Panzerfäuste im Juessee, Glassplitter im Knie

Herzberg.  Dieter Utermöhlen, damals elf Jahre alt, schildert seine Erinnerung an das Kriegsende 1945 in Herzberg.

Kindheitserinnerung von Dieter Utermöhlen (Mitte): Eine Bootsfahrt auf dem Juessee mit dem älteren Bruder Rudi (rechts) und Gast Willi aus Frankfurt.

Kindheitserinnerung von Dieter Utermöhlen (Mitte): Eine Bootsfahrt auf dem Juessee mit dem älteren Bruder Rudi (rechts) und Gast Willi aus Frankfurt.

Foto: Privat / HK

Der Juessee ist schon seit Generationen ein Badeparadies und Abenteuerspielplatz für die Herzberger Kinder. „Hier haben wir unsere ganze Kindheit verbracht, Winter wie Sommer“, erzählt Künstler Dieter Utermöhlen, Jahrgang 1934. „Wir haben uns gegenseitig das Schwimmen beigebracht und das Schlittschuhlaufen. Hier sind wir nach der Schule gleich ohne Badehose ins Wasser gegangen. Und wenn dann Mädchen aus unserer Klasse uns nachkamen, konnten wir nicht aus dem Wasser kommen, weil wir nackend waren“, berichtet er schmunzelnd. Um den Eintritt in die Badeanstalt zu sparen, 20 Pfennig, schwammen die Jungs von der anderer Seite hinüber, legten sich zum Sonnen auf den Brettersteg, wärmten sich auf – und schwammen wieder zurück.

Heute, 75 Jahre später kommen die Erinnerungen wieder hoch – an einen seltsamen Frühling und Sommer, an seltsame Funde im See: „Nach dem Ablass des Wassers fanden wir Kinder den Nachlass des Dritten Reichs. Die meiste Munition fanden wir am Ablass zum Mühlengraben, bei Bremers Möhre oder Ziegenböttcher. Am Kleinen Juessee Panzerfäuste und Panzerschreck. Ich habe selbst damals welche gefunden und wieder in das tiefere Wasser geschmissen. Ich fand dort auch eine Walter 08 der Wehrmacht, die schon angerostet war“, erinnert Utermöhlen sich. Der Juessee hatte sich 1945 in eine unheimliche Müllkippe verwandelt.

„Der Amerikaner kommt!“

„Der Amerikaner kommt! Wenn der Waffen bei Euch findet, dann geht es Euch dreckig“, gibt er die damals herrschende Stimmung in der Stadt wieder. Viele Herzberger hätten ihre auf Dachböden oder unter Matratzen versteckten Waffen hervorgeholt und in den See geschmissen: Luftgewehre, Munition, Bajonette, Panzerfäuste, aber auch Hitlerbilder, Parteiabzeichen, Koppel der Parteibonzen. „Alles landete im Juessee.“

Utermöhlen schildert, wie er als Elfjähriger in Herzberg die letzten Tage der Nazi-Herrschaft erlebt hat. „Wir wohnten damals zur Miete in der Junkernstraße 31, Ecke Fuchsberg bei Kaufmann Schröder. ‚Kolonial- und Eisenwaren‘ stand in großer Schrift über dem Geschäft. Schon lange, bevor der Ami tatsächlich kam, mussten wir bei Luftalarm immer in den Luftschutzraum. Das war ein Gewölbekeller aus Siebersteinen, das Haus aus Fachwerk und Lehm gebaut. Außen war mit weißer Farbe ein Pfeil der nach unten zeigte: Hier ist ein Luftschutzraum. Dieses Kellerfenster war so klein, und mit Eisenstangen vergittert, dass bei einem Bombentreffer niemand raus gekommen wäre. Bei uns war der Luftschutzwart, Paul Schröder, unser Hauswirt und ein strammer Nazi. Alle drei Schröders hießen mit Vornamen Paul. Meine kurze Wegstrecke zur Nicolai-Schule war insofern bei Luftalarm gut, dass ich nach Hause laufen konnte in unseren ,Luftschutzraum. Die anderen Schülerinnen und Schüler mussten in den Keller der Schule.“

Durch den vielen Unterrichtsausfall mussten die Jahrgänge 1934 und 1935 nach dem Krieg ein ganzes Jahr die Schule länger besuchen. Jeden Tag und jede Nacht heulten die Sirenen. „Noch heute , wenn ich Sirenen höre, muss ich daran denken.“ Kurz vor Ende des Krieges fielen in einer Nacht mehrere Bomben, an der Nicolai-Schule, vor der Nicolai-Kirche. „Eine Bombe direkt an meinem Schlafzimmer vorbei, zwischen unseren Nachbarn Sandkuhl, Otte und Schröder. Am anderen Morgen sahen wir einen Bombentrichter direkt vor dem Bauernhaus Dräger. Es stank nach Petroleum.“ Er habe Glück gehabt und sei mit dem Leben davongekommen. Mehr als einmal.

