Ribbesbüttel. Trotz des Abstiegs steigen die Mitgliederzahlen des Ruhrpott-Vereins. Beim Besuch eines Fan-Clubs in Ribbesbüttel wird der blau-weiße Mythos spürbar.

Es ist 19:04 Uhr. Im Keller der Familie Beith in Ribbesbüttel dröhnt der Bass aus den Boxen. Ikke Hüftgold gibt alles. Auf die Schlager-Melodie des Klassikers von Michael Holm „Mendocino“ hat der Ballermann-Barde einen neuen Text gelegt. Die Fans des FC Schalke 04 kennen ihn längst. Norbert Beith, Vorsitzender des Fan-Clubs „Königsblaue Niedersachsen“, zählt ein. „Und alle“, ruft der 63-Jährige, als der Refrain in die nächste Runde geht: „Asamoah, Asamoah/ Du siehst aus wie Gerald Asamoah/Geh‘ noch ma vor/schieß‘ noch ein Tor/ Du siehst aus wie Gerald Asamoah“, singt Beith, während er in blau-weißer Vollmontur die Arme in die Höhe reißt und auf und ab hüpft.

„Das Lied kennst Du nicht? Gibt‘s doch gar nicht. Mein Lieblingslied aktuell“, sagt Beith. Der Song sei quasi Kulturgut unter Schalkern. „So wie Asa eben auch kult ist, einfach ein Super-Typ.“

Drama: Als Schalke 04 für vier Minuten Deutscher Meister war

Gerald „Asa“ Asamoah ist einer der Helden der jüngeren blau-weißen Vergangenheit. Er repräsentiert noch die erfolgreicheren Zeiten, als der Verein aus dem Ruhrpott 1997 erst überraschend den Uefa-Pokal gewann und sich dann um die Jahrtausendwende zu einem echten Bayern-Jäger mauserte. 2001 reichte es dann zumindest zur „Vier-Minuten-Meisterschaft“. Ein Saisonfinale, das kein Fußball-Fan in Deutschland bis heute vergessen hat - die Tränen der Schalker mit eingeschlossen.

Die gute Zeit endete irgendwann Mitte der 2010er Jahre. So ganz weiß Beith nicht, wann die schlechteren Tage begannen. Wer verantwortlich war, weiß er ganz genau. Als Christian Heidel als Manager gekommen wäre, sei irgendwas kaputtgegangen. Das war im Jahr 2016. „Der hatte einen 80-Millionen-Etat und hat nur Schrott zusammengekauft.“ Millionen-Flops wie Bentaleb oder Rudy, wenn Beith diese Spielernamen hört, dann schwillt ihm noch heute der Kamm. Heidel hat es keine drei Jahre im Ruhrgebiet ausgehalten.

Schalker in Vorfreude auf die Spiele in Braunschweig, Mitglieder des Fan-Clubs „Königsblaue Niedersachsen“ in Ribbesbüttel.
Schalker in Vorfreude auf die Spiele in Braunschweig, Mitglieder des Fan-Clubs „Königsblaue Niedersachsen“ in Ribbesbüttel. © regios24 | Michael Uhmeyer

Gerald Asamoah war da längst eine Ikone. Mitglied der Schalker Ehrenkabine, so wie Otto Tibulsky, Raúl oder Rudi Assauer. Heute ist der frühere deutsche Nationalspieler, der auch - in Braunschweig will das keiner hören - für Hannover 96 entscheidende Tore erzielte, Teammanager des Vereins. Ein Verein, der in den letzten drei Jahren zweimal in die 2. Liga absteigen musste, weil man einst auf viel zu großem Fuß lebte und es lange nicht wahrhaben wollte.

