der Niedersächsischen Landesforsten die Verbreitung der streng geschützten Vogelart in Südniedersachsen.

Vor Ort sah Thiery im Spektiv zwei verendete Jungvögel im Horst neben zwei Lebenden. Zur Rettung der noch lebenden Geschwister kletterte ein Schwarzstorch-Experte vom Nabu-Artenschutzzentrum mit Hilfe von Seiltechnik in den Baum. Die beiden völlig entkräfteten Jungvögel erhielten eine Erste- Hilfe-Versorgung und wurden mit einer zuckerhaltigen Infusionslösung für den Transport nach Leiferde gestärkt.

„Die weitere Pflege und Nachsorge bis zur Auswilderung übernimmt jetzt der Nabu. Bei ihrem Ersthelfer und Baumretter Joachim Neumann sind die Störche in guten Händen“, ist Förster Thiery überzeugt.

Kunsthorste in Laubbäumen und erster Naturhorst auf Fichte

Warum die Jungstörche verhungerten, können die beiden Fachleute nur vermuten. „Wahrscheinlich ist mindestens einer der Altvögel gestorben und der verbliebene konnte die vier Jungen nicht mehr allein versorgen“, so Thierys Einschätzung. Ähnliches sei auch bei Weißstörchen bekannt.

Thiery kennt die Brutstätte nahe Herzberg seit Ende der 1990er Jahre. Der alte, traditionelle Naturhorst in einer mächtigen Buche war beim Sturm abgebrochen. Das Forstamt Riefensbeek hatte 2018 einen neuen Kunsthorst als Ersatz in der Buche anbringen lassen. Mehrere Bruten waren erfolgreich von der aus Menschenhand geschaffenen Nisthilfe ausgeflogen.

Viele Kunsthorste in Südniedersachsen

Auch andere Kunsthorste im Bergland Südniedersachsens werden regelmäßig bezogen. „Eine besondere Freude macht mir ein Paar im Oberharz. Dort brütet bereits im dritten Jahr nacheinander ein Schwarzstorch-Paar im bewirtschafteten Nadelwald auf einem Fichten-Naturhorst. Eine Fichte als Horstbaum ist in Niedersachsen bislang einzigartig“, freut sich Schwarzstorch-Betreuer Johannes Thiery.

Seit Jahren nehmen die Niedersächsischen Landesforsten die streng geschützten Schwarzstörche in ihren Wäldern unter besondere Obhut. Mit Ausweisung des langfristigen ökologischen Waldentwicklungsprogramms (kurz „Löwe“) hat sich der Bestand an Brutvorkommen seit Anfang der 1990er Jahre deutlich erhöht.

Mit Kameras beobachten

In einem aktuellen Monitoring-Projekt beobachten die Landesforsten gemeinsam mit der Staatlichen Vogelschutzwarte zehn Horstbäume mit Kameras. Auf ihrer Homepage informieren sie darüber und zeigen aktuelle Fotos unter www.landesforsten.de/nlf-spezial/schwarzstoerche-2/. Zum Projekt Schwarzstorchhorst-Beobachtung heißt es dort: „Die Niedersächsischen Landesforsten arbeiten gemeinsam mit der Staatlichen Vogelschutzwarte an einem Projekt bei dem wir Schwarzstorchhorste beobachten. Für das Projekt haben wir zehn Horste mit Brutabbrüchen in den Vorjahren ausgewählt.“

Hier werden die Bruterfolge in diesem Jahr über Wildtierkameras beobachtet, um die Gründe für Brutabbrüche zu klären. So soll der Schutz der stark gefährdeten Vogelart in Niedersachsen in den nächsten Jahren verbessert werden.

Schwarzstörche waren fast komplett verschwunden

Nachdem es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Niedersachsen fast keine Schwarzstörche mehr gab, haben sich die Brutbestände seit den 1970er Jahren kontinuierlich erholt. Hierzu haben strenge Horstschutzmaßnahmen, der Bau von Kunsthorsten und die Renaturierung von Nahrungsbiotopen sowie eine generelle Verbreitungstendenz aus dem Osten beigetragen.

Die Wiederbesiedlung begann im niedersächsischen Flachland und bereitete sich bis ins Bergland aus. Von 15 Brutpaaren im Jahr 1971 wuchs der Bestand auf 50 Brutpaare 2008 an. Diese Entwicklung stagniere jedoch und die Brutzahlen für Niedersachsen seien sogar leicht rückläufig. Die Rückgänge sind vornehmlich im Flachland zu verzeichnen, heißt es vonseiten der Verantwortlichen. So verschiebe sich die westliche Ausbreitungsgrenze nach Osten. In einigen Gegenden wie dem Elbe-Weser-Dreieck gebe es nur wenige besetzte Horste.

Erstaunliche Ergebnisse

Die Gründe für die Brutabbrüche sind nicht abschließend bekannt. Witterungsextreme und die Zunahme und Ausbreitung von Prädatoren wie Uhu, Seeadler und Waschbär wirkten sich vermutlich negativ auf den Bruterfolg aus. „Erste Versuche mit dem Anbringen von Wildkameras ergaben erstaunliche Erkenntnisse. So konnte 2016 in der Südheide die Prädation durch einen jungen Seeadler nachgewiesen werden“, heißt es weiter. In Schleswig-Holstein wurde 2019 die Prädation durch mehrere Kolkraben dokumentiert. Möglicherweise spielen auch innerartliche Auseinandersetzungen eine Rolle.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder