Wolfsburg. Die Hamburger Kultband trat im Scharoun-Theater auf: Warum eine perfekte Akustik drohte, den Konzert-Abend zu verhageln.

Gibt es eine Schnittmenge zwischen einem Rockkonzert und einem Theaterbesuch? Diese Frage versuchte die deutsche Kultband Tocotronic, die sich irgendwo zwischen Indie-Rock, Indie-Pop und Punkrock ansiedelt, am Samstag mit mehreren hundert Gästen im Scharoun-Theater Wolfsburg zu beantworten. Die Antwort: vielleicht. Aber auf beiden Seiten des Spektrums wäre Platz für mehr gewesen.

Ziemlich aufgeräumt betraten die vier mehrheitlich Hamburger Musiker zur gesitteten Uhrzeit von 19.30 Uhr die Bühne, um von einem zurückhaltenden Publikum höflich empfangen zu werden. Freundliche Begrüßung von Frontmann Dirk von Lowtzow, dann die erste Nummer: „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“, ein fast 30 Jahre alter Song vom ersten Album der Band.

Nach zwei Songs animiert Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow das Publikum zum Aufstehen

Die näselnde Stimme, der gleichmütige Ton und die stimmliche Eskalation im Refrain gehören zu Dirk von Lowtzows Markenzeichen: Und die schnodderig dahin gerockte E-Gitarre gehören zu Tocotronic dazu wie das Bier zum Punk. Alles davon bildet das Konzert im Scharoun-Theater kristallklar ab: vielleicht ein bisschen zu kristallklar, denn wie viel Punk kann in einer Show mit perfekter Akustik schon stecken? Es fühlt sich seltsam distanziert an, Tocotronic sitzend über die Köpfe anderer sitzender Menschen zuzuhören: „Gestern um halb drei / Habe ich noch ein Lied gemacht / Und ich rufe eine Freundin an / Mitten in der Nacht / Und ich singe es ihr durch‘s Telefon / Und es sagt: „Ich liebe dich“ / Kurz bevor ich auflege / Schäme ich mich“.

Zum Glück dauert es nur zwei Songs, bis von Lowtzow das geneigte Publikum zum Aufstehen animiert. Das fühlt sich schon angemessener an. Die Menschen von den Rängen laufen die Treppen herunter und stellen sich neben die Zuschauerreihen im Parkett. Manche stehen direkt vor der Bühne, einzelne sogar an den Seiten auf der Bühne selbst. Die ersten tanzen. Na, geht doch. Auch die Band wird spürbar wärmer, von Lowtzow schwingt die üblichen Lobeshymnen auf Publikum und Stadt, bis: „Wolfsburg ist so schön, es ist super hier. Aber hier leben?“ – „NEIN DANKE“ brüllt es als Antwort aus dem Zuschauerraum. Das dazugehörige Lied bringt dann Tempo in den Laden.

Tocotronic-Konzert überzeugt mit Dramaturgie, doch richtig theatral wird es nicht

Aber: Für ein richtiges Rockkonzert fehlt etwas. Die Sitzreihen stören, man steht zu vereinzelt, und wo ist der Bierstand? Auch für ein richtiges Theatererlebnis fehlt etwas. Man muss die Dramaturgie des Konzerts zwar durchaus loben. Ein Höhepunkt ist das mit Akustikgitarre und märchenhafter Lichtshow inszenierte „Ich tauche auf“ über das betäubende Gefühl des Verliebtseins: „Ich tauche aus dem Wasser auf / Wie aus einem tiefen Schlund / Wohl auch deshalb ist mein Mund / Fest zugepresst“. Damit durchbricht die Band die ansonsten sehr sauber zerrockten Toco-Hymnen wie „Ich hasse es hier“ oder „Let there be Rock“.

So richtig theatral wird es dabei nicht. Es bleibt ein gutes Konzert, mit Luft nach oben.