Wegen Corona: Kirche bricht auf ins digitale Zeitalter

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Wegen der Kontaktbeschränkungen können Gottesdienste, Konfirmationen und ähnliches nur mit Abstand in Gotteshäusern stattfinden. Alternativ gibt es viele digitale Angebote.

Wegen der Kontaktbeschränkungen können Gottesdienste, Konfirmationen und ähnliches nur mit Abstand in Gotteshäusern stattfinden. Alternativ gibt es viele digitale Angebote.

Foto: Kirchenkreis Harz Land

Bad Lauterberg.  Die Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese nahm an einer Bad Lauterberger Diskussion zum Thema „Kirche nach Corona“ teil.

Acht von zehn Kirchengemeinden haben während der Corona-Krise digitale Gottesdienste oder Andachten angeboten. Die meisten davon (78 Prozent) erstmals, und 72 Prozent wollen damit weitermachen. Das hat eine Umfrage der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ergeben, deren Zahlen die Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese als Diskussionsgrundlage vorstellte bei einer Onlineveranstaltung zum Thema „Kirche nach Corona“. Zu dieser hatten die Paulus-Kirchengemeinde in Bad Lauterberg und die Jugendkirche eingeladen.

Der Superintendent ihrer Landeskirche habe drei Begriffe genannt, um Kirche in der Pandemie zu beschreiben: Abbruch, Umbruch und Aufbruch. Griese zu „Abbruch“: „Alles, was schön ist, geht nicht“, wie etwa gemeinsames Singen. Als ein Umbruch-Beispiel nannte sie, dass manche Kirchengemeinden Predigten zum Mitnehmen auf Wäscheleinen gehangen hatten. Umbruch sei auch der Weg ins Digitale, doch sie sei überzeugt, dass es auch ein Aufbruch sein könne: Viele Online-Ideen finden übers Internet ein großes Publikum, und es wird sich gewünscht, einiges auch nach der Corona-Pandemie beizubehalten.

Nach der Krise beziehungsweise den Kontaktbeschränkungen werde es sicher einen „großen Nachholbedarf“ etwa bei Taufen und Trauungen geben, vermutete Kerstin Griese. Sie ist Bundestagsabgeordnete, parlamentarische Staatssekretärin und Sprecherin des Arbeitskreises Christinnen und Christen in der SPD. Sie gehört auch dem Rat der EKD an.

Für die Zukunft notwendig

Ist Kirche systemrelevant werde oft gefragt, fuhr Griese weiter fort und antwortete darauf mit einem Zitat von Wolfgang Huber, der sagte, sie sei nicht system-, sondern existenzrelevant. Genau darum sei es auch so wichtig, dass Kirche jetzt neue Wege beschritten hat, vielleicht für manche ein wenig überraschend und unfreiwillig schnell, doch für die Zukunft ohnehin notwendig.

In der anschließenden Diskussion sagte Dr. Andreas Philippi (er schaltete sich etwas später dazu, weil er zuvor das Testzentrum Bad Lauterberg besucht hatte), dass er die Kirche für „lebensrelevant“ halte. Gerade der Zuspruch für Online-Gottesdienste, die zum Teil besser besucht sind als in Kirchen, zeige, dass Menschen in dieser Zeit nach Halt suchen und ihn in der Kirche finden.

Andreas Schmidt, Pastor unter anderem der Bad Lauterberger Paulusgemeinde, bestätigte: Ostern hätten acht Menschen am Präsenz-Gottesdienst teilgenommen, online seien es rund 250 gewesen. Sicherlich: „Gerade für Senioren ist viel weggefallen“, sagte er, „aber wir sind im Aufbruch: Wo sind die Chancen, wo können wir hin?“

Kerstin Griese bat darum, dass Ältere sich den digitalen Angeboten nicht verschließen. Sie kenne viele, die schon vor der Pandemie mit ihren Enkeln auf diese Weise kommuniziert hätten. Und während Corona machten sie es „jetzt erst recht!“.

Pastorin Johanna Friedlein gehörte zu den rund 25 Personen, die sich zu dem Diskussionsabend angemeldet hatten. Sie mahnte, die Älteren und die ganz Jungen nicht zu vergessen, die letztlich auch das persönliche Miteinander brauchen. „Es gibt viele Dinge, die Kirche macht, die online nicht zu ersetzen sind“, sagte sie. So habe sie in Osterode beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass viele Geflüchtete, die vorher gut in die Gemeinde eingebunden waren, online bei den meisten Dingen nicht dabei sind.

Pastorin Friedlein sagte aber auch, dass Gemeindegrenzen durch das Digitale fließender werden. Dem schloss sich Bad Lauterbergs Bürgermeister Dr. Thomas Gans an und merkte an, wie sich durch Online-Angebote auch der Blick auf die eigene Kommune erweitern und neue Akteure einbeziehen kann, was im ländlichen Raum ein klarer Vorteil sei.

Aus dem Kirchengebäude heraus

Pastor Schmidt fand es auch bemerkenswert, wie kirchliches Leben wegen der Pandemie aus dem Kirchengebäude herauskommt: Es werde gerade eine Tauffahrt in Bad Lauterberg geplant, so ein Beispiel. Und bei digitalen Angeboten sei er froh über die gute Kooperation mit Jugendpastor Simon Burger und der Jugendkirche.

Von deren Vorstand nahmen auch einige an der Online-Veranstaltung teil. Eine Jugendliche berichtete, für die Jugendkirche sei gute Technik angeschafft worden. So könne etwa eine Konfirmation für die Angehörigen live aus der Kirche übertragen werden. Doch das Team sei immer als erstes und letztes vor Ort, um die Geräte auf- und abzubauen. Ein anderer Teilnehmer lobte das Engagement.

Kerstin Griese räume als Fazit ein, es gebe auch Verlierer der Digitalisierung, die definitiv unterstützt werden müssen, „damit die digitale Spaltung keine soziale Spaltung wird.“ Technik, müsse immer dem Menschen dienen, nicht umgekehrt, sollte ein Grundsatz für alles Handeln sein. So gibt es sicher noch einiges zu tun, doch Krisen zeigen immer auch Chancen auf. khl/son

Info: Umfrage der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

81 Prozent der teilnehmenden Gemeinden boten während der Corona-Krise digitale Gottesdienste oder Andachten an, die meisten erstmals (78 Prozent). 72 Prozent wollen dabei bleiben.

60,7 Prozent der digitalen Angebote liefen über soziale Plattformen wie Youtube, Instagram oder Facebook. Das macht einen Zuwachs von 41,5 Prozent.

39 Prozent gaben an, digitales Mitmachen anzubieten: beten, mitsingen, Kirchenmusik oder etwa Live-Chat.

64,9 Prozent produzierten ihre Inhalte für die digitalen Angebote im Team.

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