Herzberger Familie soll 12 Euro für Toilettenpapier zahlen

Herzberg  Zwei Rentner erhielten eine Rechnung für Waren, die sie niemals bestellt haben wollen. Dahinter steckt ein Geschäft mit der Mildtätigkeit.

Die Blinden- und Behindertenhilfe GmbH stellt für die Taschentücher 3,40 Euro in Rechnung. Das Toilettenpapier schlägt mit 11,90 Euro zu Buche. Dazu kommen Versandkosten.

Die Blinden- und Behindertenhilfe GmbH stellt für die Taschentücher 3,40 Euro in Rechnung. Das Toilettenpapier schlägt mit 11,90 Euro zu Buche. Dazu kommen Versandkosten.

Foto: Privat

Das ist wohl das teuerste Toilettenpapier, das Familie Carl je bekommen hat. 11,90 Euro soll die Industrieware kosten. Dabei haben die beiden Rentner die Ware nie bestellt. Dahinter steckt ein Geschäft mit der Mildtätigkeit.

Am vergangenen Montag fand Roswitha Carl vor ihrer Haustür ein Paket. Es war an sie adressiert, aber wer es dort abgelegt hat, weiß sie nicht. Es fehlt die übliche Benachrichtigung eines Paketdienstes.

Der Inhalt war recht überschaubar. In dem Paket befanden sich handelsübliches Toilettenpapier und Papiertaschentücher. Dafür hat es die Rechnung in sich. Der Absender, die Blinden- und Behindertenhilfe GmbH (BBH), stellt für die Taschentücher 3,40 Euro in Rechnung. Das Toilettenpapier schlägt mit 11,90 Euro zu Buche. Zusammen werden 15,30 Euro in Rechnung gestellt für Waren, die im Einzelhandel keine 4 Euro kosten würden.

Weiterhin werden Verpackungs- und Versandkosten berechnet. In der Summe soll Roswitha Carl mehr als 25 Euro bezahlen, für Waren, die sie nie bestellt hat bei einer Firma, die sie nicht kennt.

Leitung ist tot

Schwiegertochter Beate Carl hat sich der Sache angenommen, doch Rückfragen liefen bisher ins Leere: „Die angegebene Rufnummer ist besetzt oder aber es kommt die Systemmeldung, dass die Nummer gar nicht vergeben ist.“

Nach den Aussagen auf ihrer Homepage fördert die Blinden- und Behindertenhilfe die Teilnahme am Arbeitsleben. Dabei verweist man auf eine Werkstatt in Betzdorf. Hier würden Besen und Bürsten hergestellt. In anderen Werkstätten, die nicht näher genannt werden, würden noch Webwaren hergestellt. Vor drei Jahren war die Werkstatt in Rheinland-Pfalz wegen überzogener Rechnungen in die Kritik geraten. Damals sollten Kunden 27,20 Euro für einfache Schuhbürsten bezahlen.

Auf der Homepage der BBH wird ausführlich über sogenannte Blindenware informiert. Dabei wird das entsprechende Gesetz (BliwaG) ausführlich zitiert. Dass das BliwaG im Rahmen des Abbaus der Bürokratie bereits 2007 aufgehoben wurde, ist nirgends zu lesen. Man macht auf der Website auch keinen Hehl daraus, dass die verschickte Ware nicht von Blinden oder Behinderten hergestellt wurde.

Bestellung liegt vor

Bei der BBH weist man die Vorwürfe von sich. Nach Auskunft von Geschäftsführer Deniz Kaya hat Frau Carl die Bestellung am 18. Dezember telefonisch aufgegeben und benennt einen Zeugen dafür. Die Schwierigkeiten bei der Kontaktaufnahme führt er auf die derzeitigen Umstrukturierungen bei der BBH zurück.

Er gibt zu, dass es sich bei den verschickten Produkten eben nicht um Blindenware im herkömmlichen Sinne handelt. Die Blinden- und Behinderten seien aber in der Logistik der BBH beschäftigt und am Packen der Pakete beteiligt. Somit trage das Unternehmen zur Integration in den Arbeitsmarkt bei. Er lädt zur Besichtigung des Unternehmens ein.

Dementsprechend seien die Preise nicht mit den handelsüblichen Preisen vergleichbar. Schließlich gelte es den sozialen Aspekt zu beachten, betont Kaya.

Bürsten nicht benötigt

Eine weitere Erklärung liefert die Dame der Hotline. Weil die Nachfrage nach Bürsten, Besen, Korbwaren und ähnlichen Artikeln gedeckt ist, sei man auf Hygieneartikel umgestiegen. Die Differenz zwischen den Preisen an der Supermarktkasse und der Rechnung der BBH müsse man als Spende betrachten. Erfahrungsgemäß seien 25 Euro auch der Betrag, den die meisten spenden würden.

Warum man dann eine Rechnung und keine Spendenbescheinigung bekommt, kann die Dame am Telefon nicht erklären. Als GmbH ist die BBH gar nicht berechtigt, solche Bescheinigungen auszustellen. Die Spenden würde man aber einmal jährlich an die Partner auszahlen. Laut Geschäftsbericht im Bundesanzeiger belief sich der Gewinn der BBH im Jahr 2017 auf 8.611,69 Euro.

Weitere Fälle aus Herzberg seien der Polizei noch nicht bekannt, versichert Jasmin Kaatz als Sprecherin der Polizeiinspektion Göttingen. Sie vermutet eine neue Betrugsmasche dahinter und rät allen Betroffenen, Anzeige zu erstatten. Der BBH-Geschäftsführer bietet den betroffenen Kunden an, die Waren zurückzusenden. Den Termin könne man telefonisch über die Hotline vereinbaren.

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