Einen weiteren Luftangriff erlebte er, als seine Mutter mit den Kindern nach Willershausen zu einer Tante fahren wollte, mit der Reichsbahn von Herzberg-Schloss nach Osterode. „Dort mussten wir umsteigen in die Kreisbahn Richtung Echte. Überall auf den Bahnhöfen stand in großen Buchstaben: ‚Räder müssen rollen für den Krieg. Unnötige Reisen verlängern den Sieg‘. Es war Abfahrtzeit und wir standen vor der Tür der Kreisbahn. Uns wurde aber nicht aufgemacht. Da ertönte ein gewaltiges Brummen am Himmel, er war bedeckt mit Bombern. Eine Frau aus Hannover sagte: ‚Die fliegen nach Berlin.‘ Plötzlich sahen wir am Himmel glänzende Punkte, da rief die Frau: ‚Die schmeißen Bomben ab. Lauft weg!‘ Wir standen wie erstarrt. Da krachte es auch schon. Durch den Explosionsdruck wurden wir samt der geschlossenen Bahnhofstür in das Gebäude geschleudert. Ich hatte einen Glassplitter unterhalb des rechten Knies. Kein Verbandszeug, kein Sanitäter, niemand kam uns zu Hilfe. Ich zog mir den Glassplitter selbst raus.“

Warteraum von Bombe getroffen

Der Bahnhof und die Gleise der Reichsbahn hatten Treffer abbekommen, auch der Warteraum war getroffen, schildert Utermöhlen das Ereignis. „Wir mussten nach Hause laufen. Wie wir nachher erfuhren, waren zwei Landser im Wartesaal des Bahnhofes getötet. Wir hatten Glück im Unglück: Hinter dem Bahnhofsgebäude der Kreisbahn war ein Splitterschutzgraben. Der Bahnbeamte musste uns bei Fliegeralarm eigentlich rein lassen. Aber weil er das nicht getan hat, blieben wir am Leben: Genau in das Gleis mit dem dahinter liegenden Splitterschutzgraben fiel eine Bombe! Im Nachhinein konnten wir dem Beamten dankbar sein, das hat uns das Leben gerettet. So mussten wir Kinder, ich links mit einem Taschentuch um das verletzte Knie gewickelt, und meine Schwester Hannelore rechts am Arm meiner Mutter, nach Herzberg laufen“; erzählt er. Unterwegs begegneten sie keinen Menschen, der sie mitnehmen konnte. „In Richtung Stadt Osterode hörten wir einen Notfallwagen. Ausgebrannte Wehrmachtfahrzeuge standen an der Landstraße.“

Vom Wohnzimmerfenster der Familie Utermöhlen, welches zur Junkernstraße ging, konnten sie das Pleissner,-Werk sehen, welches am Tage bombardiert wurde. „Die Jagdbomber stürzten sich immer wieder auf das Werk. Am zweiten Tag nach dem Angriff gingen Peter und Gerhard Hamann und ich zum Bahnhof Herzberg. Es ging ein Gerücht in Herzberg um, eine Spitfire wäre im Tiefflug unter die Eisenbahnbrücke Richtung Scharzfeld geflogen. Das hat der Pilot auch geschafft, aber auf der anderen Seite der Brücke stand ein eiserner Beleuchtungsmast des Güterbahnhofes. Davor lag die Spitfire.“

Eine weitere „Ausflug“ zum Bahnhof wagten die Freunde wenige Tage vorm Einmarsch der Amerikaner. „Wir hatten gehört, dass ein Kesselwagen getroffen war und Maschinenöl in einem Bombenloch ausgelaufen war. In einem geschlossenen Güterwagen würden noch Eimer mit Kathreiner gemischt mit richtigen Kaffeebohnen sein, hieß es. Nun, als wir ankamen, war der schon geplündert. Aber jeder von uns kratzte noch etwas zusammen und füllte eine leere Flasche mit dem Maschinenöl. Ein paarmal überflogen uns feindliche Jagdflieger, da haben wir uns Kinder fast in die Hose gemacht. Zehn Meter weiter stand noch noch eine Flugabwehrkanone auf einem offenen Güterwagen. Die Kanone konnte man mit einer Kurbel drehen, das haben wir auch ausprobiert. Überall lag Munition für das Geschütz herum. In einem Bombentrichter schillerte schwarz dass Maschinenöl. Mit einer mitgebrachten Bierflasche füllten wir unser ,Speiseöl‘ ab. Es gab ja kein richtiges Speiseöl.“ Dieter und seine Freunde waren nicht die Einzigen gewesen, die die Gelegenheit genutzt hatte: „Die nächsten Tage roch es in ganz Herzberg nach Puffer“, erinnert er sich.

