Mit blindem Vertrauen und 100 km/h den Berg hinab

Gittelde  Marcel Merkel und der blinde Marcel Ostermeier bestreiten gemeinsam Mountainbike-Rennen auf dem Tandem.

Das Gegenstrom Tandem Team beim Bad Harzburger Mountainbike Cup im Jahr 2014.

Das Gegenstrom Tandem Team beim Bad Harzburger Mountainbike Cup im Jahr 2014.

Foto: Privat

Marcel Merkel und Marcel Ostermeier teilen nicht nur denselben Vornamen, sondern auch dasselbe rasante Hobby: Mountainbikefahren. Das Besondere ist jedoch, dass Marcel Ostermeier seit neun Jahren blind ist. Als „Gegenstrom Tandem Team“ nehmen die beiden seit 2012 an Rennen im Harz und im Solling teil und zeigen, was trotz Sehbehinderung möglich ist.

„Meistens führen wir das Schlussfeld an. Aber wir machen das ja zum Spaß und nicht um möglichst weit vorne zu liegen.“
Marcel Merkel über die Tandem-Rennen mit Marcel Ostermeier

Der 27-jährige Marcel Merkel aus Bad Grund und der 29-jährige Marcel Ostermeier aus Gittelde kennen sich schon von kleinauf, konnten sich jedoch früher nicht leiden, wie beide gestehen. Eine Freundschaft sei erst viel später als Jugendliche entstanden.

Unabhängig voneinander seien beide damals schon gern Mountainbike gefahren, womit für Marcel Ostermeier im Alter von 20 Jahren erst einmal Schluss war, da er aufgrund einer Diabeteserkrankung erblindete. Inzwischen ist er auf dem rechten Auge komplett blind, auf dem linken verfügt er noch über zwei Prozent Sehkraft, was ihn nur noch Konturen schematisch erkennen lässt. Auch wenn er anfangs mit seinem Schicksal gehadert hat, habe er jedoch schnell begriffen, dass es darauf ankommt wie man seine neuen Möglichkeiten nutzt, sagt Ostermeier optimistisch.

Aus einer Laune heraus

Eher aus einer Laune heraus sei irgendwann die Idee entstanden, das gemeinsame Hobby auf einem Tandem fortzuführen. Da die dafür geeigneten Tandem-Rahmen sehr teuer und die handelsüblichen nicht für diese Extreme ausgelegt seien, haben sie sich sofort daran gemacht, einen strapazierfähigen Rahmen selbst zu bauen.

Den Prototyp hätten sie aus mehreren Teilen alter Fahrräder und Rohre nur mit Flex und Schweißgerät gebaut. „Da haben viele die Hände überm Kopf zusammengeschlagen“, lacht Ostermeier, da man den Prototyp ohne Berechnungen und nur aus dem Gefühl heraus gebaut habe. Getestet haben die beiden es zunächst auf Forstwegen rund um Gittelde. In Hannover unterzogen die beiden Biker den fahrbaren Untersatz dann einem Härtetest: Auf einer Tour um den Hannoveraner Maschsee ging es mit dem Tandem auf zum Treppentest. „Viele Mountainbiker haben damals gesagt, dass wir einen Stich weg hätten“, so Ostermeier.

Erstes Rennen 2012

Im April 2012 war es dann so weit. Die beiden meldeten sich zu einem Rennen in Förste an. Erfreulicherweise sei die Anmeldung recht problemlos verlaufen, sagt Merkel, da diese Rennen eigentlich nicht für Tandems ausgelegt seien. „Inzwischen lässt man uns generell bei allen Rennen starten, wir sind ja auch keine echte Konkurrenz für die anderen Fahrer, da wir zwar bergab schneller, dafür bergauf natürlich viel behäbiger sind“, weiß Merkel.

Viele der Rennen hätten sie anfangs aufgrund mehrerer Pannen wie Kettenrisse, Speichen- und Schlauchplatzer gar nicht beenden können. Aber nach eineinhalb Jahren seien sie zumindest technisch auf dem Stand gewesen, das Ziel zu erreichen, auch wenn man schon mal direkt nach dem Ziel auf einmal ein Teil in der Hand hatte.

Ganz besonders wichtig für Ostermeier, der hinten auf dem Tandem sitzt, seien natürlich die Kommandos seines Kumpels. Inzwischen seien die beiden ein eingespieltes Team. Hier bekäme zwar die Redewendung „jemandem blind vertrauen“ eine ganz neue Bedeutung, sagt Ostermeier, aber man sitze ja in demselben Boot. „Marcel hat das oft schon im Gefühl, wie der weitere Streckenverlauf ist“, so Merkel. „Wenn wir stürzen, ist besonders das Kommando, in welche Richtung wir fallen können, wichtig“.

Meistens Schlusslicht

„Meistens führen wir das Schlussfeld an“, lacht Merkel. „Aber wir machen das ja zum Spaß und nicht um möglichst weit vorne zu liegen.“ Eine Herausforderung sei auch, mit einem möglichst kleinen Budget zu arbeiten, weiß Ostermeier. Deshalb konstruieren und fertigen sie bestimmte Teile selbst. Dennoch würden sich die beiden über Unterstützer oder Sponsoren freuen. „Es ist ein schönes Hobby, um Geld zu verbrennen“, sagt Merkel. „Aber wir machen das ja, weil es uns Spaß macht. Ich denke, mit unserer Teilnahme lockern wir die Rennen auch immer ein wenig auf. Teilweise bekommen wir als Letzte mehr Beifall als die Ersten.“

Für die kommende Saison trainiert das Team für den Harzcup und die Challenge4MTB im Solling. Geplant ist auch eine Highspeed-Abfahrt im Harz. Dann geht es vom Stieglitz Eck mit 100 km/h zum Dammhaus. hn

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