Kommentar

Schadstoff-Kompensation: Klimawandel, Ablasshandel

| Lesedauer: 2 Minuten

„Für mich ist dieses Vorgehen symptomatisch für unseren katastrophalen Umgang mit dem menschengemachten Klimawandel.“

Knatternde Auspuffe, brummende Motoren, der Geruch von Benzin in der Luft – Autos, vor allem Oldtimer, haben für viele Menschen einen ganz besonderen Reiz. Für mich nicht. Vielleicht fühle ich mich deswegen berufen, die Rolle der Spielverderberin einzunehmen. Eine Auto-Rallye in Zeiten der Klimakatastrophe – Das muss doch nicht sein. Auf ihrem Weg durch Deutschland brausten gestern 197 Teams mit 44 verschiedenen Fahrzeug-Marken auch durch den Harz, unter anderem durch Bad Grund und über Torfhaus. Ob die Fahrerinnen und Fahrer die Aussicht auf die toten Fichten dort genossen haben?

Die Rallye hat Tradition, die Veranstalter zeigen sich aber in diesem Jahr modern und dementsprechend klimabewusst. Schon früher sei die Veranstaltung umweltbewusst ausgerichtet worden. Heute fahre man komplett „klimaneutral“, informieren sie. Sogar Brief und Siegel darauf vom Kompensationsdienstleister „ClimatePartner“ haben sie eingeholt und werben damit auf der Homepage der Rallye. Den geschätzten Ausstoß von rund 150.000 Kilogramm CO2-Emissionsschadstoffen kompensiere man, indem man ein Aufforstungsprojekt mit Mischwald im Harz unterstützt. Schöne Idee. Sie sorgt für gute Publicity, hebelt die Kritiker aus und beruhigt das Gewissen.

Bloß wenn ich jemandem eine Platzwunde verpasse und danach ganz fürsorglich ein Pflaster drüber klebe, dann habe ich immer noch zugehauen. Für mich ist das Vorgehen somit symptomatisch für unseren katastrophalen Umgang mit dem menschengemachten Klimawandel. Es riecht ein bisschen nach Greenwashing. Buße tun, aber am Verhalten nix ändern – eine art klimabezogener Ablasshandel. Mal ganz abgesehen davon, dass Naturschutzorganisationen wie etwa der „Bund Naturschutz“ das Prinzip der Klimakompensation als „fragwürdig“ einstufen.

„Darf man denn jetzt gar keinen Spaß mehr haben?“, denken Sie vielleicht. Oder: „Die paar Autos mehr. Da ist ja jede Flugreise klimaschädigender.“ Und: „Was tut die Autorin denn selbst fürs Klima? Eine Papierzeitung ist immerhin auch nicht das klimafreundlichste Produkt.“ Stimmt. Und vielleicht bewerte ich alles auch ein bisschen über. Aber sehen Sie es mir bitte nach. Da drückt mir wahrscheinlich einfach der heiße Sommer aufs Gemüt.