Braunschweig. Edda Schröder, Gründerin von Invest in Visions, über Rückzahlungsmoral, soziale Rendite und wie ein Mikrofinanzfonds funktioniert.

Kleine Kredite mit großer Wirkung – das ist das Geschäftskonzept von Edda Schröder. 2006 gründete die einstige Bankerin mit eigenem Kapital die Invest in Visions GmbH und initiierte den ersten Mikrofinanzfonds in Deutschland, der sich auch an Privatinvestor:innen richtet. Heute verwaltet sie mit ihrem Team knapp eine Milliarde Euro. Wir trafen die Gründerin bei ihrem Besuch der Braunschweiger Privatbank und sprachen mit ihr über geschlechtsspezifische Rückzahlungsmoral, soziale Rendite und darüber, wie ein Mikrofinanzfonds funktioniert.

Frau Schröder, Sie gelten als Vorreiterin des sogenannten Impact Investings. Für die Gründung von Invest in Visions haben Sie Ihre Position als Geschäftsführerin bei der Fondsgesellschaft Schroders aufgegeben. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Es war das Thema Mikrofinanz, eine Art Hilfe zur Selbsthilfe, die sich gerade in den Entwicklungsländern positiv auswirkt und speziell Frauen finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht. Diese Möglichkeit fand ich total faszinierend. In Peru habe ich mir die Umsetzung vor Ort angeschaut und viele mutige Frauen getroffen. Ich wollte mithelfen, so etwas zu ermöglichen.

Mit Invest in Visions vergeben Sie Darlehen über einen sogenannten Mikrofinanzfonds. Können Sie die Idee dahinter erklären?

Wir sammeln mit dem IIV Mikrofinanzfonds in Deutschland Geld von Investor:innen ein und vergeben Darlehen an Mikrofinanzinstitute, also spezialisierte Banken in Entwicklungs- und Schwellenländern – mit der Maßgabe, dieses Geld an Menschen auszuzahlen, die sich entweder selbstständig machen wollen oder das Darlehen als Betriebsmittel- oder Investitionskredit nutzen. Das Mikrofinanzinstitut zahlt das Geld an die Kleinstunternehmer aus, welche die Summe nebst Zinsen nach einiger Zeit wieder an das Institut zurückzahlen. Dieses wiederum zahlt das Darlehen an den Mikrofinanzfonds zurück – und daraus erzielt der Investor seine Rendite.

Edda Schröder, Gründerin derImpact-Mikrofinanzgesellschaft Invest in Visions.
Edda Schröder, Gründerin derImpact-Mikrofinanzgesellschaft Invest in Visions. © privat | Privat

Wie genau funktioniert die Vergabe in der Praxis?

In Ländern wie Kambodscha, Sri Lanka oder Uganda trauen sich die Menschen häufig nicht, eine Bank zu betreten. Oft wissen sie nicht, wie die Kreditvergabe funktioniert oder haben aufgrund ihres Wohnorts keinen Zugang. Deshalb kommt der Berater zu dem potenziellen Kreditnehmer ins Dorf und stellt eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung auf, um sicherzustellen, dass das Darlehen zurückgezahlt werden kann. Wenn diese Rechnung passt, wird das Geld ausgezahlt.

Wie groß sind die Kredite im Schnitt?

1.600 US-Dollar sind es im globalen Schnitt. In Indien bewegen sich die Kredite eher in einer Größenordnung von 100 bis 200 US-Dollar. In Osteuropa, zum Beispiel in Bosnien und Herzegowina, können die Darlehen aber auch schon mal 20.000 bis 30.000 US-Dollar betragen.

Und wie viele Mikrokredite haben Sie bereits vergeben?

Über die von uns gemanagten Fonds waren es insgesamt bestimmt über 1,5 Milliarden Darlehen mit einer Kreditsumme von etwa zwei Milliarden Euro.

Wie sieht der klassische Kreditnehmer oder die klassische Kreditnehmerin aus?