Schalkes Absturz: Noch 2018 in der Champions League

Beiths Liebe zu Königsblau hat das aber keinen Abbruch getan. Das Gegenteil scheint der Fall. Der „Präsi“ eines Fan-Clubs, der mehr als 70 Mitglieder zählt, hält es da schon eher mit Karl-Heinz „Charly“ Neumann. Der Gastronom Neumann, eine Art „Godfather of Teambetreuer“ im deutschen Fußball, hatte einst den legendären Satz geprägt. „In schlechten Zeiten müsst ihr Schalker sein. In Guten haben wir genug davon.“

Wie wahr. Der sportliche Absturz der Gelsenkirchener sucht im deutschen Profi-Fußball wohl seinesgleichen. Nicht einmal der HSV kann da mithalten. Oder spielten die Hamburger 2018 noch Champions League?

Beith hat an diesem Abend noch andere Mitglieder zu sich eingeladen. Frank aus Gifhorn, Gina aus dem Kreis Peine sowie Anja und Phil aus Braunschweig sind dazugekommen, um über die königsblaue Gemütslage vor den beiden Spielen gegen Eintracht Braunschweig zu sprechen. Im Allgemeinen ist diese gut. Am Freitag trifft Blau-Weiß im Pokal auf Blau-Gelb, neun Tage später treten die beiden Traditionsclubs in der Liga gegeneinander an, dann erneut in Braunschweig.

Letztes Duell in Braunschweig: 2013 in Liga eins

Lang ist es her, dass Schalke-Fans in der Region diese Partie sehen konnten. Vor fast genau zehn Jahren spielte S04 zuletzt im Stadion an der Hamburger Straße. Damals in Liga eins. Im Schalker Trikot: Goretzka, Draxler, Meyer oder Fährmann. Für Eintracht liefen unter anderem Reichel, Ademi, Bellarabi oder Torhüter Davari auf. Das Spiel endet 3:2 für Schalke. Ein schmeichelhafter Sieg, wie nachher zu lesen war.

Zehn Jahre später sind beide Mannschaften auch wieder in einer Liga vereint. Die Hoffnung der Schalker ist groß, nach 34 Spieltagen direkt wieder hoch in Liga eins zu gehen. Das Pokal-Los empfindet Beith jedoch als äußerst undankbar. „Schwerer hätte es kaum kommen können. Ich könnte mir vorstellen, dass es in die Verlängerung oder sogar ins Elfer-Schießen geht“, sagt auch Frank Jörke. Dennoch glaubt er am Ende an ein Weiterkommen. Was sonst? Optimismus gehört zur königsblauen Grundtugend. Ansonsten wären die letzten Jahre schwer erträglich gewesen.

„Den Virus wirst Du so schnell nicht mehr los“
Norbert Beith zur Liebe zu Schalke 04

Auch Beiths Frau Gabi hält es mit den Königsblauen. Bei diesem Ehemann irgendwie nicht anders vorstellbar. Die Neffen habe er auch früh auf Linie gebracht. Einer sei als Kind für den BVB gewesen. „Bis er mal auf Schalke war“, erzählt er. Den blau-weißen Virus wirst Du dann so schnell nicht los.“

1997: Die Nacht von Mailand bleibt für Schalker unvergessen

Von der Faszination Schalke erzählt auch Jörke. Zwei frühere Arbeitskollegen aus Wolfsburg hätten ihn einst noch ins alte Parkstadion mitgenommen. „Die Atmosphäre, die Hingabe und die Herzlichkeit der Menschen haben mich sofort elektrisiert“, sagt er.

Sein bisher größtes Erlebnis als Fan sei das Finale im Uefa-Cup 1997 gewesen. „365 D-Mark für Karten und Fahrt, mit 120 Bussen von Herne Richtung Mailand, Party vor dem Dom. Nachts zurück ins Ruhrgebiet. So etwas bleibt für immer.“

In Beiths Keller scheint das königsblaue Epizentrum der Region zwischen Harz und Heide zu liegen. Alles ist in Blau und Weiß gehalten, selbst die Deckenfluter erzeugen in diesen Farben eine fast schon schummrige Stimmung. „Mach‘ mal bitte etwas mehr Licht an“, fordert der anwesende Fotograf dann auch schnell, in Sorge um die richtige Ausleuchtung seiner Motive.

