„Lerne ein Leben ohne Sucht“

Bad Lauterberg.  Betroffene und auch Angehörige unterstützen sich in der Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes.

IEtwa die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie können dazu führen, dass Menschen vermehrt zu Suchtmitteln greifen und so die Schwelle zur Suchtkrankheit überschreiten (Symbolbild).

IEtwa die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie können dazu führen, dass Menschen vermehrt zu Suchtmitteln greifen und so die Schwelle zur Suchtkrankheit überschreiten (Symbolbild).

Foto: Karolin Krämer / dpa

Den sogenannten Suchtdruck kennen alle Suchtkranken – egal, ob sie dadurch Alkohol trinken, Tabletten nehmen oder am Computer spielen. Es ist das wirklich unwiderstehliche Verlangen, das zu tun. Bei den Selbsthilfegruppen des Blauen Kreuzes kommen Betroffene verschiedener Suchtkrankheiten und auch Angehörige zusammen, um sich gegenseitig zuzuhören, sich zu unterstützen. Auch in Bad Lauterberg gibt es eine solche Gruppe, sie trifft sich freitags im Gemeinderaum der St.-Andreas-Kirche und wird von Gabi und Reiner Fricke organisiert.

Völlig ungezwungen und freundschaftlich geht es bei den Treffen zu: „Viele sagen, es ist wie eine Art Familie “, verdeutlicht Gabi Fricke. Die Teilnehmer duzen sich, nehmen sich gegenseitig auch mal in den Arm – wenn es einem schlecht geht und nicht gerade Beschränkungen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus gelten. Die Gruppenmitglieder kennen auch ihre vollständigen Namen – anders als etwa bei den Anonymen Alkoholikern , mit denen das Blaue Kreuz jedoch gut zusammenarbeitet. Es gibt zum Beispiel auch einen Teilnehmer, der in beiden Gruppen ist, bemerkt Reiner Fricke.

Lösungen für Probleme finden

In der Selbsthilfegruppe sprechen die Mitglieder nicht nur über Suchtkrankheiten und den Umgang damit, sondern auch über alltägliche Probleme , die es zu meistern gilt. „Die Hilfe für ein Problem wird gemeinsam erarbeitet, jeder kann etwas dazu sagen, und der Betroffene sucht sich dann eine Lösung aus, mit der er es zunächst probieren möchte“, erklärt Gabi Fricke. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass alles, was bei den Gruppentreffen gesagt wird, nur für die Ohren der Teilnehmer bestimmt ist und nicht nach außen getragen wird. Ganz wichtig ist auch: Keiner richtet über andere Gruppenmitglieder oder deren Aussagen, alle sind neutral.

Bis ein Mitglied seine Gedanken , Ängste und Erfahrungen teilt, kann es in manchen Fällen dauern. Darum sind neue Teilnehmer zum Zuhören eingeladen, wie Gabi Fricke erläutert. Doch irgendwann öffnen sie sich. „Viele sind froh, jemanden gefunden zu haben, der einfach nur zuhört.“

Weil in einem geschützten Raum und mit Gleichgesinnten geplaudert und diskutiert wird, berichtet manch einer über Dinge, die er seinen Angehörigen sonst vielleicht nicht gesagt hätte. Gabi Fricke: „Manche sind erstaunt, was der Partner sagt.“

Gruppe ist keine Therapie

Es ist aber nicht so, dass die Krankheit in der Selbsthilfegruppe therapiert wird. „Wir begleiten die Menschen, um sie wieder auf den Weg zu bringen“, sagt sie. Wer stark suchtkrank ist, muss erst einmal zum Entzug, zum Beispiel in einer Klinik in Göttingen oder in Elbingerode , erklärt Reiner Fricke. Ein Entzug dauert meist zehn bis 14 Tage, es gibt aber auch Langzeitbegleitung über 14 Wochen. In der Blaues-Kreuz-Gruppe helfen sich die Mitglieder dann gegenseitig, aus der Sucht herauszukommen – und nicht rückfällig zu werden, was selbst nach Jahrzehnten noch passieren kann. „Ein falsches Wort zum Beispiel vom Partner kann zum Rückfall führen“, verdeutlicht Gabi Fricke.

„Lerne ein Leben ohne Sucht“ ist das abgewandelte Motto des bundesweit tätigen Vereins. Mit dem neuen Leben sollten auch die Angehörigen umgehen können. Manchen Betroffenen macht es nichts aus, wenn der Partner zum Beispiel Alkohol trinkt, für andere ist das aber eine unangenehme Situation, wie die Expertin erklärt. „Darum hören viele gemeinsam auf.“

Corona selbst macht nicht abhängig

Übrigens ist es nicht so, dass Menschen von heute auf morgen suchtkrank werden. Es ist eher so, dass das Suchtmittel Stück für Stück häufiger konsumiert wird. Darum macht die Corona-Pandemie – beziehungsweise die Einschränkungen des täglichen Lebens – an sich auch nicht abhängig. Doch Kontaktbeschränkungen , Homeoffice oder Arbeitslosigkeit können dazu führen, dass ein Mensch den letzten Schritt macht, bevor es tatsächlich zu einer Sucht wird.

Es sei durchaus möglich, dass die Lauterberger Gruppe durch die Corona-Einschränkungen neue Mitglieder bekommt. In anderen Gegenden, zum Beispiel in Bomlitz, habe es schon einen Zuwachs während der Pandemie gegeben, berichtet Reiner Fricke. Sollten weitere Südharzer Unterstützung suchen, werden sie familiär aufgenommen.

Gruppen des Ortsvereins Osterode des Blauen Kreuzes gibt es in Osterode (Dienstag und Freitag), in Bad Sachsa (Dienstag) und Bad Lauterberg (Freitag). Informationen gibt es online: www.blaues-kreuz.de/de/niedersachsen/landesverband-niedersachsen.

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