Es sind Menschen mit typischen regionalen Berufen. Das ist der Gemüsehändler, die Betreiberin einer Straßen-Garküche oder der Landwirt. Es kommt immer ein bisschen auf die Volkswirtschaft des jeweiligen Landes an. In Nicaragua gibt es beispielsweise überwiegend Kaffee- und Kakaoanbau. In Sri Lanka arbeiten viele Menschen als Tuktuk-Fahrer. Und Kirgisistan ist für Viehzucht bekannt.

Laut dem Microcredit Summit Campaign Report sind weltweit fast 83 Prozent der ärmsten Mikrokreditnehmer weiblich. Wie kommt das zustande?

Es wird forciert, dass speziell Frauen über die Darlehen gefördert werden. In Usbekistan, wo der Mikrofinanzfonds auch investiert, ist der Anteil der Kreditnehmer noch überwiegend männlich. Deshalb haben die Institute, mit denen wir zusammenarbeiten, eine Kampagne gestartet, um Frauen auf die Darlehen aufmerksam zu machen. In Workshops wird ihnen erklärt, wie Mikrokredite funktionieren und welche Risiken damit einhergehen. Frauen sind doch etwas risikoaverser als Männer und trauen sich oft nicht zu, den Kredit zurückzahlen zu können.

Gäbe es nicht auch außerhalb von Entwicklungs- und Schwellenländern Bedarf an solchen Krediten – beispielsweise in Deutschland?

Es gab vor etwa 15 Jahren ein solches Programm der EU, die 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat, um Darlehen an Mikrounternehmer in Deutschland zu vergeben. Das waren Kredite bis maximal 10.000 Euro. Leider wurde das Programm nach einiger Zeit eingestellt, weil die Administration schwierig war und die Darlehensrückzahlung sich schwierig gestaltete.

Also ist die Rückzahlungsquote in Entwicklungsländern besser?

Ich glaube, dass unser Sozialsystem es einfacher macht, zu sagen: Ich gebe meine Geschäftstätigkeit wieder auf. In einem Entwicklungsland gibt es kein soziales Netz wie das Bürgergeld. Da hat man meist nur diese eine Chance. Und: Die Rückzahlungsquote ist bei Frauen und weiblichen Gruppen noch einmal deutlich höher als bei Männern.

Bei Gruppen?

Die vom Begründer der Mikrofinanz-Idee, Muhammad Yunus, eingeführten Gruppenkredite gibt es in Indien heute noch. In einer Gruppe sind zum Beispiel 30 Frauen und jede bekommt ein Darlehen über 100 oder 200 US-Dollar. Sie haften gegenseitig für die Rückzahlung. 2019 habe ich in Indien eine Gruppe kennengelernt, die seit 30 Jahren zusammen Kredite aufnimmt, das ist schon faszinierend. Und die Rückzahlungsquote liegt bei über 99 Prozent.

Inwiefern profitieren Sie von der Vergabe der Darlehen?

Wir müssen den Fonds managen und uns überlegen, in welche Länder wir gehen, mit welchen Mikrofinanzinstituten vor Ort wir zusammenarbeiten und diese Banken prüfen. Dafür beziehen wir aus dem Fonds eine Verwaltungsgebühr.

Was macht Mikrokredite für Investor:innen und Anleger:innen interessant?

Im Vordergrund steht die soziale Rendite. Es sind sinnstiftende Investments, mit denen man nachvollziehbar etwas Gutes tun kann. In unserem Monatsbericht präsentieren wir immer eine Erfolgsgeschichte der Menschen, die durch Mikrokredite Geld bekommen haben. Ich glaube, dieser persönliche Bezug und die Möglichkeit, Menschen zu helfen, sich selbst aus der Armut zu befreien, machen den Mikrofinanzfonds für Investor:innen interessant.

Eine vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Auftrag gegebene Studie kritisiert, dass hohe Zinsen Mikrokreditnehmer:innen in die Verschuldung treiben können. Bauen die Kredite also tatsächlich Armut ab?

