Braunschweig. Seit 14 Jahren steht Fan Volker Ocklenburg bei jedem Heimspiel vor der Südkurve und schwenkt die riesige Fahne. Das ist die Geschichte dahinter.

Wenn es geregnet hat oder auch nur ein leichter Wind weht, ist für Volker Ocklenburg Schwerstarbeit auf der Tartanbahn des Eintracht-Stadions angesagt. Seit mittlerweile 14 Jahren schwenkt der Fan des Braunschweiger Fußball-Zweitligisten die gigantische blau-gelbe Fahne bei den Heimspielen. Ungefähr 40 Quadratmeter ist sie groß mitsamt einem sieben Meter langen Stab. Zusammengepackt wiegt sie vielleicht ein Kilogramm und passt in eine Sporttasche. „Aber wenn sie nass wird, ist sie eigentlich nicht mehr händelbar“, erklärt der 57-Jährige.

Wenn der Klassiker „You‘ll never walk alone“ im Stadion ertönt, schnappt er sich die Fahne - genauso wie beim Einlaufen der Teams und bei Toren. „Natürlich nur bei Toren der Heimmannschaft, versteht sich“, sagt Ocklenburg und lacht. Er denkt darüber nach, sie auch zu schwenken, wenn die Eintracht gerade eine Druckphase hat. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass er überhaupt zum Fahnenschwenker wurde?

Die Schwenkfahne gehört nicht ihm allein, sondern dem Fanklub „Weblöwen“, die sich 1999 gegründet haben. Ocklenburg sei kein Mitglied der ersten Stunde, aber schon seit Ende 2001 dabei. Er lebt in Schaumburg, dem Einzugsgebiet von Hannover 96. „Im absoluten Feindesland also“, sagt der Eintracht-Fan. „Und die Weblöwen leben diese Rivalität richtig.“

Große Schwenkfahne erinnert an demokratischen Freistaat Braunschweig

2008 soll daher Matthias Lenz, der sich in der Vergangenheit als Baukoordinator des Fanhauses in der Rheingoldstraße verdient gemacht hatte, auf die Idee gekommen sein, eine Fahne anzuschaffen, die an den demokratischen Freistaat Braunschweig erinnert. 2009 wurde sie gekauft, strahlt zu gleichen Teilen in Blau und Gelb. In der Mitte prangt ein Wappenschild. Links zu sehen sind zwei Leoparden auf roten Grund, die für Braunschweig und Wolfenbüttel stehen, der blaue Löwe auf gelbem Grund mit roten Herzen repräsentiert die Region nördlich von Braunschweig bis Lüneburg.

Doch als die Fahne geliefert wurde, ergab sich das nächste Problem. Wer kann sie überhaupt schwenken? Die Weblöwen trafen sich einfach mal auf dem Stadionvorplatz und probierten aus. „Und kaum jemand hat diese Fahne hochbekommen“, erinnert sich Ocklenburg. Nur er und Lenz schafften es und wechselten sich fortan ab. „Ich bin ja kein Brecher, aber ich habe es mit Technik versucht, und die Fahne in die Hüfte gestemmt“, erklärt er.

Noch heute macht sich Ocklenburg bei Treffen des Fanklubs den Spaß, die Fahne mitzubringen, damit die anderen Mitglieder ihr Glück versuchen können. Auch seinen Nachbarn hat er im Garten schon einmal probieren lassen. „Da spielen sich Dramen ab“, sagt er und lächelt. Auch Anthony Ujah wollte sich einmal das gigantische Stück Stoff schnappen, gab aber schnell wieder auf.

Eintracht Braunschweigs Ultras informieren den Fahnenschwenker über Choreos

Ocklenburg kennt die Fahne in der Größe einer Einzimmer-Wohnung mittlerweile genau und weiß wann er sich in Richtung des Marathontores verziehen muss, wenn der Wind durchs manchmal zugige Rund des Stadions an der Hamburger Straße pfeift. Aber eigentlich steht er gern in der Mitte der Südkurve und legt die Fahne auch dort ab, damit sie bei den Fernsehübertragungen zu sehen ist. Wenn die Ultra-Szene eine Choreographie plant, mailt sie dem Schaumburger aber auch schon einmal, damit er währenddessen die Sicht auf das Kunstwerk freigibt.

