Mit Rettern unterirdisch von Gittelde nach Bad Grund

Gittelde  Gerd Hintze führte eine Gruppe der Bergwacht und Untertageretter durch den Ernst-August-Stollens über eine Strecke von 2,6 Kilometern.

Gerd Hintze erklärt den Gästen die Bedeutung des Schildes.

Gerd Hintze erklärt den Gästen die Bedeutung des Schildes.

Foto: Petra Bordfeld / HK

Eine ganz besondere Wanderung unternahmen Vertreter der Bergwacht und der Untertagerettung zusammen mit Gerd Hintze, dem Vorsitzenden des Knappenvereins Bad Grund: Der ehemalige Bergmann nahm die Gruppe mit auf eine Befahrung durch den Ernst-August-Stollen, beginnend am Mundloch in Gittelde bis zur Grube Hilfe Gottes in Bad Grund.

Befahrung heißt im Bergmanns-Fall nicht, dass die Gruppe in irgendeiner Form gefahren wäre. Wenn ein Bergmann läuft, spricht man vom Fahren. So heißt eine Leiter auch Fahrte und die Personenbeförderung „Seilfahrt“. Bei einer solchen Befahrung traf Hintze auf die ehemaligen Bergleute Ulf und Ramona, letztere fuhr bis 1990 in Straßberg ein. Beim Erinnerungsaustausch kam Gerd Hintze die Idee, Vertreter der Bergwacht in die Gemeinde Bad Grund einzuladen – und seine Einladung stieß auf großes Interessen.

Bevor es in den Stollen ging, traf sich die besondere Wandergruppe in der Gruppe Hilfe Gottes in Bad Grund. Anhand von ausführlichen Grubenrissen zeigte Hintze den Teilnehmern die 2,6 Kilometer lange Strecke von Gittelde nach Bad Grund. Dann ging es nach Gittelde, wo Ortsbürgermeister Olaf de Vries und Horst Ahrens vom Heimat- und Geschichtsverein bereits am Mundloch des Stollens auf die Gruppen warteten.

Beschwerlicher Anstieg

Durch das Grubenwasser, das aus der Grube Hilfe Gottes kommt, machten sich die Teilnehmer auf den Weg. Kein einfaches Unterfangen: Das Wasser stand ihnen teilweise bis zur Hüfte. Und auch die Kondition der Teilnehmer war aufgrund der Strömung gefragt – den Anstieg des Stollens merkten die meisten dadurch kaum. Gerd Hintze berichtete unterwegs über die Geschichte des Bergbaus in der Region.

So erfuhren die Teilnehmer, dass der Ernst-August-Stollen zusammen mit den Querschlägen und Flügeln eine Gesamtlänge von 40,3 Kilometern hat. Er wurde nicht in der geplanten Bauzeit fertiggestellt. Aus den berechneten 25 Jahren wurden nur zwölf Jahre und elf Monate. Das habe mit Sicherheit daran gelegen, dass an 18 Stellen gleichzeitig begonnen wurde und man neun Durchschläge hatte. So erfolgte der erste Spatenstich 1851, und der letzte 1864.

Wie lang ist ein Lachter?

Neben der Geschichte gab es auch einige geologische Aufschlüsse, außerdem kam die Gruppe an einer Tafel vorbei: „1. Januar 1856, 167 Lachter“. Das heißt, dass diese Tafel 167 Lacht vom Mundloch Gittelde entfernt angebracht worden ist. Was ist ein Lachter? Gerd Hintze erklärte, dass man bis 1873 unter Tage ein eigenes Längenmaß, das Lachter, hatte. Es war nicht so einheitlich wie etwa ein Meter. Während der Meter überall 100 Zentimeter aufweist, geht das Maß des Lachters von 1,92 bis 2,20 Meter. Immer wieder habe es Probleme gegeben, weil die Landesgrenzen andere Maße mit sich brachten. Also wurde während einer großen Versammlung im Jahre 1873 beschlossen, alles auf einen Meter zu berechnen.

Bei der weiteren Fahrt, 141 Meter unter Tage und in der vierten Sohle der Grube Hilfe Gottes, stießen die Teilnehmer auf eine aufgeklappte Schachttür. So wurden Spurlatten sichtbar, die einst die Förderkörbe führten. Die Rohre, die Zuleitungen, Fallrohre für das große Gefälle, für die Turbinen des Kraftwerkes und für die Pressluftversorgung stießen bei den Besuchern auf großes Interesse.

Der Weg führte rund 150 Meter unter Tage und endete bei den Turbinen. Die Turbine des kleinen Gefälles erzeugte bis 1994 Strom für die Preussag. Die Turbine für das große Gefälle wurde bereits zwei Jahre zuvor abgeschaltet. Mit den Turbinen hatten sie ihr Ziel aber noch nicht erreicht. Das war der Schacht Hilfe Gottes.

Zurück zum Ausgangspunkt

Nach einer Verschnaufpause ging es wieder zurück zum Ausgangspunkt, der Rückweg wurde dabei wesentlich schneller bewältigt. Nach rund acht Stunden war das Mundloch des Ernst-August-Stollens in Gittelde wieder erreicht.

Die Bergrettung hatte sich für die Befahrung interessiert, weil diese Fachgruppe der Untertagerettung eine Form der organisierten Kameradenhilfe ist und damit die Tradition der Bergwacht nahtlos fortsetzt. Der Ausbildungs- und Einsatzschwerpunkt liegt in der Untertagerettung im Altbergbau. Natürlich sind die Kameraden auch bereit und in der Lage in natürlichen Höhlen die Kameraden in der Höhlenrettung zu unterstützen. Die Fachgruppe Untertagerettung unterstützt aber auch die herkömmlichen Hilfsorganisationen mit Fachkenntnis und speziellem Gerät mit dem Schwerpunkt Altbergbau-Rettung. Die Mitglieder sind Spezialisten, die aus verschiedenen Teilen Nord- und Mitteldeutschlands ehrenamtlich zum Einsatzort anreisen.

Vor zehn Jahren wurde sie gegründet, die Mitglieder kommen aus dem Erzgebirge, dem Ostharz, Weserbergland, Münsterland und dem bergischen Land bei Köln. Die 50 Frauen und Männer kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, sind ehrenamtlich tätig und tragen sämtliche Kosten selbst, auch für die Ausrüstung.

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