Ganz klar, diese Fälle gibt es. Auch wenn die Mikrokredite etwas Gutes bewirken sollen, ist es immer noch ein Wachstumsmarkt. Es gibt Menschen, die das ausnutzen. Wir achten zum Beispiel darauf, dass die Kreditnehmer marktgerechte Zinsen zahlen. Manche Institute nehmen aber höhere Zinsen oder achten nicht darauf, ob der Kunde seinen Kredit zurückzahlen kann. Das passiert zum Beispiel, wenn die Kreditberater nach Stückzahlen bezahlt werden.

Können Sie beziffern, was marktgerechte Zinsen sind?

Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. In Osteuropa sind Zinsen von 17, 18 Prozent marktgerecht. In El Salvador liegen die Zinssätze bei etwa 29 Prozent. Viele sagen, das hat mit einem sozialen Kredit nichts zu tun.

Was entgegnen Sie?

Man darf nicht vergessen, dass in diesen Ländern ein ganz anderes Zinsniveau herrscht als bei uns. Laut der Weltbank liegt der globale Durchschnittszinssatz bei 24 Prozent. Und man muss auch den hohen Verwaltungsaufwand vor Ort sehen. Wenn das Mikrofinanzinstitut nicht profitabel ist, kann es sich nicht lange halten.

Sie sprachen davon, dass die Rückzahlungsquote sehr hoch ist. Hat sich das durch die Corona-Pandemie geändert?

Die Menschen, die wir über den Mikrofinanzfonds finanzieren, sind Landwirte, Gemüsehändler und ähnliches. Die müssen raus, um Geld zu verdienen. Und das konnten sie natürlich nicht. Die Ausfallquote war dadurch wesentlich höher. Aber nach etwa anderthalb Jahren hat sich der Zustand wieder normalisiert. Die Kreditnehmer konnten wieder Einkommen generieren und haben ihre Darlehen zurückgezahlt.

Wie haben Sie auf den Rückzahlungsengpass reagiert?

Viele Entwicklungs- und Schwellenländer haben den Endkreditnehmern sogenannte Moratorien gegeben, also eine Stundung der Darlehen. Der Mikrofinanzfonds hat haben den Mikrofinanzinstituten ebenfalls die Darlehen gestundet, weil die sie nicht zurückzahlen konnten. Ende 2022 hatten wir noch 0,3 Prozent Stundungen im Portfolio, der Rest läuft wieder nach Vorgabe.

Wie stark betrifft das Kreditausfallrisiko Invest in Visions selbst?

Direkt betrifft es uns nicht. Erst wenn der Vertragspartner des Fonds, also das Mikrofinanzinstitut in den jeweiligen Ländern, den Kredit nicht zurückzahlen kann, müssen das Darlehen abgewertet und Rückstellungen im Portfolio gebildet werden. Das hat Auswirkungen auf den Fonds. Auf uns als Finanzportfolioverwalter hat es nur indirekt Auswirkungen, weil wir durch den Fonds und die sogenannten Assets under Management, also das verwaltete Vermögen, verdienen. Wenn es sinkt, verdienen wir auch weniger.

Was können Investor:innen ihres Mikrofinanzfonds in den kommenden Jahren erwarten?

Mit Vorhersagen bin ich immer vorsichtig. Das Zinsumfeld verändert sich gerade und auch die Zinsen für die Mikrofinanzinstitute steigen nachgelagert, um etwa 0,5 bis 1,5 Prozent. Andererseits fallen die Währungsabsicherungskosten, bei unserem Fonds vor allem von Euro in US-Dollar, sodass wir zum Jahresende aktuell mit einer Renditenerwartung von über zwei Prozent rechnen.

Und noch eine abschließende Frage: Was ist Ihre persönliche Vision für die Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass man Mikrofinanz gar nicht mehr benötigt, weil Menschen überall auf der Welt Zugang zu finanziellen Mitteln haben, gerade Frauen. Dass sich dadurch Volkswirtschaften ändern, Bildung gefördert wird und wir mehr Demokratien in der Welt hätten.