Die Jungen hatte auch gefährliche Dummheiten im Sinn: „Am Güterbahnhof drehten wir die Geschosse ab und nahmen die langen Pulverstangen mit nach Haus. Am Juessee, hinter Bäckerei Nolte, steckten wir sie dann in die Erde, traten drauf und zündeten sie an. Sie schossen ab wie Raketen.“ Aus dem zweiten Teil Beute, den Kaffeebohnen, kochte Utermöhlens Mutter köstlichen Bohnenkaffee, den sie zusammen mit der Hauswirtin, Frau Schröder, trank. „Ihr Mann Paul durfte es nicht wissen – als strammer Nazi hätte er sogar meine Mutter denunziert.“

In den letzten Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner brach das zivile Leben in der Stadt zunehmend zusammen, Chaos machte sich breit, wie der heute 85-Jährige berichtet. Tage vorher schoss die Artillerie der US-Streitkräfte schon aus Richtung Northeim in den Harz hinüber. Manche Herzberger flohen mit Handwagen, bepackt mit Decken und Schlafzeug, in den vermeintlich sicheren Wald, berichtet er. Dort kamen die Geflüchteten dann aber in das Granatfeuer der Artillerie. „Die letzte Nacht, bevor der Ami kam, klopften zwei Landser bei uns an die Tür. Sie baten meine Mutter, ob sie ihnen Zivilkleidung geben könnte. Meine Mutter hat die beiden deutschen Soldaten mit Zivilsachen meines Vaters eingekleidet, ihnen zu essen, und sie sind dann in der Nacht weiter in den Harz geflohen. Wenn unser Hauswirt oder die anderen Kettenhunde sie erwischt hätten, wären sie gleich an die Wand gestellt worden“, erzählt er. „Meine Mutter war für mich Mutter Courage! Ein paar Monate später hat sie Post bekommen: Beide waren gut zu Hause angekommen.“

Erschießungskommando

Utermöhlens Vater entging selbst am Ende des Krieges knapp einem amerikanischen Erschießungskommando: „Er Vater war Eisenbahner in Frankreich und Holland und war auf der Flucht Richtung Heimat. Er erzählte uns später, in Kassel wollten ihn die Amerikaner an die Wand stellen, weil sie aufgrund seiner Uniform dachten, er wäre bei der Waffen-SS. Einige Fremdarbeiter haben ihnen dann aber erklärt, dass er ein Eisenbahner war.“

In der Nachbarschaft der Familie Utermöhlen in der Junkernstraße wohnte damals auch ein Gauleiter, das war der regionale Verantwortliche der Nazi-Partei. „Wenige Tage, nachdem die Amerikaner Herzberg besetzt hatten, fuhren sie diesen Gauleiter auf dem Kühler ihres Jeeps durch die Stadt wie eine Trophäe. Er war ein kleiner, dicker Mensch mit einem breiten braunen Gürtel um seinen dicken Bauch. Nachdem er wieder entlassen war, war er um die Hälfte seines Körpervolumens geschrumpft und starb nach zwei Jahren.“ Ab dem Jahr 1945 wollte plötzlich keiner mehr ein Nazi gewesen sein, sagt Utermöhlen.

An seine erste Begegnung mit einem US-Soldaten kann er sich noch heute ganz genau erinnern: „Wir saßen im Luftschutzkeller. Draußen Kettenrasseln, ein Höllenlärm – der Ami kommt! Dann kam ein Amerikaner im Kampfanzug mit Maschinenpistole im Anschlag die Kellertreppe zu uns herunter. Ich glaube, er hatte genauso viel Schiss wie wir Kinder und die Frauen.“ Das Wohnzimmer der Schröders wurde dann als Befehlszentrale beschlagnahmt. „Sie fuhren mit ihren Panzern gleich vor das Wohnzimmer und machte sich nicht die Mühe, durch die Tür zu gehen: Sie stiegen gleich durch das Fenster ein und aus.“ Dieter und die anderen Kinder erkundeten am nächsten Tag die Straße Richtung Nicolai-Schule. „Da sprang plötzlich ein schwarzer Soldat bei Bauer Strüver aus der Haustür und schrie wie Tarzan. Wir Kinder liefen zu Tode erschreckt nach Hause und er lachte sich ins Fäustchen. Wir hatten noch nie einen Schwarzen gesehen.“ Doch die Amerikaner brachten den Kindern nicht bloß Schrecken, sondern auch Köstlichkeiten: Kaugummi und Schokolade. Wochen später fing auch die Schule wieder an, für einen Teil der Kinder vormittags, für die anderen nachmittags. „Da begegnete ich meinem Klassenlehrer. Ich hob den Arm zum Hitlergruß, verkündete aber: ‚Halben Liter!. Er sagte entsetzt: ‚Junge, das darfst Du doch nicht mehr sagen!‘ Er hatte gar nicht verstanden, was ich gesagt hatte. Ich habe mich diebisch darüber gefreut.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder