Podiumsdiskussion zu „Wann ist Kritik antisemitisch?“

Göttingen.  Eine Podiumsdiskussion am Freitag im Deutschen Theater soll die Frage „Antisemitismus oder berechtigte Kritik an Israel?“ beantworten.

Im DT-1 des Deutschen Theaters in Göttingen schließt sich nach der Diskussion die Vorstellung „Vögel“ an.

Im DT-1 des Deutschen Theaters in Göttingen schließt sich nach der Diskussion die Vorstellung „Vögel“ an.

Foto: Swen Pförtner / picture alliance / dpa

Einen differenzierten Austausch möchte Erich Sidler, Intendant des Deutschen Theaters in Göttingen, ermöglichen mit der Podiumsdiskussion „Antisemitismus oder berechtigte Kritik an Israel? Wo verläuft die Grenze?“. Am Freitag diskutieren darüber Iris Hefets, Vorstandsmitglied „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“, und Dr. Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, mit drei Bundespolitikern im Deutschen Theater ab 17 Uhr.

Im Frühjahr 2019 erhielt der Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ den Göttinger Friedenspreis. Die Auswahl des Preisträgers sorgte für Kritik und zur Absage der Preisverleihung in den Räumen der Universität Göttingen. Begründet wurde dieses mit der Unterstützung der Kampagne „Boykott, Divestment and Sanctions“ (BDS) durch die Jüdische Stimme. Position gegen die BDS-Kampagne bezieht auch Meron Mendel. Der 1976 in Israel geborene und aufgewachsene Pädagoge leitet seit 2010 die Anne-Frank-Bildungsstätte.

Antisemitische Ressentiments

Zu seiner Teilnahme an der Podiumsdiskussion in Göttingen erklärt Mendel: „Seit meiner Jugend engagiere ich mich in israelisch-palästinensischen Projekten. Ich halte die Kritik an der Politik der aktuellen israelischen Regierung nicht nur als legitim sondern als erforderlich. Allerdings besteht die Gefahr, dass unter dem Vorwand der Kritik an den jüdischen Staat Israel antisemitische Ressentiments salonfähig werden. Besonders in Zeiten, wenn der Antisemitismus in der Gesellschaft zunimmt, ist es notwendig, über die Grenze zwischen Antisemitismus und berechtigter Kritik an Israel offen zu sprechen.“

Im vergangenen Jahr hat Iris Hefets den Göttinger Friedenspreis entgegen genommen. Seit 2002 lebt die in Israel geborene und aufgewachsene Psychoanalytikerin und Autorin in Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des im Jahr 2003 gegründeten Vereins „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ mit Sitz in Berlin.

„Auf die Frage, wo die Grenze zwischen legitimer Kritik der israelischen Politik und Antisemitismus verläuft, kann man nicht so leicht und kurz antworten. Sie hängt nicht nur vom Inhalt der Kritik ab, sondern auch von ihrem Kontext: Wer kritisiert und aus welchen Motiven? In welcher Situation und mit welchem Affekt? Auch eine pro-israelische Haltung kann antisemitisch sein“, erklärt Hefets mit Blick auf die bevorstehende Diskussion. Für den Verein Jüdische Stimme sei es eine willkommene Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen, „nachdem viel über uns und kaum mit uns gesprochen wurde. Eine rege Debatte ist notwendig für eine Demokratie und eine Streitkultur, die zum Wesen des Judentums gehört.“

Kritik an Göttinger Friedenspreis

DT-Intendant Sidler hatte zur Podiumsdiskussion Mitglieder des Zentralrates der Juden in Deutschland eingeladen. Er erhielt Absagen. Sidlers Anliegen sind Antworten auf die Frage: „Wann ist Kritik, die wir an einem Staat Israel üben, antisemitisch?“ Das Theater ist seiner Ansicht nach ein Ort, an dem aktuelle gesellschaftliche Themen differenziert diskutiert und Haltungen nachvollziehbar erläutert werden können. Für die Moderation der Diskussion hat Sidler den Journalisten Daniel Alexander Schacht aus Hannover engagiert.

Neben Hefets und Mendel sind zwei Bundestagsabgeordnete und eine ehemalige Bundestagsabgeordnete auf dem Podium. Die ehemalige Göttinger CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsidentin des Deutschen Bundestages Prof. Rita Süssmuth (82) nimmt teil. Die Aussöhnung mit Israel ist eines der wichtigen politischen Ziele der langjährigen Göttinger Bundestagsabgeordneten (1987-2002).

Zu den Kritikern der Verleihung des Göttinger Friedenspreises an die „Jüdische Stimme“ zählte im vergangenen Jahr die Göttinger FDP. Deren Bundestagsabgeordneter Konstantin Kuhle (30) hat ebenfalls seine Teilnahme an der Podiumsdiskussion zugesagt. Weiterer Teilnehmer wird Jürgen Trittin, Göttinger Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90 / Die Grünen, sein. Der 65-Jährige fordert mehr Differenzierung, wenn es um Antisemitismus-Vorwürfe geht. Trittin war im November 2019 Gastgeber einer Podiumsdiskussion in Göttingen zum Thema „Zwei Staaten und der Kampf gegen Antisemitismus“.

Diskussion folgt Vorstellung „Vögel“

Der Diskussion „Antisemitismus oder berechtigte Kritik an Israel? Wo verläuft die Grenze?“ folgt die Vorstellung von Wajdi Mouawads „Vögel“. Auch in diesem Theaterstück des 1968 geborenen libanesisch-kanadischen Autors geht es um die „historische Komplexität des Nahostkonfliktes und den hohen emotionalen Hürden, die einem dauerhaften Frieden im Weg stehen“, teilt das DT mit.

Dort hatte „Vögel“, inszeniert von Katharina Ramser, am 21. September 2019 Premiere. Sie habe, so die Tageblatt-Rezension, „die Geschichte und die Verstrickungen des Figurentableus überaus präzise und konzentriert ausgebreitet“.

Für die Vorstellung des Theaterstücks am Freitag, 17. Januar, ab 19.45 Uhr sind noch wenige Eintrittskarten erhältlich. Für die Podiumsdiskussion „Antisemitismus oder berechtigte Kritik an Israel? Wo verläuft die Grenze?“ ab 17 Uhr im DT-1 des Deutschen Theaters, Theaterplatz 11, ist der Eintritt frei. Wer sich einen Platz sichern will, erhält kostenlose Zählkarten nur an der DT-Kasse.

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