Reinhard Erös berichtet über Afghanistan

Herzberg  Der Vortrag, zu dem die Zukunftswerkstatt ins Martin-Luther-Haus eingeladen hatte, endete mit einem Eklat.

Eine afghanische Frau packt am Stadtrand von Kabul ihr Kind. Das vom Krieg zerrüttete Land steht vor den Herausforderungen von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlender Infrastruktur.

Eine afghanische Frau packt am Stadtrand von Kabul ihr Kind. Das vom Krieg zerrüttete Land steht vor den Herausforderungen von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlender Infrastruktur.

Foto: Rahmat Gul/AP/dpa

Mehr als 100 Interessierte aus dem gesamten Landkreis folgten der Einladung der Zukunftswerkstatt Herzberg e.V. in das Martin-Luther-Haus der Nicolai-Gemeinde, selbst der Initiator Wolfgang Drebing-Bachmann war über den Ansturm erstaunt. Eröffnend sprach er über die etwa 380 Flüchtlinge in Herzberg, die hier von 70 Ehrenamtlichen betreut werden.

Neben Sprachkursen verschiedener Levels leistet man ihnen bei der Zukunftswerkstatt Hilfe in administrativen Angelegenheiten, es gibt eine erfolgreiche Fahrradwerkstatt, sowie eine Gartengruppe und die Nähwerkstatt.

Unter den Zuhörern waren engagierte Ehrenamtliche, interessierte Bürger und auch einige afghanische Flüchtlinge, die die Lokalität durch die zweimal wöchentlich von der Tafel dort angebotenen Lebensmittelausgabe kennen.

Gründer der Kinderhilfe Afghanistan

Der Hauptredner, Dr. med. Reinhard Erös, Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, berichtete aus seiner 30-jährigen Erfahrung als Militärarzt, Vermittler und Schulgründer in Afghanistan. Die in der Flüchtlingshilfe Aktiven wünschten sich, von ihm Hintergründe zu erfahren, um die verwirrende Handhabe der Behörden bei den Bleiberechten besser verstehen zu können. Manche der hier gelandeten Flüchtlinge seien aus Angst vor Abschiebung bereits weiter nach Frankreich geflohen.

Ausführlich erzählte Dr. Erös aus seinem Leben: 20 Jahre war er als Arzt in verschiedenen Krisengebieten der Erde tätig. Seine Arbeit wird von seiner Frau und seinen fünf Kindern unterstützt, von denen drei hauptberuflich mit Geflohenen zu tun haben.

Zur Untermalung zeigte der Mediziner zunächst einen Bericht des ARD-Weltspiegels über seine Arbeit in Afghanistan. Für seine Erfolge seien Kultur- und Sprachkompetenz die wichtigste Voraussetzung, da ohne die Akzeptanz der örtlichen Autoritäten nichts möglich sei. Im Osten des Landes an der Grenze zu Pakistan benötigen alle Projekte die Zustimmung der Stammesführer (aus der ethnischen Gruppe der Paschtunen), damit nicht die Schulen zerstört und die Lehrer bedroht werden.

Er ließ durchweg seine Bewunderung der 4 000 Jahre alten Kultur am Hindukusch erkennen, als er den Zuhörern topographische, historische, religiöse und politische Strukturen näher brachte. Besonders lenkte der Mann, dem inzwischen nach eigener Aussage 50 000 Schüler ihre Bildung verdanken, das Augenmerk auf die verfehlte Politik.

Angefangen bei den gescheiterten Eroberungsversuchen Englands („Paschtunen sind nicht domestizierbar, man kann sie nicht erobern!“) über den zehnjährigen Krieg der UdSSR bis zur heutigen Entwicklungshilfe. Diese versickere weitestgehend in falschen Töpfen, ohne der Zivilgesellschaft in den ländlichen Regionen zugute zu kommen. Aus deutscher Sicht war die Regierungszeit des Königs Zahir Sha (1933 bis 1973) maßgebend für die bilateralen Beziehungen. Er forcierte seit dem 2. Weltkrieg intensiv die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Kein Land erhielt insgesamt mehr Entwicklungshilfe aus Bonn und Berlin als Afghanistan: Unter anderem wurden Aufforstung, Wasserkraftwerke und Schulen gefördert sowie Polizisten durch deutsche Kollegen ausgebildet.

An dieser Stelle wirft Dr. Erös der rot-grünen Bundesregierung erhebliche Versäumnisse vor, sie habe den Aufbau der Zivilgesellschaft „versemmelt“. Die Polizeiausbildung wurde erheblich verkürzt und heute sei afghanischer Polizist der gefährlichste Job der Welt, da der Apparat von Korruption durchsetzt sei und im Volk jegliche Akzeptanz für die Staatsdiener fehle.

Kritik an europäischen Flüchtlingsorganisationen

Im weiteren Verlauf attackierte der Referent auch die europäischen Flüchtlingsorganisationen. In Pakistan leben 4,8 Millionen afghanische Flüchtlinge, von denen bis Jahresende 2 Millionen abgeschoben werden sollen, viele davon während der langen Auseinandersetzungen in ihrem Land bereits in Pakistan geboren. Hierfür sollte man sich einsetzten, nicht für die aus seiner Sicht lächerlichen paar Abschiebungen aus Deutschland.

Die interessante Veranstaltung endete abrupt, da sich der weit gereiste Oberst a.D. als in keinster Weise kritikfähig erwies. Auf die freundlich gestellte Frage einer Zuhörerin nach seinen Beziehungen zu den Taliban wies er sichtlich nervös darauf hin, dass er dort einen seiner Söhne verloren habe. Da die Dame offenbar nicht in der ihm angemessenen Weise hierauf reagierte, begann er herumzubrüllen, das habe er nicht nötig, und packte hastig seine Sachen sowie seine Ehefrau. Auch Pastor Bernhard Sulimma, der schlichtend eingreifen wollte, wurde von dem cholerischen Erös beleidigt und konnte dessen unrühmlichen Abgang nicht mehr verhindern.

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