Überall Schalke 04: Einmal den Fan-Shop leergekauft?

Fan-Club-Vorsitzender Norbert Beith mit einem Stück Steinkohlebruch aus der Gelsenkirchener Zeche Dahlbusch mit Unterschrift von SO4-Legende Olaf Thon. Dahinter die Replik einer Meisterschale.
Fan-Club-Vorsitzender Norbert Beith mit einem Stück Steinkohlebruch aus der Gelsenkirchener Zeche Dahlbusch mit Unterschrift von SO4-Legende Olaf Thon. Dahinter die Replik einer Meisterschale. © regios24 | Michael Uhmeyer

Zum Vorschein kommen dann Trikots, Wimpel, Fahnen. Dazu Kissen, Decken, Tischdeckchen, Windlichter, Gläser, eine Quietscheente. Auch „Erwin“, das Schalke-Maskottchen, darf nicht fehlen. Er klebt in verschiedensten Größen an der Wand, auch als Stoffpuppe gibt es ihn. Auf der Fußmatte steht: „Sie betreten nun Heiligen Boden.“

Das von Beith als „Schalke“-Brause titulierte Bier einer sauerländischen Großbrauerei wird von einem Flaschenöffner geöffnet, der der bei jedem gelösten Kronkorken auch die Schalker „Tor-Hymne“ anstimmt. Jetzt schon wieder: „Ein Leben lang, Blau und Weiß ein Leben lang“, knarzt es durch den Raum.

Und wenn Beith, seit einigen Tagen im Ruhestand, einmal nicht „Auf Schalke“ sein kann, hat er sich Schalke nach Hause geholt. Die eine Seite des Raumes hat er mit dem Blick in die prall gefüllte Arena tapeziert.

Zwölf Jahre auf Schalke-Dauerkarte gewartet - „Die wird vererbt“

Seit 2013 hat der gebürtige Calberlaher Beith zwei Dauerkarten in der Nordkurve. Stehplatz. Selbstverständlich. „Raten Sie mal, wie lange ich auf die warten musste? Zwölf Jahre.“ Den Anruf vergisst er bis heute nicht. Anfangs habe er an einen Scherz geglaubt. Dann habe der Mitarbeiter aus der Fan-Abteilung noch gefragt, ob er die Karten überhaupt haben wolle. Allein die Frage mache ihn schon wütend, habe er geantwortet. Gelächter im Partykeller. „Die Karten vererbe ich noch, die werden nie mehr abgegeben.“

So betritt der Gast den blau-weißen Partykeller.
So betritt der Gast den blau-weißen Partykeller. © regios24 | Michael Uhmeyer

Wie schwer es ist, insbesondere auswärts an Karten zu gelangen, weiß der Fanclub-Vorsitzende nur allzu gut. Denn Beith kümmert sich nicht nur um die Belange seiner Mitglieder, sondern ist auch im Schalker Fanclub-Verband (SFCV) tätig. So organisiert er für etwa 1000 Mitglieder im Bezirk 6, der große Teile des Postleitzahlenbezirks 3 in Deutschland umfasst, die Kartenvergabe bei den Auswärtsspielen. Eine logistische Herausforderung. „Fast ein Full-Time-Job“, sagt Beith.

Auswärtskarten für Schalke-Spiele sind ein rares Gut: Kleine Stadien, großes Interesse

Das Gebiet erstreckt sich von Gifhorn und Uelzen im Norden bis Kassel im Süden, dazu Hannover und der Raum rund um die Landeshauptstadt. Die Namen der dort eingetragenen Fanclubs - mal mehr, mal weniger klangvoll: Königsblau Solling von 1992, Schalke Supporters Vorsfelde, Schalker Wölfe, Blau-Weiße Eulen Peine, Libuda S04 Fanclub Linden, Göttinger Knappen oder Königsblaue Eichsfelder.

