Braunschweig. „Diabelli recomposed“ im Staatstheater Braunschweig: 53 Komponistinnen variierten Diabellis kleinen Walzer auf sehr verschiedene Weise.

Es sind nach wie vor nur zwei Prozent Werke von Frauen, die auf deutschen Konzertpodien gespielt werden. Und das, obwohl in den Kompositionsseminaren, wie Professorin Violeta Dinescu in unserem Gespräch jüngst bekräftigte, immer ziemlich zur Hälfte Männer und Frauen sitzen.

Ein Abend wie „Diabelli recomposed“ dürfte die Statistik zumindest in diesem Jahr etwas erschüttern: Gleich 53 Uraufführungen von Komponistinnen waren am Sonntag im Kleinen Haus des Staatstheaters zu erleben. Stücke von einer großen Bandbreite der Stile und Farben, die sich, in alphabetischer Abfolge gespielt, trotzdem so abwechslungsreich aneinanderfügten, als sei das so geplant.

Sponsoren und Stück-Paten ermöglichen Noten-Edition

Zu verdanken war diese Uraufführungsflut der Braunschweiger Klavierpädagogin Claudia Bigos, die nicht locker lässt, Musik von Komponistinnen hörbar zu machen: Durch Entdeckungen vergessener Musikerinnen wie Anna Teichmüller oder Emilie Meyer. Oder eben durch das Projekt „Diabelli recomposed“, in dem von zeitgenössischen Komponistinnen 50 neue Variationen über ein Thema des Musikers Anton Diabelli geschaffen wurden.

Sie ergänzen nun 200 Jahre später die historischen Diabelli-Variationen seinerzeit ausschließlich männlicher Kollegen von 1823. Die berühmtesten stammen von Beethoven. Damals freilich wurden sie bezahlt, diesmal lieferten die Komponistinnen unentgeltlich, um das Projekt voranzubringen. Dies und die Verlagsbindung gerade der bekannteren Kolleginnen bewirkten, dass man Namen wie etwa Lucia Ronchetti, deren neue Oper demnächst im Staatstheater uraufgeführt wird, vermisst. Giovanna Dongu hat trotzdem geliefert und erklang im Konzert, wurde aber nicht Teil der dank Sponsoren und Stück-Paten entstandenen Noten-Edition des Furore-Verlags, die genau 50 Kompositionen vorlegt. Zu hören waren auch je eine Komposition einer Ukrainerin und einer Iranerin, die aus nachvollziehbaren Gründen nicht rechtzeitig vor Drucklegung ihr Ziel erreichten.

Romantik im Chopin-Stil und kühner Griff in die Saiten

Besonders schön an dem Konzert unter Schirmherrschaft von Staatstheater-Generalintendantin Dagmar Schlingmann war zudem, dass es zehn junge Studentinnen der hannoverschen Pianistin und Klavierprofessorin Ewa Kupiec waren, die sich da mit Vehemenz und großer Versiertheit in unterschiedlichsten Stilen bewiesen. Ob melancholische Fantasie, Klangfläche aus dissonanten Clustern oder experimentelles Stück, bei dem auch beherzt direkt in die Klaviersaiten zu greifen war, sie brachten in den nur wenige Minuten langen Piecen das je eigene Potenzial der Kompositionen engagiert zum Klingen.

Da ist die schwer romantische, im Walzertakt träumende Version von Géraldine Kwik, die allzusehr auf Chopins Spuren wandelt. Und auf der anderen Seite Laura Manolaches heftige Klanggeste zwischen Tonleiterläufen und mit flacher Hand oder Ellenbogen erzeugten Akkorden. Zela Margossian stößt das Fenster auf in Richtung Gershwin, Barbara Mayer zu jazzig-flottem Sound, bei der in Aserbaidshan geborenen Khadija Zeynalova schimmert orientalische Harmonik auf. Victoria Bonds zart dissonante Läufe scheinen sich selbst zu überholen. Während Carmen Maria Cârneci das Walzermotiv quasi mit Fehlstellen zitiert und neu umspielt.

Experimentelles mit Kochlöffel und Glissandi

Mit spielerisch ausgereizter Dramatik zwischen Höhenklingeln und Bassdräuen, mit seidigen Akkorden, schrubbenden Glissandi und in den Saiten gerührten Tönen eröffnet Altmeisterin Violeta Dinescu das Feld der erweiterten Klangerzeugung am Klavier. Bei Sigrid Ernst kommt gar das einst weibliche Klischeeutensil des Kochlöffels in ironischer Geste ins Spiel. Bei Yang Song spielt sich dann schon alles mehr auf den Saiten im Klavier als auf den Tasten ab.

Manchmal übersteigt der Aufwand den Effekt, aber der Ausbruch aus den melodischen Gleisen ist auch erfrischend und zeitgemäß. Mal sehen, welchen Komponistinnen wir in künftigen Konzerten wiederbegegnen. Wer mag, kann in der schönen Edition nachlesen. Für das mutige Projekt war das Konzert ein fantastischer Abschluss.