Braunschweig. Ein Gespräch mit Violeta Dinescu, die ein Stück zu den neuen Diabelli-Variationen nur von Komponistinnen beigetragen hat.

Als vor genau 200 Jahren 50 Komponisten ihre Klavier-Variationen über das kleine Walzer-Thema von Anton Diabelli herausbrachten, waren Stars der Musikszene wie Franz Schubert, Liszt und der weit übers Ziel hinausschießende Ludwig van Beethoven mit seinen bis heute berühmten „33 Veränderungen“ op. 120 dabei, aber keine Frau. Die Braunschweiger Klavierpädagogin Claudia Bigos nahm das zum Anlass, im Beethoven-Jubiläumsjahr 50 neue Variationen nur von Komponistinnen anzuregen.

Die Noten sind soeben auf der Frankfurter Buchmesse im Furore-Verlag erschienen. Die Uraufführung der 50 Kompositionen wird am Sonntag, 5. November, 18 Uhr, im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters gefeiert, ausgeführt von Klavierstudentinnen von Professorin Ewa Kupiec von der Musikhochschule Hannover. Wir sprachen mit der bekanntesten der 50 Komponistinnen, der aus Rumänien stammenden Pianistin Violeta Dinescu, seit 1996 Professorin für angewandte Komposition der Uni Oldenburg.

Wie gefiel Ihnen die Idee der weiblichen Diabelli-Variationen, als Claudia Bigos sie anrief?

Ich hatte sofort eine Idee, was ich da machen könnte. Ich reagiere immer auf Anregungen von Musikerinnen und Musikern. Und ich habe auch gleich noch einige Komponistinnen vorgeschlagen. 25 Jahre lang habe ich an der Uni Oldenburg Kompositionskolloquien gehalten, die Hälfte der inzwischen an die 2000 Teilnehmenden waren Frauen. Und nun gucken Sie mal in die Aufführungslisten der Konzert- und Opernhäuser, das findet sich da nicht wieder.

Ich bin eigentlich keine Freundin davon, etwas exklusiv nur für Frauen zu machen. Ich habe zum Beispiel nur einmal ein Kolloquium nur für Komponistinnen gegeben, weil ich finde, dass das ihnen sogar eher schadet. Eine Komponistin soll ja nicht nur gut sein unter den Komponistinnen, sondern unter allen Komponierenden. Man muss sich mit allen messen. Aber andererseits sehe ich eben auch: Ein Konzert nur mit Komponisten findet niemand auffällig. Dann kann es auch welche nur für Komponistinnen geben.

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrer eigenen Karriere gemacht? Ihr Werk umfasst Eichendorff-Lieder, Filmmusik zu Murnaus „Tabu“, Ballette nach Mörike und Fontanes „Effi Briest“, Ihre Opern nach Ionesco und Erich Kästner wurden in Freiburg und Mannheim uraufgeführt.

Ich habe meine Ausbildung ja im sozialistischen Rumänien begonnen. Da war es überhaupt keine Frage, dass Frauen alles machen können. Traktoristin, Panzerfahrerin, Komponistin. Ich war in meiner Militärzeit Lieutenant. Insofern war ich überrascht, als ich nach Deutschland kam, dass man Frauen hier in ihrer Musikausbildung besonders unterstützen muss. Wenn es nicht selbstverständlich ist, man sich ständig beweisen muss, entwickelt man kein Selbstvertrauen, und man kommt nicht voran. Das ist wie in der Liebe, wenn man sich ständig beteuern muss, wie gern man sich hat, dann stimmt da was nicht. Insofern halte ich die Frauenbewegung für nötig, um hier mehr Selbstverständlichkeit zu schaffen. Aber sie sollen dann eben um ihres Werkes willen wahrgenommen werden, nicht weil sie Frauen sind.

Gibt es dabei trotzdem eine weibliche Handschrift?

Man hat da mal einen Versuch mit Opernausschnitten gemacht, keiner konnte erkennen, welche Komposition von einer Frau, welche von einem Mann war. Wenn man Susanne Ernings explosive Klänge hört, könnte man sie klischeehaft für männlich halten, Debussys weiche Entwicklungen für weiblich. In jedem Mann gibt es eine Frau, in jeder Frau einen Mann.

Und trotzdem finden sich nachher weniger Frauen im Musikbetrieb.

Eben. Das liegt auch an den Agenturen und Verlagen, die brauchen ihre Leuchttürme, die anderen laufen so mit. Ich habe das in Amerika selbst mal miterlebt: zwanzig Komponierende wurden ausgewählt, aber dann entschieden sie, drei davon richtig zu pushen, die anderen bekommen nur die Tantiemen, wenn sie trotzdem was absetzen. Ich arbeite schon immer ohne Agentur, habe nur Verleger für meine Werke, die Opern zum Beispiel bei Ricordi. Meine Aufträge bekomme ich durch die Musikerinnen und Musiker. Ich habe das Glück, dass sie mich gern spielen wollen. Meine Mutter sagte immer: Die Musiker sind deine Agenten!

Wie haben Sie sich der neuen Diabelli-Komposition genähert?

Mein Kontrapunkt-Professor war der Überzeugung, erst musst du studieren, was die anderen gemacht haben. Die Diabelli-Variationen von Beethoven habe ich selbst als Pianistin gespielt. Aus dem Diabelli-Thema habe ich drei Motive, Klanggesten, als Attraktoren ausgewählt, sie ziehen die Komposition in eine bestimmte Richtung. Also anders als bei Schönberg, wo die Töne ohne Hierarchie in einer endlosen Wanderung aufeinanderfolgen, ohne dass man fühlt, wohin es nach Hause geht. Ich nehme die Motive mit in meine Klangwelt, es ist eine Reise, bei der ich weiß, wohin ich am Ende will. Ich habe ja auch Mathematik studiert und folge dem logischen Denken, aber durchflutet von meinen Wünschen und spontanen Entscheidungen. Auf meiner Reise verpasse ich auch mal einen Zug, weil ich mich verplaudere, lasse mich vom Winde verwehen, aber komme wieder an.

Wie emotional ist diese Reise, können wir das miterleben?

Der Teppich ist das logische Denken, geknüpft aus der Absorption von Diabellis Motiven und dem Kulturgut der Epochen, aber ich erlaube mir, auf diesem Teppich zu tanzen. Nur der Teppich, also die Struktur, oder nur das Tanzen, die Willkür, je allein genügen nicht. Poesie ist eben auch nicht nur ein Fluss der Emotionen, jedes Wort hat seinen Sinn in einem Gedicht von Goethe, und bei Beethoven dürfen Sie keinen Ton weglassen.

Ich schreibe aber nur, was ich auch fühle. Als ich mal nach Donaueschingen eingeladen war zu den berühmten Musiktagen der Avantgarde, wusste ich natürlich, was da theoretisch verlangt wird. Aber ich habe mich nicht danach gerichtet, ich schreibe ja nicht, um bestimmte Professoren zu befriedigen. Und so gab es nachher zur Hälfte Buhs und zur Hälfte Bravos, einige mochten also meinen Verstoß gegen die reine theoretische Lehre.

Karten für das Konzert am 5. November, 18 Uhr, gibt es im Staatstheater unter Telefon (0531) 1234567 und im Internet unter www.konzertkasse.de