Ganz frisch dazugekommen seien Fans aus dem Ostharz. „Die Harz-Knappen“, erzählt Beith. Neue Fan-Clubs bräuchten aber Geduld, wollten sie bei der Kartenvergabe berücksichtigt werden. „Es gibt derzeit mehr Interesse als in der ersten Liga bei gleichzeitig insgesamt geringeren Stadionkapazitäten.“

„Wir Schalker sind doch alle bekloppt.“
Norbert Beith zur Entwicklung der Mitgliederzahlen

Man könne daher nicht auf Losglück hoffen. Entscheidend für die Ticketvergabe sei Aktivität, Mitgliedszahlen und Dauer der Mitgliedschaft sowie soziales ehrenamtliches Engagement abseits des Fußballplatzes. „Wir als Königsblaue Niedersachsen unterstützen mit Spenden und Zeit seit Jahren eine inklusive Einrichtung in Isenbüttel und pflegen auch regelmäßigen Kontakt zu einem Altenheim im Kreis Gifhorn. Wir organisieren Fan-Treffs, wenn es geht auch mit aktiven und ehemaligen Spielern, dazu Kegelfahrten und Schnitzeljagden“, nennt Beith Beispiele. Alles unter dem Motto „Hauptsache Schalke“. Diesen Zusatz führe man im Namen.

Trotz Abstiegs: Zahl der Schalke-Mitglieder steigt auf 177.000

„Wir Schalker sind doch alle bekloppt“, sagt Beith und lacht. Die Mitgliederzahlen unterstreichen seine Aussage. Seit dem erneuten Zweitliga-Abstieg kamen mehr als 6000 neue Mitglieder hinzu. 177.000 Mitglieder zählt der Verein heute. Wäre der FC Schalke eine Stadt, würde sich der Verein im Einwohner-Ranking in Deutschland knapp hinter Potsdam und Saarbrücken einreihen, noch vor Oldenburg und Regensburg und weit vor Wolfsburg oder Salzgitter. Dabei liefert Schalke sich mit dem Erzrivalen aus Dortmund seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz zwei bei den Mitgliederzahlen. Nur die Bayern sind enteilt. Wie auf dem Platz oft auch.

Wäre es für Schalke ohne die Pandemie sportlich anders gelaufen?

Für die beiden Spiele in Braunschweig hatte Beith allein aus seinem Bezirk mehr als 200 Kartenanfragen erhalten, bekommen hat er 28. „Da sieht man, das Schalke weiter eine Faszination ausübt.“ Es sei fast egal, in welcher Liga die Mannschaft spielen würde und welche Fehler die Vereinsführung in der Vergangenheit gemacht habe. „Wir gehen da immer wieder hin und feuern die Mannschaft an.“ Diese Unterstützung, so Beith, habe Schalke während der Corona-Pandemie mehr als anderen Vereinen gefehlt. Der erste Abstieg nach fast 40 Jahren Erstligazugehörigkeit für Beith daher folgerichtig.

Stadionerlebnis: Singen, Frotzeln, Bier und Bratwurst

Die Vorfreude auf Freitag und die Eintracht ist riesig. „Schalke zu sehen, ist immer ein Erlebnis. Insbesondere, wenn das Spiel um die Ecke stattfindet.“ Natürlich wolle man gewinnen. Viel wichtiger sei aber das gemeinsame Stadionerlebnis. Das Singen in der Kurve, das Anfeuern der eigenen Mannschaft, aber auch der nette Austausch anschließend bei Bier und Bratwurst mit den gegnerischen Fans. „Ich unterhalte mich mit allen, die nett sind. Sogar mit Doofmundern und Bazis“, sagt Beith.

Schalke wie eine Religion? Vergeben mussten die Fans schon oft

Für viele Fans ist die Liebe zum Verein eine Art Glaubensbekenntnis. Auf Schalke sprechen sie sogar von Religion. Auch in Beiths Partykeller fällt der Satz. Zumindest beim Vergeben und Verzeihen macht den Blau-Weißen so schnell niemand etwas vor. Wenn Leidensfähigkeit Einfluss auf sportlichen Erfolg hätte… Die Meisterschaft wäre wohl entschieden.