Einmal hat er sich auch schon in die Nordkurve aufgemacht. Das war in der Saison 2009/10. Gegen den VfB Stuttgart II lag die Mannschaft von Trainer Torsten Lieberknecht mit 1:3 zurück. Kurz nach der Pause fiel das 2:3. „Da war dann eine richtige Aufbruchsstimmung zu spüren, die Mannschaft wollte richtig, als sie rauskam. Und ich bin losgelaufen, ohne groß nachzudenken“, erzählt Ocklenburg.

Den Blick hatte er wegen der schweren Fahne auf der Schulter gen Boden gerichtet, als plötzlich Jubel aufbrandete. „Ich habe gedacht, der Ausgleich ist gefallen. Aber da standen alle Fans auf und haben mir applaudiert“, sagt er. Dass die Mannschaft das Spiel gegen den Außenseiter noch mit 4:3 gewann, rundete den perfekten Nachmittag ab.

Eintracht Braunschweigs Fan hört den Trashtalk der Spieler auf dem Rasen

Von dort unten, knapp hinterm Tor, kriegt er taktische Feinheiten zwar nicht unbedingt mit, aber ist verdammt nah dran und spürt denselben Rückenwind aus der Südkurve wie die Spieler. „Du hörst den Trashtalk, siehst die Zweikämpfe ganz anders. Und eigentlich müsste man bei jeder Ecke abpfeifen, da passiert immer was“, erklärt der Eintracht-Fan. In den 1970er-Jahren war er erstmals im Stadion. Obwohl er aus Schaumburg kommt, verfiel er der Eintracht und ihren blau-gelben Farben. „Rote Trikots hatten irgendwie alle. Blau und gelb, das war etwas Besonderes, genau wie Spieler wie Popivoda, Franke oder Breitner“, sagt er. Sein Vater nahm ihn mit. Als erstes Highlight ist ihm ein Sieg im DFB-Pokal gegen den Hamburger SV in Erinnerung geblieben. Ein 4:3 nach Verlängerung gegen Manni Kaltz, Horst Hrubesch, Franz Beckenbauer, Felix Magath und Co. Warum Ocklenburg Eintracht-Fan ist, wird er allein aufgrund seines Wohnortes einmal pro Woche gefragt.

Doch obwohl er schon 14 Jahre auf der Tartanbahn zu Hause ist, kann er sich relativ unbemerkt im Stadion bewegen. „Die Fahne kennt aber eigentlich jeder“, sagt der Dauerkarten-Inhaber. Gerne hätte er eine Möglichkeit, sie im Eintracht-Stadion zu lagern und zu trocknen. Denn das etwa sechs mal sieben Meter große Ungetüm hat bei ihm zu Hause keinen geeigneten Platz, zumal die kleinen Granulatkrümel von der Laufbahn im Haus ordentlich Dreck verursachen würden. „Warum hängst du sie nicht in deinem Carport auf, hat mich mal jemand gefragt“, sagt Ocklenburg. Aber er fürchtet, dass sie in der Hannover-dominierten Region geklaut werden würde, zumal dies unter Fan-Szenen ja ein eigener Sport ist. „Eine brennende blau-gelbe Fahne im 96-Block in der Größe. Das wäre eine Katastrophe.“

Lange Zeit gab es laut dem Anhänger der Blau-Gelben noch vier, fünf Fahnenschwenker vor der Südkurve. Heute sind die Weblöwen mit ihren zwei Fahnen oft allein. Für Ocklenburg, der sich als Fahnen-Fan bezeichnet, wäre es „cool, wenn sich noch ein paar Leute trauen würden, mitzumachen“. Ein geordnetes Aufstellen auf dem Platz, wie es etwa beim FC Schalke 04 oder dem Karlsruher SC passiert, findet er nicht ganz so gut, „aber in der Südkurve mit fünf oder sechs Schwenkfahnen zu stehen... das wäre schon geil.“